Wilde Wölfe

Der verrufene Räuber kehrt zurück

| Lesedauer: 13 Minuten
Ulli Kulke

Foto: picture-alliance/ dpa / picture-alliance/ dpa/dpa

Vor über 100 Jahren wurde der letzte wilde Wolf in der Lausitz erschossen, danach galt er als ausgerottet. Inzwischen wandern Wölfe von Polen aus wieder ein. 60 bis 80 der Raubtiere leben wieder in der Region. Doch nicht alle freuen sich über die Rückkehr des „Canis lupus". Sie befürchten, dass die Wölfe Jagd auf Menschen machen.

Ungefähr könnte es stimmen. Sechs, acht Zentimeter lang sind die Pfotenabdrücke. Im Abstand von 40 oder 50 Zentimetern. Fast wie am Schnürchen auf den verharschten Schnee gedrückt. Hat dieser Tage hier auf dem Acker, zwischen den spröde gefrorenen Stoppeln in der Dämmerung ein hungriger Jäger sein Glück gesucht? Im geschnürten Trab gar, wie die Zoologen sagen? Das wäre ein deutlicher Hinweis, dass es ein Wolf war, weil er seine hinteren Pfoten immer im Abdruck der vorderen niedergehen lässt. War er allein? Erfahrene Wölfe, so sagt man, sollen diesen Tritt ja im Formationslauf perfektionieren, im nachfolgenden Gleichschritt gewissermaßen, so dass hinterher niemand sagen kann, ob da ein Einzelgänger oder ein Rudel im Dutzend unterwegs war – eine Technik übrigens, mit der der Vietcong einst die amerikanischen Späher im Dschungel verwirren konnte. Canis lupus, der Wolf, der große Lehrmeister auf dem Schleichpfad.

Oder war hier doch nur ein gemeiner Hund unterwegs, ein großer? Was ja wahrscheinlicher wäre. Aber auch gefährlich für ihn, denn in den Gemarkungen der Oberlausitz, auch hier bei Königswartha, geht er um: sein unberechenbarer Vetter Wolf, der manchmal keine Verwandten kennt und dem treuen Freund des Menschen an den Kragen geht, ihn bei Bedarf mit Haut und Haar verspeist. Der sich aber auch, je nach Stimmungslage, mit dem Hund paaren und fürsorgend eine Schar lustig tollender Welpen großziehen kann.

Alles ist möglich in der Lausitz, seit vor einigen Jahren der Wolf dort wieder heimisch wurde. Nicht nur Wolf und Hund fressen oder paaren sich dort, auch die Menschen liegen sich in den Haaren. Drei junge Frauen sind es, die sich stark machen für die Rückkehr des einst verrufenen Räubers; die ihm alle Wege öffnen wollen, heute in den Wäldern der Lausitz und bald im ganzen Land. Sie sind das PR-Management des Wolfes, das Büro „Lupus“. Und sie stehen einer Schar von Männern gegenüber, die die Frauen despektierlich „Lupinen“ nennen, und die sich auf dem Land als Opfer sehen der neuerlichen Sympathie zum Wolf, die bei den Menschen „um so größer wird, je höhere Etagen sie in den wolfsfreien Großstädten wie Berlin oder Dresden bewohnen“. So sieht es einer von ihnen, Christian Lissina vom Verein „Sicherheit und Artenschutz“.

Rückkehr nach mehr als einem Jahrhundert

Vor über 100 Jahren, am 27. Februar 1904 fiel der „Tiger von Sabroth“, niedergestreckt von den Kugeln eines Jägers, in einem Wald ganz in der Nähe von Königswarthe. Er war der letzte Wolf im Reich, danach war er ausgerottet. In der Lausitz verließ der Wolf deutschen Boden, und in der Lausitz kehrt er nun wieder zurück ins Land, eingewandert aus Polen über die Neiße, und mit der erwartbaren Spur des Raubtieres: Erst letzten Donnerstag riss einer von ihnen mal wieder zwei Schafe auf einer abgelegenen Weide im Landkreis Bautzen, ein weiteres wurde schwer verletzt, auch zwei totgeborene Lämmer waren das Ergebnis der Schreckensnacht auf winterlicher Weide. Der hohe, hartgefrorene Schnee hatte die eigens zum Schutz aufgestockten Zäune auf wenige Zentimeter schrumpfen lassen, eine Einladung an den Wolf. Zur Beruhigung genießt die Herde nun Sonderbewachung. Zwei Herdenschutzhunde des „Mobilen Einsatzteams“ der sächsischen Staatsregierung, stämmige, respektheischende Tiere aus den Alpen, wurden dem betroffenen Schäfer beiseite gestellt. Von Welpenbeinen an wachsen sie bei Schafen auf, schützen sie deshalb wie ihr eigenes Blut.

