Morgenpost Online: Herr Schönbohm, für einen Politiker ist in der Regel nichts schwieriger, als Abschied zu nehmen. Trifft dies auch auf Jörg Schönbohm zu?

Jörg Schönbohm: Nein, überhaupt nicht. Ich bin dann 72 Jahre alt, seit zehn Jahren Innenminister und mehr als 52 Jahre im öffentlichen Dienst. Ich habe viel erlebt, meine Pflicht getan und meine Freude gehabt. Ich gehe erfüllt von dannen, weil ich eine sehr positive politische Bilanz ziehe.

Morgenpost Online: Politik birgt ein hohes Suchtpotential. Fürchten Sie Entzugserscheinungen?

Schönbohm: Nein. Ich habe dann Zeit, mich um meine acht Enkel zu kümmern. Und um meine Freunde, meine Geschwister, die in allen Teilen der Welt wohnen. Von daher gesehen gehe ich frohen Mutes. Ein fröhlicher Alter. Keine Nostalgie. Man muss immer nach vorn gucken.

Morgenpost Online: Freut Ihre Frau sich schon?

Schönbohm: Meine Frau sagt: Ich bin dankbar, wenn Du aufhörst, aber ich erwarte, dass Du nicht dauernd zu Hause und auch nicht dauernd weg bist. Ich habe einen gemeinnützigen Verein für einen deutsch-amerikanischen Jugendaustausch gegründet. Mit einem Freund in Washington will ich Stipendien für Schulbesuche ermöglichen. Außerdem will ich mich selbstständig machen. Ich werde das einbringen, wovon ich etwas verstehe: Internationale Verhandlungen führen oder die Ausbildung von Führungskräften begleiten. Ich habe auch ein Angebot von der Georgetown-University in Washington, dort Vorlesungen über das deutsch-amerikanische Verhältnis zu halten. Mal sehen.

Morgenpost Online: Eine Umstellung wird es sein…

Schönbohm: Natürlich. Wenn ich aufhöre, habe ich 21 Jahre Personenschutz hinter mir. Man hat sich daran gewöhnt, dass alles geschieht. Man geht morgens aus dem Haus, da sitzt einer, der fährt einen. Man braucht nie einen Parkplatz zu suchen. Dieser Service wird einem anfangs sicher fehlen. Aber ich bereite mich darauf vor. Ich bin daher im letzten Jahr wieder häufiger selber Auto gefahren. Politiker haben oft auch ein Problem aufzuhören, weil sie dann nicht mehr mit den Großen der Welt zusammenkommen. Doch ich habe meine Freunde, meine Familie und wenn ich die Großen dieser Welt vermisse, schreibe ich Ihnen.

Morgenpost Online: Die CDU will Ihnen den Ehrenvorsitz übertragen. Wenn Sie auf die turbulente Zeit zurückdenken – was empfinden Sie da?

Schönbohm: Zunächst bin ich zufrieden, dass die CDU zur Geschlossenheit zurückgefunden hat. Nach der sogenannten E-Mail-Affäre und dem Parteitag, auf dem mein Nachfolger Ulrich Junghanns mit nur zwei Stimmen Mehrheit gewählt wurde, hatte ich eine Phase der Enttäuschung und der Bitterkeit. Junghanns hat aber gemeinsam mit Johanna Wanka eine Lösung gefunden. Ich bin ja trotz meines Alters ein Jungpolitiker und hatte wenig Erfahrung mit Rankünen. Darum war ich von manchen etwas enttäuschter als man das in der Politik in solchen Situationen ist. Ich war davon ausgegangen, dass alle das Beste wollen.

Morgenpost Online: Vom Zustand der CDU wird auch abhängen, ob sich die SPD nach der Wahl erneut für die große Koalition entscheidet. Hält die Ruhe?

Schönbohm: Bei einem guten Ergebnis der Union, von dem ich ausgehe, sehe ich weiterhin keine großen Probleme. Ich traue der SPD dennoch zu, dass sie sich für ein rot-rotes Bündnis entscheidet. In meinem Beisein hat Wowereit mal sinngemäß zu Matthias Platzeck gesagt: Warum gehst Du immer mit der CDU zusammen, mach es doch mal mit der Linkspartei. Die läuft brav hinterher. Guck Dir das bei uns in Berlin an. Kann ja sein, dass das für Matthias Platzeck ein interessantes Modell ist. Rot-Rot wäre fatal für das Land. Man muss sich nur ansehen, welche unbezahlbaren Anträge die Linke gestellt hat.

