Die umgestürzten Bäume sind abgeräumt, der Dachziegelschutt ist weggekehrt. Nachdem die offensichtlichen Schäden beseitigt wurden, die der Wirbelsturm am Pfingstmontag in Mühlberg verursacht hat, haben Experten die zahlreichen Schäden an den Baudenkmalen in der Stadt erstmals genauer untersucht. Ihr vorläufiges Fazit ist erschreckend. „Die Schäden sind viel schlimmer, als zunächst angenommen“, so Brandenburgs oberster Denkmalpfleger Detlef Karg. Der Landeskonservator, unterstützt von einem Architekten, hat sich jetzt persönlich ein Bild von der Lage gemacht. Als dramatisch bewertet er den Zustand des ehemaligen Zisterzienser Nonnenklosters mit Klosterkirche, Abtei, Refektorium, Propstei und Hospiz. Das Ausmaß der Schäden umfasse weit mehr als den Verlust des gerade sanierten, bei dem Unwetter abgestürzten Holzturms der Klosterkirche, der südlichsten Backsteinkirche Deutschlands. Nach einer ersten Einschätzung fürchtet Karg um die Statik des Kirchenschiffgewölbes.

Bleiglasfenster sind instabil

„An den Stellen, die entscheidend für die Tragfähigkeit des Gewölbes sind, befinden sich Putzstücke und Bröckchen“, sagt der Denkmalpfleger. Der bevorstehende Prüfaufwand sei immens. „Die häufig angewandte Vermessung per Laser reicht in diesem Fall nicht aus. Wir müssen direkt ins Gewölbe“, sagt Karg. Nicht weniger aufwendig sei der Ersatz der vielfach zerstörten Bleiglasfenster der Kirche. Der Austausch einzelner Scheiben genüge hier nicht. „Die über 200 Jahre alten Bleikonstruktionen sind teils extrem mürbe und nun instabil“, erklärt der Landeskonservator. Das könnte dazu führen, dass die komplette historische Fensterfront ausgewechselt werden müsse. Etliche Formsteine hätten sich zusätzlich gelöst.

Noch katastrophaler gestalte sich die Situation in der als Stadtmuseum genutzten, 1531 erbauten Probstei. Den wertvollen Decken- und Wandmalereien droht die Vernichtung. „Die Decken triefen vor Nässe, wölben sich bereits in die Tiefe, stehen kurz vor dem Absturz. Zudem wissen wir nicht, wohin das eindringende Wasser im Gebäude abfließt“, sagt Karg.

Auch den wegen seines alten Baumbestandes imposanten Friedhof hat der Tornado nicht verschont. „Die Hunderte Jahre alten Bäume sind zu mehr als 90 Prozent entwurzelt“, beschreibt Karg die Lage. Weiterer Schock: „Wir können nicht ausschließen, dass der Wirbelwind durch ein offenes Fenster in den Kapellenturm eingedrungen ist und diesen gedreht hat.“ Ein fingerdicker Riss von der Decke bis zum Boden bestärke diese Befürchtung. Der vom gedrehten Turm ausgehende Druck auf die Seitenwände könnte zu weiteren verheerenden Folgen führen.

„Die notwendigen akribischen Untersuchungen am historischen Ensemble werden uns allein die nächsten zwei Jahre beschäftigen“, lautet Kargs Prognose. Der bisher offenbar gewordene Schaden reiche nach Auffassung des Landeskonservators bis an die Millionengrenze. Bei dieser Rechnung sind noch nicht die Verwüstungen an Einzeldenkmälern in Privathand berücksichtigt.

Hilfsfonds gefordert

So sei beispielsweise das Dach des 1999 privatisierten Mühlberger Schlosses erheblich beschädigt, die Notwendigkeit einer umfangreichen Reparatur nicht auszuschließen. „Zu hoffen bleibt, dass wirklich jeder Besitzer eines denkmalgeschützten, vom Sturm betroffenen Hauses die Pflichtversicherung bedient hat“, sagt Karg. Um das historische Kulturgut in Mühlberg zu erhalten und die Bewohner in ihren Aufbaubemühungen zu unterstützen, plädiert der Landeskonservator für die Einrichtung eines Sonderfonds. Die finanzielle Hilfe und Anteilnahme nicht nur der Brandenburger sei gefragt.

Die Stadtverwaltung von Mühlberg hat unterdessen eine Dokumentation über die Auswirkungen des Tornados erstellt. Dazu würden Fotos, Berichte über die Schäden an Häusern und Bäumen sowie eine Aufstellung der Hilfsangebote aufgeführt, sagt Bürgermeisterin Hannelore Brendel (parteilos). Die Dokumentation werde dann der Landesregierung in Potsdam übergeben. Der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) habe die Fachberatung der einzelnen Landesministerien zugesichert, um die Schäden schnell zu beheben. Außerdem soll Mühlberg Hilfe aus dem Solidaritätsfonds des Landes erhalten.

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