Doch auch die Hunde können nicht verhindern, dass die mittlerweile sechs bis sieben sesshaften Rudel mit rund 60 Wölfen in der Region Schaden anrichten. 2007 und 2008 fielen den Räubern jeweils rund 60 Schafe zum Opfer. Weit heftiger noch klagen Jäger und Förster über ihre neuerliche Konkurrenz im Wald um das Wild. Der Rehbestand sei regional bereits auf 20 Prozent reduziert, sagt Jäger Christian Lissina, und weiter: „Erst wenn wir den ersten Schulranzen eines Kindes an der Haltestelle allein auffinden, werden die Menschen aufwachen.“ Ein vor Monaten an einem Busstopp entdeckter mittelgroßer Blutfleck hat die Diskussion zusätzlich angefeuert. War es der Wolf? Von einem Opfer ist nichts bekannt, auch nichts über die Herkunft des Blutes.

Auch in der Lausitzer Bürgerinitiative „Sicher leben unter Wölfen“ sieht man durch die Zuwanderer aus dem Osten Freiheit und Lebensqualität eingeschränkt: „Kinder sollen wieder unbesorgt im Wald spielen können“, sagt deren Sprecher Tino Zimmermann. Wenn es nach seinem Verein ginge, sollten – wenn schon nicht die Bejagung möglich sei – als Sofortmaßname Gummigeschosse zum Einsatz kommen, um den Grauröcken die nötige Distanz zum Menschen anzutrainieren.

"Lupinen" kämpfen für die Wölfe

Kreismuseum von Bad Liebenwerda, am vergangenen Montagabend. Jana Schellenberg vom „Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz“ ist auf PR-Tour für den Wolf. Der brandenburgische Ort ist achtzig Kilometer vom nächsten Wolfsrudel in Sachsen entfernt, doch zu Schellenbergs Vortrag sind in den rund 100 Menschen fassenden Saal an die 150 Interessierte gekommen. Der Wolf als Publikumsmagnet. Auch hier könnte er ja mal als neuer Nachbar herziehen mit seiner ganzen Familie, wie die Zuhörer auf Schellenbergs Karten schnell erkennen, auf denen die Sichtungen und Streifzüge der Wölfe quer über ganz Nordostdeutschland schraffiert sind. Wann kommt er zu uns, ist er schon da?

Schellenberg, die als Sprecherin zusammen mit den beiden anderen „Lupinen“ – zwei Zoologinnen – das rührige Kontaktbüro im Ostlausitzer Rietschen leitet, kämpft für die Akzeptanz des Rückkehrers aus dem Osten, mit anrührenden Wolfsbildern, mit beruhigenden Statistiken. Seit 50 Jahren seien in Europa insgesamt neun Menschen von Wölfen getötet worden; in fünf Fällen sei dabei Tollwut im Spiel gewesen, die inzwischen hierzulande aber ausgerottet sei. Die anderen vier Unfälle wurden aus den spanischen Pyrenäen gemeldet, wo man die Tiere über die Jahre zu nah an einen Geflügelhof herangelassen habe und sie somit allen Respekt vor den Menschen verloren hätten. Und das Wild? Schellenbergs Tabellen sagen, dass die jährliche Strecke der Jäger seit Ankunft der Wölfe vor 15 Jahren sogar noch angestiegen sei.

Das Publikum gibt sich aufgeklärt beruhigt und wohlwollend gegenüber dem Wolf, der Grusel aus dem Märchen ist schließlich Kinderkram. Dennoch kommt Streit auf. Protagonisten aus der Lausitz sind auch im Saal, ein Schäfer klagt über behördliche Ignoranz bei Schafsrissen und ausbleibende Entschädigung, ein pensionierter Förster verweist auf russische Literatur, die ganz andere Informationen beinhalte als Schellenberg sie anführe: Gleich Hunderte Menschen sollen die Wölfe dort getötet haben. Und auf die Statistiken mit der Wild-Strecke könne man auch nichts geben, das ganze Muffelwild sei inzwischen vom Wolf ausgerottet. Mag sein, kontert Schellenberg, aber macht nichts, bei dieser Art handele es sich um verwilderte Hausschafe, die gar nicht in den Wald gehörten, während der Wolf ja eigentlich schon immer dort gewohnt habe. Den Bestand von Schalenwild könne der Wolf nie und nimmer gefährden, dafür wäre ein Revier, das ein kleines Rudel exklusiv für sich beanspruche, viel zu klein.

Ein Jäger, dessen Pacht – noch – nicht von Wölfen bevölkert ist, zeigt Verständnis. Wenn der Wolf den Wildbestand reguliert, müssten sich die Jäger eben etwas mehr zurückhalten, zeigt er sich kompromissbereit. Außerdem werde der Wald weniger geschädigt, wenn der Wolf Rehe, Hirsche und andere Baumfrevler kurz halte. Ihr habt hier leicht reden, antwortet da der Kollege aus dem Wolfsrevier, das ganze Wild haut aus unserer Gegend vor den Rudeln ab und rennt dann vor eure Flinte.

