Brandenburg

Eltern bieten Schmiergeld für das Turnen im Verein

Im Berliner Speckgürtel sind die Wartelisten für Sportvereine lang. Deshalb versuchen Eltern, ihren Kindern einen Vorteil zu verschaffen.

In einer Turnhalle in Kleinmachnow haben Kinder und ihre Eltern bei einer Übungsstunde des „RSV Eintracht“ Spaß

In einer Turnhalle in Kleinmachnow haben Kinder und ihre Eltern bei einer Übungsstunde des „RSV Eintracht“ Spaß

Foto: Amin Akhtar

Katrin Reitzig freut sich. „Zum 31. August habe ich für meine Tochter endlich einen Platz zum Kinderturnen bekommen.“ Helena ist jetzt zweieinhalb, bereits kurz nach der Geburt hatte die Mutter sie beim Sportverein „RSV Eintracht 1949“ in Stahnsdorf (Potsdam-Mittelmark) angemeldet. „Ich verfügte schon über Erfahrung mit meiner mittlerweile sechsjährigen Sarah“, sagt die Teltowerin. „Das Beste ist, sich möglichst früh zu kümmern.“

Zweieinhalb Jahre Wartezeit sind keine Seltenheit, wenn Eltern im Speckgürtel um Berlin ihre Kinder zum Sport schicken wollen. „Wir haben derzeit etwa 650 Anmeldungen, die wir momentan leider nicht berücksichtigen können“, bedauert Tanja Bartsch, die Geschäftsstellenleiterin des „RSV Eintracht“, gegenüber der Berliner Morgenpost. „500 davon für das Kinderturnen.“

Auch wer Fußball im Verein spielen will, muss sich gedulden. „Auf dieser Warteliste stehen 100 Interessenten, überwiegend Kinder und Jugendliche. Vor allem aus Kleinmachnow, Stahnsdorf, Teltow und umliegenden Orten.“

Wütende Anrufe der Eltern in den Vereinen

Das Hauptproblem: Im zunehmend dicht besiedelten Umland fehlen genügend Hallen und Sportplätze. „Um die zu wenigen Plätze gibt es ein Hauen und Stechen“, sagt Tanja Barsch. „Viele Eltern sind sauer, weil sie so lange warten müssen.“ Sie hat oft wütende Mütter und Väter am Telefon, die sich beschweren, weil angeblich ein anderes Kind bereits turne, obwohl es weitaus später angemeldet worden war.

„Es stellt sich dann aber immer heraus, dass das nicht stimmt“, sagt die Vereins-Leiterin. „Wir gehen strikt nach Warteliste.“ Es gebe auch häufiger Bestechungsversuche. „Eltern stellen uns großzügige Spenden in Aussicht, wenn wir ihr Kind sofort aufnehmen.“ Der RSV lasse sich darauf aber nicht ein, betont sie.

Räume von Fitnessstudio angemietet

„Unser Verein hat nicht das Geld, um weitere Sportplätze und Hallen zu bauen, deshalb nutzen wir für unsere 3150 Mitglieder auch Einrichtungen in den drei Kommunen“, so Bartsch. Das Kinderturnen findet zumeist in Schulhallen statt. In Kleinmachnow in der Steinwegschule, Maxim-Gorki-Oberschule und in der Förderschule. In Teltow in der Anne-Frank-Grundschule. In Stahnsdorf nutzt der Verein nicht nur die Hallen der Lindenhof- und der Zille-Grundschule. Er mietete auch vormittags Räume in einem Fitnessstudio.

„Die Schulhallen sind oft erst um 17 Uhr frei, da sagen viele Eltern: Das ist uns zu spät für die Kleinen“, schildert die Sportvereins-Chefin ein weiteres Dilemma. Der RSV arbeite daher eng mit den Schulen zusammen und biete dort Arbeitsgemeinschaften an. „Wir gehen vormittags auch in die Kitas“, so Tanja Bartsch.

Zehn Euro pro Monat und Kind

Die Mitgliedschaft ist durchaus attraktiv: Zehn Euro kostet sie im Monat. Die Kinder turnen einmal die Woche. „Der Zulauf ist enorm gestiegen, obwohl es in der Region genügend Fitnessstudios gibt“, sagt Bartsch. Vor zehn Jahren hatte der Verein nicht einmal die Hälfte der heutigen Mitglieder.

Der Zuzug ist ungebrochen. Das Gebiet Kleinmachnow-Teltow-Stahnsdorf gilt als eine der am meisten wachsenden Regionen bundesweit. Kleinmachnows Sprecherin Martina Bellack muss die Eltern enttäuschen: „Wir planen am Ort keine weitere Sportanlage oder Halle. Dafür fehlen uns einfach die freien Flächen. Die Stadt Teltow und die beiden Gemeinden diskutieren derzeit über den Bau einer großen, gemeinsamen Mehrzweckhalle.

Förderung von 16 Millionen Euro im Jahr

Im Sportministerium in Potsdam ist das Problem bekannt. „Bei der Landessportkonferenz Anfang 2015 wurde deutlich: Vereine im Umland sind auch durch den Zuzug aus den alten Bundesländern inzwischen so stark gefragt, dass es Wartelisten gibt“, sagt Ministeriumssprecher Florian Engels. Bislang gibt es aber keine Anzeichen, dass das Land bei der Sportförderung umsteuert.

Obwohl die rot-rote Regierung unter Dietmar Woidke (SPD) jüngst verkündet hat, sich stärker der Probleme im wachsenden Speckgürtel annehmen zu wollen. Brandenburg fördert den Sport in diesem Jahr mit 16 Millionen Euro. „Ab 2017 soll diese Summe um eine weitere Million Euro aufgestockt werden“, kündigt Sportminister Günter Baaske (SPD) an. Das Ministerium wolle bis zum Jahr 2020 pro Jahr etwa 60 Stellen für ein freiwilliges soziales Jahr im Sport schaffen. Außerdem unterstütze es die Landkreise und Kommunen bei ihrer Sportentwicklungsplanung.

Viel Platz hingegen in der Uckermark

„Der Sportstättenbau ist aber mit der Finanzierung eine kommunale Aufgabe “, sagt Ministeriumssprecher Engels. Lediglich überregional bedeutende Sportstätten, wie die Trainingsstätten an den Standorten des Olympiastützpunktes in Cottbus, Frankfurt (Oder) und Potsdam könnten Geld für wichtige Investitionen erhalten.

Aus dem EU-Topf für ländliche Entwicklung werden über den sogenannten „Goldenen Plan Brandenburg“ bis 2020 jährlich etwa zwei Millionen Euro allein für Investitionen in Sportstätten bereitgestellt. Davon fließt nur ein kleiner Teil in den boomenden Speckgürtel.

Um Berlin herum fehlen auch Übungsleiter. Dennoch ist das freiwillige Engagement beachtlich. „46.000 Menschen engagieren sich ehrenamtlich in den 2925 Sportvereinen“, heißt es beim Landessportbund. Nach der aktuellen Statistik sind vor allem Leichtathletik, Geräteturnen und Schwimmen beliebt. Aber auch Fußball, Aerobic und Tischtennis weisen Zuwächse auf.

Die Sportbeteiligung in den drei größten Städten Potsdam, Frankfurt (Oder) und Cottbus sei aber erstmals rückläufig, während die Mitgliederzahlen vor allem in Potsdam-Mittelmark, Havelland und Märkisch-Oderland steigen. Die meisten Sportorganisierten gibt es prozentual in der berlinfernen Uckermark. Dort ist aber auch viel Platz zum Trainieren.