Sie sitzen alle im Raum: das Opfer, die mutmaßlichen Täter und auch der Mann, der die angeklagte Tat angestiftet haben soll. Selten waren die Einlasskontrollen so streng im Landgericht Frankfurt (Oder), selten saßen so viele Polizisten im Verhandlungssaal. Es ist ein Prozess gegen Rocker.
Angeklagt des versuchten Mordes sind der 38-jährige Nico T. und der fünf Jahre jüngere Christian M. Letzterer ist sogar im Gesicht stark tätowiert und erinnert an einen Maori-Krieger. Beide, heißt es, sollen dem kriminellen Rockerklub Hells Angels angehören. Ihnen wird vorgeworfen, am 15. Mai 2011 den ehemaligen Präsidenten der „Hells Angels“ im Osten Berlins, Holger B. alias „Hocko“, vor dessen Haus in Altlandsberg (Märkisch-Oderland) mit einem Baseballschläger und einem Messer attackiert zu haben. Der hünenhafte Mann erlitt schwerste Verletzungen.
Die Angeklagten schweigen dazu vor Gericht. Das ist üblich, gehört zum Ehrenkodex der Rocker. „Hocko“ sieht das inzwischen etwas anders. Er sagt vor Gericht als Zeuge aus. Seit Mai 2013 pflegt er mit den Ermittlern des Landeskriminalamtes intensiven Kontakt. Vor Gericht erzählt der 53-Jährige nun noch einmal diese Geschichte von Kabalen und Rachefeldzügen. Sie beginnt 2008, als ihm von seinem damaligen Stellvertreter André S. mitgeteilt wurde, dass er nicht mehr zu den Hells Angels gehöre. Er soll in die Vereinskasse gegriffen und andere Rocker betrogen haben - was „Hocko“ bis heute energisch bestreitet: „Der Ausschluss war unbegründet!“ Auch André S. sitzt im Gerichtssaal, er jedoch auf der Zuschauerbank. Der bullige Mann schüttelt den Kopf und blickt zu „Hocko“, als würde er ihn am liebsten erwürgen.
„Unehrenhaft entlassen“
Seit diesem Gespräch mit André S. galt „Hocko“ als „out in bad standing“, was sich mit „unehrenhaft entlassen“ übersetzen lässt. „Hocko“ wollte das nicht wahrhaben, versuchte bei den Hells Angels, mehrfach eine Rehabilitation zu erreichen. Diese Vorstöße sieht er auch als einen der Gründe für den Überfall am 15. Mai 2011. Zumal einer der beiden Männer sinngemäß zu ihm gesagt haben soll: einen schönen Gruß von André S.
Seitdem sann „Hocko“ auf Rache und startete schließlich eine Gegenaktion: In der Nacht zum 10. Juni 2012 schoss ein gedungener Täter André S. vor dessen Kneipe „Germanenhof“ in Hohenschönhausen nieder. „Hocko“ wurde als Anstifter überführt und im Dezember 2013 von einem Moabiter Schwurgericht zu siebeneinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Er hätte mehr bekommen, hätte er nicht ein halbes Jahr zuvor sein Schweigen gebrochen und Kontakt mit den Ermittlern aufgenommen. Bei diesen Vernehmungen erzählte er auch, dass er die beiden Männer erkannt habe, die den Anschlag auf ihn am 15. Mai 2011 verübten.
Das wiederholt „Hocko“ am Mittwoch so auch vor Gericht. Den fast zwei Meter großen Nico T. kenne er schon seit einigen Jahren. „Ich wusste sofort, dass er das ist.“ Christian M. will er im Internet auf einem verpixelten Foto erkannt haben: „das markante Gesicht“. Auch habe es Hinweise aus Kreisen der Hells Angels gegeben, so „Hocko“. An Namen könne er sich momentan jedoch leider nicht erinnern. Der Prozess wird fortgesetzt.




