Kurz vor seinem Abschied in den Ruhestand Ende Januar hatte der Chef der Wirtschaftsförderungsgesellschaft „Zukunftsagentur Brandenburg“ (ZAB), Detlef Stronk, das desolate Erscheinungsbild der Potsdamer Regierung kritisiert. Die ständigen Stasi-Enthüllungen in den Reihen der rot-roten Koalition beschädigten das Image des Landes erheblich. Doch auch in Stronks Agentur konnte jahrelang ein hochkarätiger Stasi-Mann an verantwortlicher Stelle schalten und walten – weil niemand die Mitarbeiter überprüft hatte.

Hermann Häber (61) ist in der ZAB, die mehrheitlich dem Land gehört, Teamleiter „Außenwirtschaft der Wirtschaftsförderung“. In dieser Funktion organisiert er sogar Reisen des Ministerpräsidenten. Matthias Platzeck (SPD) will vom 11. bis 15. April mit einer Wirtschaftsdelegation Israel besuchen. Ein sensibles Unterfangen, das Häber in Angriff nahm. Der Wirtschaftförderer war zu DDR-Zeiten nicht nur Diplomat – er diente auch der Auslandsspionageabteilung HVA des DDR-Geheimdienstes.

Berichte für Erich Honecker

Der Angestellte des Außenministeriums übte eine offizielle und eine heimliche Tätigkeit aus. Als Offizier im besonderen Einsatz (Oibe) stieg Häber bis zum Stasi-Major auf. Seine Berichte für die HVA, die ihn üppig entlohnte und seine Rentenansprüche aufstockte, landeten selbst auf dem Schreibtisch von Parteichef Erich Honecker. Seine Kollegen wussten davon nichts, für sie war Häber der „Genosse Diplomat“ – zuletzt als stellvertretender Botschafter der DDR in Japan.

Das Doppelleben Häbers ist in einer rund 100 Seiten dicken Akte aus der Birthler-Behörde belegt, die Morgenpost Online vorliegt. Die Spionagetruppe von Markus Wolf notierte im August 1973, an der Person von Häber „besteht von unserer Diensteinheit operatives Interesse“. Was folgte, war eine fruchtbare Zusammenarbeit bis Ende der 80-er Jahre.

Im vereinten Deutschland verloren DDR-Diplomaten in aller Regel ihren Job. Häber kam 1999 bei der Wirtschaftsförderung unter. Trotz Stasi-Verstrickung, die in Brandenburg nicht weiter interessierte.

Nach Auskunft der Gesellschaft sind die Mitarbeiter der ZAB noch nie überprüft worden. Deshalb ist es nicht ausgeschlossen, dass weitere der etwa 120 Mitarbeiter eine Vergangenheit aufweisen, mit der sie in anderen ostdeutschen Bundesländern in einer solchen Gesellschaft untragbar wären.

Die Zukunftsagentur und das Wirtschaftsministerium unter Ralf Christoffers (Linke) haben bereits erste Konsequenzen gezogen, nachdem die „Bild“-Zeitung über den Fall Häber berichtet hatte. ZAB-Sprecher Alexander Gallrein sagte Morgenpost Online: „Vor dem Hintergrund der Vorwürfe haben wir uns im Einvernehmen mit Herrn Häber entschlossen, ihn bis zur Klärung des Sachverhalts und des Umgangs damit von den Aufgaben zu entbinden.“ Damit kam die ZAB auch der Bitte des Ministeriums nach.

Mehr Stasi-Fälle befürchtet

Nach Ansicht des Grünen-Fraktionschefs im Landtag, Axel Vogel, belegt der Fall erneut, dass es in Brandenburg kein einheitliches Verfahren zur Stasi-Überprüfung gegeben hat. „Es war purer Zufall, ob Mitarbeiter gecheckt wurden.“ So sei in Ministerien, aber auch in Kreis- und Stadtverwaltungen höchst unterschiedlich verfahren worden. Für Vogel ist die neuerliche Enttarnung eines Stasi-Manns in Landesdiensten nur die Spitze des Eisbergs. Er rechnet mit weiteren Enthüllungen. Für Brandenburg, wo es bisher vor allem Stasi-Enthüllungen zu Abgeordneten der Linkspartei gegeben hat, wäre das ein Desaster. Denn anders als von Regierungschef Platzeck erhofft, würde die Kritik über Versäumnisse in der Vergangenheit nicht abreißen. Das „Stasi-Land Brandenburg“ bliebe in den Schlagzeilen auch der überregionalen Presse.

CDU-Generalsekretär Dieter Dombrowski sieht dringenden Handlungsbedarf: „Wenn im Ausland der Eindruck entsteht, das ehemalige Angehörige des DDR-Geheimdienstes die Geschicke der Wirtschaftsförderung ist das verheerend.“ Sein Kollege Ingo Senftleben, parlamentarischer Geschäftsführer der Landtagsfraktion, wertet den Fall Häber als einen weiteren Beleg für die Versäumnisse bei der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit. „Dass erst jetzt die Stasi-Verstrickung von führenden Mitarbeitern in Behörden ans Tageslicht komme, hat die Politik mitzuverantworten“, sagte der Christdemokrat. Und weil auch seine Partei zehn Jahre lang an der Regierung beteiligt war, fügt er hinzu: „Davon nehme ich auch die eigene Fraktion nicht aus.“