Mord im Wettbüro

Rockermord-Prozess - Aussage des Kronzeugen verlesen

Prozess um den erschossenen Tahir Ö.: Laut Aussage des Kronzeugen soll Rocker-Boss Kadir P. indirekt den Mord in Auftrag gegeben haben. Der Todesschütze spricht hingegen von einer spontanen Tat.

Foto: Matthias Balk / dpa

Jetzt gibt es für Kassra Z. kein Zurück mehr: Am Dienstag wurde beim sogenannten Rockermord-Prozess die Aussage des 27 Jahre alten Kronzeugen verlesen. In dem Großverfahren mit elf Angeklagten vor einem Moabiter Schwurgericht geht es um den Tod von Tahir Ö. Der 26-Jährige wurde am 10. Januar in dem Wettbüro „Expect“ in Reinickendorf erschossen.

Anlass dafür soll ein handfester Streit im Oktober 2013 vor der Disco „Traffic“ am Alexanderplatz gewesen sein, bei dem Tahir Ö. einen Türsteher mit einem Messer schwer verletzte. Bei dem Türsteher handelte es sich um einen Gefolgsmann des Chefs des mittlerweile verbotenen Hells Angels MC, Kadir P., der nun ebenfalls wegen gemeinschaftlichen Mordes auf der Anklagebank sitzt.

Angeklagt ist auch Kassra Z., genannt „der Perser“, dessen Aussage am Dienstag von einem Verteidiger verlesen wurde. Z. berichtet, dass sich die Rocker am 10. Januar – es war ein Freitag – wie üblich in der Bar „Sahara“ in Wedding trafen. Rockerboss Kadir P. soll Gäste, die nicht zu den Hells Angels gehörten, aufgefordert haben, das Lokal zu verlassen.

Anschließend habe der Boss „allgemeine Nachrichten, die den Club weltweit betrafen“, verlesen. Erst geraume Zeit später sei die Sprache auf die gemeinsame Fahrt zum Wettbüro „Expect“ gekommen. Kadir P. soll gesagt haben: „Kommt mal alle her! Fahrt zum ,Expect‘, geht hinein, zeigt Präsenz und fragt, ob Tahir da ist.“ Er habe nicht gesagt, „dass jemand abgeknallt werden soll“, so Kassra Z. „Kadir ist kein Doofer. Der würde sich nicht vor 30, 40 Mann stellen und sagen: Bringt den mal um.“

Dumpfe Knallgeräusche

Die Rocker seien dann mit mehreren Autos zu dem Wettbüro gefahren und hineingegangen. In welcher Reihenfolge, konnte Kassra Z. nicht mehr sagen. Er wisse aber noch, so der Kronzeuge, dass er plötzlich „mehrere dumpfe Knallgeräusche gehört“ habe. Daraufhin sei er aus dem Wettbüro heraus gerannt.

Wer geschossen hat, habe er nicht gesehen. Das sei auch später, als man sich wieder in der Bar „Sahara“ getroffen habe, nicht zur Sprache gekommen. Es habe sich dann zwar herum gesprochen, dass der 25-jährige Recep O., genannt „Richy“, geschossen habe. Kassra Z. habe ihn aber nicht darauf angesprochen. Das sei nicht üblich, hieß es in seiner Aussage. Das würde sofort den Verdacht wecken, den Täter vielleicht verpfeifen zu wollen.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Rockerboss Kadir P. „aus Rache und um seine Macht- und Führungsposition zu verdeutlichen, einen Tötungsauftrag an die Mitglieder des Hell Angels MC erteilte“. Zu diesem Plan habe auch gehört, dass Recep O. schießen werde.

Recep O. hatte Ende Juli die tödlichen Schüsse auf Tahir Ö. in einem Brief an die Staatsanwaltschaft zugegeben. Es soll jedoch eine ungeplante Tat gewesen sein. Ihm seien in dem Wettbüro die Nerven durchgegangen, hieß es in dem Brief. Die anderen Hells Angels in dem Wettbüro hätten mit der Tat nichts zu tun.