Zwei Jungs spielen Billard, Jugendsozialarbeiter Andreas Brandt schiebt eine Pizza in den Ofen. Im Discoraum nebenan wartet hinter dem Mischpult schon eine Gruppe von angehenden DJs auf ihn. Einmal in der Woche ist im „Nordbahn-Treff“ DJ-Stunde. Die elfjährige Natalie aus dem Ort kommt regelmäßig. „Ich will bald den DJ-Führerschein machen und dann bei der Disco auflegen, die ist jeden zweiten Freitag“, sagt Natalie. Doch viel Zeit ist dafür nicht mehr: Spätestens Ende April nächsten Jahres sollen im „Nordbahn-Treff“ die Lichter ausgehen. Nach zehn Jahren endet der Vertrag der Kommune mit dem Privateigentümer – dann hat Glienicke/Nordbahn, die wohlhabende Gemeinde im Speckgürtel um Berlin, keinen eigenen Jugendklub mehr.
In einer Unterschriftenaktion protestieren Bürger nun für den Erhalt der Einrichtung an der Oranienburger Chaussee. Die Listen liegen in Geschäften, im Nachbarschaftsladen und im Fitnessklub aus.
Entscheidung verschleppt
„Die Gemeindevertreter haben versäumt, rechtzeitig eine Entscheidung zu fällen, wie es nach dem Ende der Vertragslaufzeit weitergeht“, kritisiert Sozialpädagoge Andreas Brandt gegenüber der Berliner Morgenpost. „Die Leidtragenden sind die Kinder und Jugendlichen.“ Tatsächlich hat sich die Gemeindevertretung bislang zu keiner Lösung durchringen können. Um sich selbst Druck zu machen, verpflichteten sich die Kommunalpolitiker einstimmig, „bis zum Sommer 2015 alle Festlegungen zu treffen, die für den Neu-, Um- oder Ausbau einer Jugendeinrichtung am endgültigen Standort erforderlich sind“. Der endgültige Standort, er soll in der Ortsmitte sein. Schräg gegenüber der Skaterbahn. So haben die Gemeindevertreter es beschlossen, so sieht es das Ortskernkonzept vor.
Doch mehrere Vorhaben blockieren sich gegenseitig. Der Jugendklub könnte in Räume der derzeitigen Grundschule ziehen. Oder in einen Neubau auf dem Schulcampus. Noch aber ist unklar, was auf dem Gelände in der Ortsmitte alles gebaut wird. „Solange für den Schulcampus nicht grundlegende Beschlüsse gefasst sind, besteht auch für die Unterbringung des Jugendklubs an der Stelle keine Klarheit“, sagt die Sprecherin der Gemeindeverwaltung, Ivonne Pelz auf Anfrage der Berliner Morgenpost. Zig Räume wurden schon angeschaut, auch im Einkaufszentrum. Ohne Ergebnis.
Jugendliche müssen in die Nachbargemeinde
Bis zur Eröffnung eines neuen Klubs sollen die Jugendlichen nun in der Nachbargemeinde Mühlenbecker Land betreut werden. „Derzeit laufen dazu Verhandlungen mit dem Deutschen Roten Kreuz als Träger des dortigen Jugendklubs“, bestätigt die Sprecherin. Für Sozialarbeiter Brandt ist das keine Lösung. „Der Nordbahn-Treff ist für viele Jugendliche ein wichtiger Anker in ihrem nicht immer einfachen Alltag“, sagt er. Die Sozialarbeiter sind nicht nur im Jugendklub eingesetzt, sondern auch auf der Straße. „Wir gehen mit dem Ball auf den Bolzplatz oder unterhalten uns mit den Jugendlichen an der Skaterbahn“, so Brandt. Dort würden auch immer wieder Drogen konsumiert. „Im Jugendklub sind Drogen und Alkohol bislang kein Thema“, sagt er.
Der Sozialarbeiter fürchtet: „Gibt Glienicke den Jugendklub auf, werden die Eltern den Jüngeren nicht erlauben, in die Nachbargemeinde zu fahren. Sie sind dann für die Jugendarbeit nicht mehr erreichbar.“ Im Schnitt kommen 15 bis 17 Kinder und Jugendliche pro Tag in den Treff. Die Gemeinde finanziert die Freizeiteinrichtung mit rund 192.000 Euro jährlich. Manche sind aus dem angrenzenden Berlin. So wie Curtis (12) aus Reinickendorf, der mit dem Bus fährt. „Ich finde den Andreas als Erzieher gut“, sagt er. „Was ich am liebsten hier mache? Billard spielen und auf Facebook gehen. Es wäre total blöd, wenn der Klub nicht mehr ist“, sagt Curtis.
Der Vermieter hatte eine Bedingung
Das Gebäude ist gemietet. Der Vermieter hatte über einen Anwalt der Gemeinde angeboten, den Vertrag noch zwei Jahre zu verlängern. Er stellte aber eine Bedingung: Die Kommune sollte ihm den Fußweg zwischen der Oranienburger Chaussee und dem Falkenweg überschreiben. Denn der Weg durchkreuzt sein Grundstück. Die kommunale Arbeitsgruppe „Jugendklub“ war fraktionsübergreifend dafür, doch der Plan fand keine Mehrheit.
„Wir wollen, dass die Gemeinde den Weg an den Rand des Grundstückes verlegt und auf diese Weise dem Eigentümer entgegen kommt“, sagt Mischa Ortmann, der die Unterschriftenaktion organisiert hat. „Der Jugendklub könnte so vorerst weiter bleiben.“ Der Initiator nimmt damit eine Forderung der SPD-Fraktion auf. „Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe dafür zu sorgen, dass die Jugendlichen nicht auf der Straße stehen“, sagt er. Unterschreiben fünf Prozent der Wahlberechtigten, so kann der Bürgerantrag in die Gemeindevertretung eingebracht werden. Rund 500 Unterschriften müssen zusammenkommen. Es sei „keinesfalls so, dass wir die Jugendlichen nicht im Ort haben wollen“, sagt Bürgermeister Hans Günther Oberlack (FDP). Seit Jahren suche man nun schon nach einer Lösung.
SPD-Fraktionschef Uwe Klein spricht von einem „Trauerspiel“. Eine Zwischenlösung in der Stadtmitte hätte 450.000 Euro gekostet, gibt dagegen CDU-Fraktionschef Ulrich Strempel zu bedenken. „Das war für unsere Fraktion inakzeptabel.“ Die Gemeindevertreterin der Grünen, Barbara Neeb-Bruckner, sagt: „Die Zeit, in der die Jugendlichen übergangsweise den Jugendklub in Schönfließ in der Nachbargemeinde Mühlenbecker Land besuchen, soll möglichst kurz gehalten werden.“ Anfang 2016, so hofft sie, könnte mit dem Bau eines neuen Jugendklubs in Glienicke begonnen werden. Da, wo er hingehört. Mitten in den Ort.




