Rechter Mord in Templin

Nur ein Graffiti erinnert noch an den Getöteten

Wegen eines bestialischen Mordes an einem Tischler stehen zwei Männer aus Templin ab heute vor Gericht. Sie gehören der rechten Szene an. Dass es eine solche Szenen in der Stadt gibt, hatte der Bürgermeister nach der Tat zunächst geleugnet. Heute sucht die Stadt nach der richtigen Umgangsart mit den Rechten.

Foto: Uta Keseling

Ein Graffitisprayer hat ihm ein letztes Denkmal gesetzt – an der Außenwand der verfallenen Werkstatt an der Templiner Stadtmauer. „Stippi K.“ steht da in Schwarz. Weiter erinnert nichts an Bernd „Stippi“ K., der am 21. Juli 2008 in dem verfallenen Klinkerbau starb, totgetreten von zwei polizeibekannten Neonazis, der eine 21, der andere gerade 18 Jahre alt. Sie hatten mit Bernd K. am Abend zuvor getrunken, waren dann in seine Werkstatt gegangen, wo der Tischler zeitweilig wohnte. Dort war K. eingeschlafen – was die jungen Männer so in Rage gebracht haben soll, dass sie ihn bestialisch ermordeten.

Ab heute müssen sie sich vor dem Landgericht Neuruppin verantworten. Sechs Prozesstage sind angesetzt, um zu klären, was die Männer zu dem Gewaltexzess trieb. Die fassungslosen Ermittler hatten in der Werkstatt des arbeitslosen Landtechnikers Blutspritzer bis auf 1,60 Meter Höhe gefunden, auf dem Leichnam lagen verschmorte Plastikflaschen. Einer der Täter soll versucht haben, den Toten anzuzünden. Motiv soll gewesen sein, dass die Angeklagten den Getöteten aufgrund ihrer rechten Gesinnung verachtet hätten, da dieser alkoholabhängig gewesen sei und zeitweilig im Obdachlosenheim gelebt habe, so die Anklageschrift.

Die Angeklagten waren vielen bekannt

Die Tat rief zunächst Erinnerungen an den grausamen Mord im rund 30 Kilometer entfernten Potzlow wach, wo drei Neonazis im Jahr 2002 einen 16-jährigen Sonderschüler gefoltert, als „Untermenschen“ verhöhnt und in einer Jauchegrube verscharrt hatten. Ulrich Schoeneich, Bürgermeister der 16.000-Einwohner-Stadt Templin, sorgte nach dem Mord für Schlagzeilen, weil er die Existenz einer rechten Szene in der Kurstadt vehement leugnete. Ein Benefizkonzert für das Opfer ließ er zunächst platzen. Als der Verfassungsschutz mitteilte, Templin gelte durchaus als Hochburg des gewaltbereiten Rechtsextremismus, warf er der Polizei vor, ihn nicht informiert zu haben. Im November gab Schoeneich auf einer Pressekonferenz zu Protokoll: „Wenn ich durch die Straßen gehe, dann erkenne ich Rechte nicht.“

Anderen fällt das leichter. Die Jugendlichen, die auf die Überlandbusse in die Dörfer warten, sagen: Ja, sie hätten die Täter vom Sehen gekannt. Ein 19-Jähriger, der mit Sven K. in die Grundschule ging, meint: „Das war ein ganz Normaler, bis er sich die falschen Freunde gesucht hat.“ Aber dass es keine gebe in ihrer Stadt? Sie schütteln den Kopf. Nebenan fährt vor dem Bäcker ein schwarzes Auto vor, ein kahl rasierter Mann steigt aus, er trägt eine schwarze Bomberjacke, schwarze Turnschuhe mit weißen Schnürsenkeln und aufgedrucktem „N“, das unter Rechten als Symbol für „Nationalsozialismus“ verwendet wird. Der Mann wird beim Bäcker freundlich bedient.

Der Umgang mit den Rechten ist schwer

Es ist schwer, den richtigen Umgang mit dem falschen Gedankengut zu finden. Die evangelische Maria-Magdalenen-Gemeinde lud nach dem Mord zu einer Andacht, bei einer Plakataktion des gemeindeeigenen „Jugendkellers“ ließen sich Hunderte Mitbürger ablichten. Jugendliche organisierten einen Tag der Demokratie. Dass mit solchen Aktionen auch rechte Jugendliche erreicht würden, bezweifelt jedoch auch der Pfarrer der Gemeinde, Ralf-Günther Schein. Rechtes Gedankengut sei zudem nicht allein ein Jugendproblem, meint er: „Im Kreistag der Uckermark sitzt für die NPD eine über 70-Jährige.“

Die Jugendlichen auf der Straße sehen das ähnlich. Zwar mögen sie alle „den Lutz“, den Jugendwart der Gemeinde, sagt eine 16-Jährige, „aber die Rechten gehen da natürlich nicht hin“. Dennoch, viele hätten inzwischen gemerkt, dass eine solche Gesinnung auf dem Schulhof nicht mehr ankommt. Ein Mitschüler berichtet von einem Gleichaltrigen, der jüngst seine Bomberjacke und andere Neonazi-Symbole abgelegt habe: „Mit dem kann man wieder ganz normal reden.“

Beim Chatten denken die Jugendlichen an ihn

Tagsüber ist Templin eine pastellfarben sanierte kleine Welt aus Rathaus, Kirchen und einer massiven Stadtmauer. Am Markt hat die SPD ihr Büro, rechtsextreme Parteistrukturen wie in anderen Gegenden Ostdeutschlands gibt es nicht. Wenn es Abend wird, legt sich Schweigen über die Straßen, sodass es eigentlich auffallen müsste, wenn junge Leute, wie Sven P. an jenem Abend, „Sieg Heil“ brüllen und ein Shirt mit einem Bild von Rudolf Heß tragen. Die Polizei fasste die Täter am nächsten Tag. Beide waren zuvor durch rechte Gewaltdelikte aufgefallen, Christian W. wurde drei Tage nach dem Mord zu sieben Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, weil er einen Arzt beleidigt und gestoßen hatte.

Ein Neffe des Opfers, Jörg Krüger, richtete schließlich doch das Benefizkonzert aus, er besaß bis vor Kurzem einen Pub. Sein dunkelhäutiger Mitarbeiter war einmal von Sven P. belästigt worden, gegenüber von seiner Kneipe trafen sich jahrelang rechte Jugendliche, sagt er. Der Bürgermeister betonte auf der Veranstaltung, es sei egal, ob „die Gewalt von rechts, links oder aus der Mitte“ komme. Inzwischen ließen sich die Stadtverordneten durch Fachleute über rechtsradikale Strukturen aufklären.

Bernd „Stippi“ K. hat seine letzte Ruhe in einem Gemeinschaftsgrab gefunden. Die Erinnerung an ihn wird weiterleben. „Er war im Angelverein, viele Jugendliche haben ihn gemocht“, sagt einer der Gymnasiasten an der Bushaltestelle. Manchmal, wenn sie nachmittags im Internet von Dorf zu Dorf chatten, sagt er, „dann denken wir an ihn“.