Morgenpost Online: Sie gelten als innenpolitischer Hardliner. Haben Sie nicht auch überzogen – wie bei den Fußfesseln für Schulschwänzer?

Schönbohm: Ich hatte damals gesagt, man müsse überlegen, ob man kriminellen Schulschwänzern nicht eine elektronische Fußfessel anlegt, um die Allgemeinheit vor Schaden zu bewahren. Mir ging es immer um eins: Dass die Bürger ihre Freiheitsrechte wahrnehmen können und vor denen geschützt werden, die sie daran hindern, dieses zu tun. Aber man hat in Brandenburg ja immer sehr stark das Bild des „eisenfressenden Generals“ geprägt. Vor allem die SPD hat mir ein solches Image aufgezwängt. Die frühere Finanzministerin Simon war sich nicht zu schade, einen Artikel über mein Frauenbild zu schreiben. So nach dem Motto: Meine Frau sei zwar nett, aber ein bisschen dumm, sie stünde immer am Herd und gehe keinem Beruf nach. Meine Frau hat 35 Jahre lang als Lehrerin gearbeitet und hat drei Kinder großgezogen, die man vorzeigen kann.

Morgenpost Online: Für Wirbel haben auch Ihre Äußerungen nach dem neunfachen Babymord geführt.

Schönbohm: Ich habe in diesem nachdenklichen Interview gesagt, ich hätte keine wirkliche Erklärung für die schrecklichen Morde. Meine Frau hat mir schon abends prophezeit: Da kriegst Du ein Problem – wegen des Begriffs der Proletarisierung. Meine Frau hat Recht behalten. Ich habe die Wirkung meiner Worte unterschätzt und mich danach bei allen entschuldigt, die ich damit verletzt habe. Aber es kommt dazu, dass Bundestagswahlkampf war. Der Ministerpräsident sagte mir, das machen wir nicht zum Wahlkampfthema. Kurze Zeit später hat er kundgetan: Man muss nicht nur das Land, die Geschichte und die Kultur lieben, man muss auch die Menschen lieben. Er meinte damit Schönbohm, den Wessi.

Morgenpost Online: Den Wessi?

Schönbohm: Die Botschaft der SPD lautete doch ständig: Der Schönbohm, der ist hier nicht richtig angekommen, der versteht die DDR nicht. Ich wollte immer einen Beitrag dazu leisten, dass die Menschen die Bundesrepublik besser verstehen. Unsere Zukunft liegt im wiedervereinigten Deutschland und nicht in der DDR-Nostalgie.

Morgenpost Online: In seinem Buch plädiert Platzeck für ostdeutsches Selbstbewusstsein. Macht er das auch auf Kosten der Westdeutschen?

Schönbohm: Ja. Nur ein Beispiel: Wenn der SPD-Landesvorsitzende sagt, die Westdeutschen hätten für das Abitur 13 Jahre gebraucht, weil sie ein Jahr Schauspielunterricht unterbringen mussten, ist das eine Frechheit. Das ist eine unfaire Pauschalierung im 20. Jahr nach dem Mauerfall. Aber beim Thema ‚Stasi' , da will er versöhnen nach der Bibel. Das ist nicht in Ordnung.

Morgenpost Online: Dass im Polizeidienst Hunderte Ex-Stasi-Mitarbeiter beschäftigt sind, sorgt für Diskussionen. Warum überprüfen Sie diese erst jetzt oder anders gefragt: Jetzt noch?

Schönbohm: Wer angegeben hat, bei der Stasi gewesen zu sein und trotzdem von der Landesregierung genommen wurde, ist heute rechtmäßig im Dienst. Wir schauen uns aber die Verwendung der 201 ehemals hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter noch einmal an, weil ich nicht will, dass durch diese Diskussion Vertrauen in die Polizei verloren geht. Die Dienststellenleiter werden mit den Betroffenen sprechen, ob sie im Einzelfall Aufgaben an anderer Stelle bekommen. Zudem werden wir die Geschichte der Polizei in der DDR und zur Wendezeit mit dem Übergang in die Polizei wissenschaftlich aufarbeiten lassen.

Morgenpost Online: Ist es die richtige Debatte zur richtigen Zeit?

Schönbohm: Sie gehört dazu. Wir sollten in diesem Jubiläumsjahr aber zuallererst das Positive sehen: Ost und West, wir alle haben viel zusammen erreicht. Wir dürfen uns nur nicht überfordern.