Gemeinsam, so Hans Günther Oberlack (FDP), könnten Berlin und dessen Brandenburger Umland noch erfolgreicher werden. Wie das gehen soll? Dafür hat der Bürgermeister von Glienicke/Nordbahn ein paar überraschende Vorschläge.
Berliner Morgenpost: Herr Oberlack, Glienicke/Nordbahn gilt als attraktiver Wohnort für einkommensstarke Familien. Warum ist die Gemeinde so beliebt?
Hans-Günther Oberlack: Die Menschen wohnen im Grünen, und das nur einen Katzensprung von Berlin entfernt. Viele ziehen aus Vierteln wie Prenzlauer Berg hierher und suchen einen Garten vor der Tür, in dem die Kinder spielen können. Familien mit drei Kindern sind in Glienicke keine Seltenheit. Die Grundstückspreise liegen zwischen 150 und 200 Euro pro Quadratmeter und sind deutlich günstiger als in der Hauptstadt. Hinzu kommt: Die S 1 mit direkter Verbindung ins Regierungsviertel ist nicht weit entfernt. Deshalb wohnen bei uns auch viele, die im Bundestag arbeiten, in den Ministerien und Organisationen, die mit Politik zu tun haben. Die meisten Glienicker Paare sind Doppelverdiener.
Sind noch viele Grundstücke zu haben?
Nein. Es gibt nur noch vereinzelt Grundstücke. Neue Wohngebiete können wir nicht mehr ausweisen, dafür haben wir keine Flächen mehr. Glienicke wächst pro Jahr um rund 300 Bewohner. Ich rechne noch mit etwa 1000 Zuzüglern, so dass der Ort sich bei etwa 13.500 Einwohnern stabilisieren wird.
Viele Berliner würden gerne ins Umland ziehen, fürchten aber den Arbeitsweg.
Wer Individualverkehr will, muss damit leben, dass andere ihn auch wollen. Wenn ich im Umland Ruhe wie in der Uckermark erwarte, werde ich enttäuscht. Kenne ich den Verkehr in Berlin-Mitte, finde ich es bei uns ruhig. Es gibt Alternativen: Die Glienicker kommen mit der S-Bahn von Frohnau und von Hermsdorf gut zur Arbeit nach Berlin. Allerdings erwarten wir Umlandgemeinden deutlich mehr vom Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg.
Was erwarten die Kommunen konkret?
Der öffentliche Nahverkehr muss stärker auf die Bedürfnisse der Bewohner ausgerichtet sein. Dann sind viele auch bereit, ihr Auto stehen zu lassen. Dazu gehört aber, dass die Busse zu den S-Bahnen häufiger fahren, also die Taktzeiten erhöht werden. Tagsüber funktioniert das ganz gut bei uns, nur nachts und an den Wochenenden sieht es trübe aus. Sinnvoll wäre auch die Ertüchtigung der Kremmener Bahn, um den Raum Neuruppin direkt mit Berlin-Gesundbrunnen zu verbinden.
Was noch?
Eine wichtige Forderung der Umlandgemeinden ist es, den innerhalb Berlins geltenden, günstigeren Tarifbereich AB auf die Umlandgemeinden auszuweiten. Oder man macht es so wie München. Stadt und Umland sind dort über unterschiedliche Tarifzonen verbunden, man hat stadtübergreifend Gebiete eingeteilt, die zusammenpassen. Übertragen auf Berlin würde das bedeuten, dass es zum Beispiel einen günstigeren Tarif nach Mitte gibt, der aber nicht für eine Fahrt nach Zehlendorf gilt. Viele würden dann bereits in Hennigsdorf in die S-Bahn steigen und nicht in Reinickendorf, wohin viele mit dem Auto fahren.
Müssten Berlin und Brandenburg stärker zusammenarbeiten?
Das wäre wünschenswert. Als ich 2010 mein Amt als Bürgermeister antrat, habe ich brav beim Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit um einen Termin gebeten. Sein Vorzimmer hat sich höflich zurückgemeldet, ich möchte mich doch bitte an den Bezirksbürgermeister in Reinickendorf wenden. Mit dem bin ich aber ohnehin in gutem Kontakt. Das Problem ist, dass die Bezirke wenig allein entscheiden können, sie müssen Rücksprache mit dem „Zentrum“ halten. Wir haben da zu unserem Landkreis einen kürzeren Draht. Es wäre gut, wenn die Bezirke mehr Freiheit hätten.
Wo ist die länderübergreifende Zusammenarbeit noch schwierig?
Das sind ganz einfache Dinge. In Glienicke bekommen wir es nur mit den Nachbargemeinden hin, tagsüber den Einsatz der Freiwilligen Feuerwehr zu gewährleisten. So wird der Tag kommen, an dem die Frage steht: Warum kann uns nicht die Berliner Feuerwehr unterstützen, ohne dass dazu gleich ein Staatsvertrag abgeschlossen werden muss? Oder: Warum kann die BSR nicht auch mal unsere verschneiten Straßen miträumen? Natürlich alles gegen Bezahlung.
Wäre da nicht die Länderfusion die Lösung?
Ich bin ein Befürworter der Fusion. Dazu müsste Berlin sich aber ändern.
Sich ändern?
Berlin ist größer als viele Staaten in der EU. Die Brandenburger tun gut daran, sich nicht mit einer 3,3 Millionen-Einwohner-Stadt zu vereinigen. Berlin als gewaltiger Klops in der Mitte würde sie erschlagen. Man kann nicht zwei Länder zusammenpacken, in denen eine solche Übermacht der Interessen besteht. Ein erneuter Anlauf für eine Länderfusion kann nur funktionieren, wenn Berlin neu geordnet wird. In einzelne Großstädte zerteilt. Berlin würde als Stadt erhalten bleiben, Bezirke wie Reinickendorf, Spandau und Neukölln würden aber eigene Städte werden. Hamburg diskutiert das bereits. Es gibt dort eine entsprechende Initiative.
Ein überraschender Vorschlag von Brandenburger Seite.
Vorschläge sind aber doch erlaubt (lacht).
Passen die Berliner und Brandenburger überhaupt zusammen?
Die Brandenburger fühlen sich häufig von den Berlinern nicht ernst genommen. Daran sind sie selbst aber nicht ganz unschuldig. Die Landesregierung rückt den Blick gerne auf die Probleme. Der Berliner hat so den Eindruck gewonnen, in Brandenburg lebe eine völlig überalterte Gesellschaft in immer leerer werdenden Dörfern. Doch Brandenburg ist unglaublich dynamisch: Es haben sich hier Top-Firmen angesiedelt. Orafol in Oranienburg gehört dazu, ein Weltmarktführer, der Klebefolien herstellt. Die Landesregierung war so auf die Schwächen des Landes fokussiert, dass sie den Speckgürtel vernachlässigt hat.
Wie können die beiden Länder voneinander profitieren?
Eifersüchteleien sind fehl am Platz. Wenn es Berlin gut geht, geht es auch uns gut. Die Hauptstadt wird weiter wachsen, das Umland bietet Platz zum Wohnen. So bleiben die Fachkräfte in der Region. Eine Win-win-Situation für beide Länder.