Bissige Wortwechsel im Saal, im abgedimmten Licht der Powerpoint-Bilder. Jäger gegen Jäger, Schäfer gegen die Artenschützer, und die drei Lupinen gegen die Angst im Volk, das erwartungsfroh mit leichtem Kitzel an die neuen Nachbarn im finsteren Tann denkt. Das eben in seiner Wolfsliebe entflammt sei durch „einen aus post-religiösem Angst- und Schuldkomplex entstandenen Natur- und Menschenbild“, wie es die Zeitschrift „Jagd und Wild“ sieht.

Hund oder Wolf?

Soweit hat es der Wolf kommen lassen. Wenn er denn überhaupt ein richtiger Wolf ist. Denn sogar hierüber wird gestritten. Christian Lissina hat da hartnäckige Zweifel. Er weiß, dass früher, zu DDR-Zeiten, die sowjetischen Truppen im Land „Hybrid-Wölfe“ im Wachschutz einsetzten, Kreuzungen aus Wolf und Schäferhund. „Die haben weniger gebellt, dafür besser gebissen als die Hunde“, sagt er und fragt: „Wer sagt denn, dass es nicht deren Nachkommen sind, die wir jetzt hier im Wald haben?“ Fachleute aus Russland hätten jedenfalls die Wölfe, die auf den riesigen Fotos im Wolfszentrum zu sehen seien, eindeutig als Hybride angesehen, „ganz klar“. Sein Verdacht geht noch weiter: Er will nicht ausschließen, dass die drei Frauen die Waldpromenadenmischungen ganz bewusst ausgesetzt haben, um sich hinterher mit ihrer Wolfssolidarität schöne Arbeitsplätze zu schaffen. Aus Westpolen, wie ursprünglich behauptet, könnten die Tiere nämlich gar nicht eingewandert sein, da gebe es in Wahrheit keine Rudel. Merkwürdig sei es schon, so macht er geltend, dass zur Vertuschung inzwischen nur noch von Ostpolen als Herkunft der Lausitzer Tiere die Rede sei. Verdacht über Verdacht.

Jana Schellenberg bestätigt, es habe vor Jahren einmal Hybridwölfe unter den im Wald geborenen Welpen gegeben, doch die habe man, um die Reinrassigkeit zu erhalten, eingefangen – bis auf zwei, die seien spurlos verschwunden im Dickicht. „Sehen Sie“, sagt Lissina da, „und wo sind die jetzt?“ Ilka Reinhard, eine der beiden anderen Wolfsbiologinnen, kann darüber nur müde lächeln: „Wer glaubt, der Anschlag am 11. September sei von der CIA verübt worden, der glaubt natürlich auch an die internationale Wolfsmafia.“ Gentests hätten eindeutig ergeben, dass es sich um Wölfe handele. Lissina will diese Tests nicht recht anerkennen, hofft auf neue Ergebnisse und darauf, dass letztlich doch die menschliche Sorge um die Reinrassigkeit des europäischen Wolfes ihm die Raubtiere vom Halse schafft. Deshalb schließlich steht auch der „Artenschutz“ als Ziel im Namen seines Vereins.

Tagebau bedroht die Rudel

Er mag echt sein oder nicht ganz echt, der Wolf in der Lausitz. Seine neue Wahlheimat indes hat nichts von jener Wildnis, vom Märchenwald, aus dem der Wolf in unserer Kindheit heraustrat, um die Großmutter oder die sieben Geißlein aufzufressen. Stattdessen dominieren Kiefernplantagenwälder die Landschaft, hocheffektive Landwirtschaft, Braunkohlekraftwerke in einer Dimension, dass ihre Turmspitzen in diesen trüben Tagen in den Wolken verschwinden und selbst das Wetter machen: „Achtung, Kühlturmniederschlag“ steht auf den breiten Straßen, die hier fast alle so neu sind, dass fünf Jahre alte Landkarten keine Orientierung mehr bieten, weil der Tagebau sich kreuz und quer durch die Landschaft frisst. „Wölfe brauchen keine Wildnis“ sagt Schellenberg, „sie kommen mit unserer Kulturlandschaft bestens zurecht.“ Im strengen Winter sowieso. Da ist das Wild zu schwach zum weglaufen. Ob es ein Trost für die Menschen ist, was Schellenberg zum Schluss ihres Vortrages ankündigt: „Das Revier des Rudels rund um Nochten wird bis zum Jahr 2050 verschwunden sein."

Nicht einfach anders aussehen wird es dann dort, sondern gar nicht mehr: Das ganze Land rund um den Ort Nochten beim Kraftwerk Boxberg wird verschwunden sein, aufgefressen von den Baggern des Braunkohletagebaus. Die haben noch größere und gefräßigere Mäuler als die Wölfe.