Inoffizieller Untermieter

Die diskreten Treffpunkte der Stasi

Der DDR-Geheimdienst hatte sich allein in Frankfurt/Oder in 538 Wohnungen eingenistet – als inoffizieller Untermieter. Dort erhielten IM neue Aufträge oder lieferten ihre Spitzelberichte ab. Konspirative Wohnungen suchte sich die Stasi bevorzugt in anonym wirkenden Häusern mit vielen Mietparteien.

"Hast du morgen Zeit?" fragt der Mann vor der Wohnungstür und hält eine halbe Skatkarte mit dem Kreuz-Buben in die Höhe. "Ja, immer", antwortet der angebliche Bewohner der Zwei-Raum-Wohnung am Frankfurter Juri-Gagarin-Ring, zückt die andere Hälfte der Spielkarte und lässt den Gast eintreten. Das geheime Treffen zwischen einem Führungsoffizier des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR und einem Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) ist angelaufen. Den geheimen Treffpunkt hat der Besitzer der Wohnung zur Verfügung gestellt.

Auf 538 Quartiere konnte die Stasi in Frankfurt (O.) für solche Zusammenkünfte zurückgreifen. Hier erhielten IM neue Aufträge oder lieferten ihre Spitzelberichte ab. Durch das persönliche Gespräch sollte das Vertrauen der Stasi-Zuträger zum DDR-Geheimdienst gefestigt und gleichzeitig der Spitzel von den erfahrenen MfS-Mitarbeitern studiert und eingeschätzt werden. "Die Stasi konnte ihre IM ja nicht direkt in die Behörde bestellen, da wären die geheimen Spitzel ja aufgeflogen", erklärt Rüdiger Sielaff, Leiter der Frankfurter Außenstelle der Birthler-Behörde. Ohne diese geheimen Treffpunkte hätte das Spitzel- und Überwachungssystem der Stasi nicht funktioniert.

"Rote Rose" machte 14 Jahre mit

Konspirative Wohnungen suchte sie sich bevorzugt in anonym wirkenden Häusern mit vielen Mietparteien, wo ein reger Publikumsverkehr nicht groß auffallen würde. Besonders viele geeignete Objekte gab es offenbar im Stadtzentrum, allein an der Karl-Marx-Straße 31.

Grundlage von Sielaffs Recherchen war eine vom MfS angelegte Straßenkartei mit allen 1200 konspirativen Wohnungen und Objekten im ehemaligen Bezirk Frankfurt. Mieter oder Eigentümer geeigneter Objekte wurden angeworben und verpflichteten sich wie andere IM zur Kooperation mit der Stasi. "Sie waren also selbst Inoffizielle Mitarbeiter mit entsprechenden Decknamen und einer eigenen Akte beim MfS", sagt Sielaff. 20 Prozent der rund 7000 Spitzel im ehemaligen Bezirk Frankfurt waren Inhaber solcher konspirativen Wohnungen, die meisten von ihnen Mitglieder der SED. Sie überließen der Stasi einen Schlüssel, stellten die Räume häufig ganztätig und vorbehaltlos zur Verfügung, erlaubten sogar die Mitnutzung von Kühlschrank oder Bad und sicherten zu, während der "Treff-Zeiten" selbst nicht zuhause zu sein. Die meisten handelten nach Recherchen Sielaffs freiwillig, nur wenige wurden von der Stasi dazu durch Erpressung gezwungen.

Der Mieter aus dem Juri-Gagarin-Ring beispielsweise nannte sich "Rote Rose" und ließ über 14 Jahre lang Stasi-Führer und IM ein- und ausgehen. Das Personal wechselte regelmäßig, jede konspirative Wohnung diente einer ganzen Reihe von IM als Kontaktstelle zum MfS. So standen nach Recherchen der Frankfurter BStU-Außenstelle für 6000 bis 7000 IM im Bezirk Frankfurt (O.) durchschnittlich 1200 konspirative Wohnungen zur Verfügung; in der Stadt Potsdam ebenfalls 1200 für bezirksweit 9500 IM und in der Stadt Cottbus 780 für bezirksweit knapp 11 000 IM.

Zur Belohung Geld und Edelkonserven

Für ihr Entgegenkommen wurden die Wohnungsinhaber belohnt. Mit 20 Mark Mietzuschuss monatlich - etwa die Hälfte der damaligen Mietkosten - bezahlte die Stasi beispielsweise "Rote Rose". Andere beschenkte das MfS mit Spirituosen, Präsentkörben, teuren Luxusgütern sowie "Edelkonserven". Oder übernahm die Miete gleich komplett.

Doch schnell konnte es mit der Konspiration vorbei sein. Die Bemerkung "Sie haben aber eine Menge Bekannte" einer neugierigen Nachbarin ließ das MfS seine Zelte in einem Frankfurter Plattenbau schnell abbrechen. In einem anderen Fall hatte die erwachsene Tochter der Wohnungsinhaber kurzerhand das Schloss auswechseln lassen. Mangels Rohlingen konnte die Stasi den neuen Schlüssel nicht kopieren: Sie war ausgesperrt.

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