Kollaps auf der B 96

Wenn Autofahrer die Abkürzung durchs Wohngebiet nehmen

Eine ruhige Seitenstraße in Glienicke/Nordbahn wird morgens und nach Feierabend zur beliebten Abkürzung für Berlin-Pendler. Die Anwohner kämpfen für ein neues Verkehrskonzept.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Endlich ein eigenes Haus. Mit Garten. Als Familie Henschke mit ihren zwei Kindern Anfang Mai aus Friedrichshain ins Brandenburgische nach Glienicke/Nordbahn zog, freute sie sich auf die Ruhe in der neuen Heimat.

Doch es kam anders. Vor allem morgens und nach Feierabend schlängeln sich die Autos durch die Siedlung im Süden der Gemeinde. Manchmal verirren sich auch Lastwagen in die Seitenstraße, in der Tempo 30 gilt. "Viele Autofahrer nehmen die Abkürzung durch unsere Siedlung", klagt Sven Henschke. "Und das nicht nur, weil die B 96 von und nach Berlin jeden Tag dicht ist."

Noch stärker vom Autoverkehr geplagt sind die Anwohner an der nahe gelegenen Alten Schildower Straße und der Karlstraße. "Die Situation ist phasenweise unerträglich", sagt Johannes Wolff. Wie Sven Henschke engagiert sich auch der 36-Jährige in der "Bürgerinitiative für mehr Verkehrsberuhigung".

Ein gemeinsames Konzept

Eine Zählung hat laut Wolff ergeben, dass sich "jeden Tag allein durch die Alte Schildower und die Karlstraße sowie durch die Lessingstraße je 3000 Autos quälen. In der Schildower Straße in Berlin sind es schon 6000, da beide Straßen dort zusammenfließen." Ein zwischen Glienicke und Berlin abgestimmtes Verkehrskonzept sei überfällig.

Auch auf Berliner Seite fordern Anwohner eine Lösung. Die in der Initiative vereinten Anwohner versuchen das Problem jetzt länderübergreifend anzupacken, um nicht länger ausgespielt zu werden. "Glienicker Verantwortliche sagen stets, wir warten auf Entscheidungen aus Berlin, Berliner Verantwortliche sagen, wir warten auf Glienicke. Fazit der Politiker ist dann immer, wir können da nichts machen, wenn der andere nicht will." Die Berliner Bezirksverordneten hätten das vorgeschlagene Konzept, das auch Spiel- und Einbahnstraßen vorsieht, diskutiert und sich interessiert gezeigt.

Der Dauerstau frühmorgens und am späten Nachmittag auf der Bundesstraße 96, die Glienicke/Nordbahn mit Berlin verbindet, nervt auch die Pendler. Die meisten Bewohner Glienickes arbeiten in Berlin. "Das Problem ist, dass möglichst alle ruhig wohnen, die meisten aufs Auto aber nicht verzichten wollen", sagt Bürgermeister Hans Günther Oberlack (FDP). Und Autos hat die als Wohnort bei Zuzüglern sehr beliebte Gemeinde mehr als andere Orte. "Das Kfz-Aufkommen ist in Glienicke überdurchschnittlich hoch", so Oberlack. Für ihn wäre es schon ein Erfolg, wenn es zumindest gelänge, den Trend zum Zweitauto zu stoppen. "Die S-Bahnhöfe Hermsdorf oder Frohnau sind nicht weit", sagt er. "Der Bustakt des VBB ist für die Bevölkerungszahl aber unzureichend." Um den Takt der Buslinie zu erhöhen, habe die Gemeinde Geld investiert, das sei aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein

Aber nicht nur der eigene Verkehr macht dem sehr dicht besiedelten Ort und seinen rund 11.800 Bewohnern zunehmend zu schaffen. Wer aus den ebenfalls wachsenden Nachbargemeinden wie dem Mühlenbecker Land nach Berlin will, dem bleibt auch nur die Strecke über die Bundesstraße 96. "Das seit 20 Jahren geltende Verkehrskonzept steht derzeit auf den Prüfstand", sagt Glienickes Bürgermeister. Eine Überarbeitung sei 2006 gescheitert.

"Das Problem ist, dass es keine gerechte Lösung gibt"

Die Gemeindevertretung hat jetzt eine Arbeitsgruppe Verkehr eingesetzt. Dort sollen auch alle Verkehrsbürgerinitiativen mitmachen. Die Grünen-Gemeindevertreterin Barbara Neeb-Bruckner sagt: "Das Problem ist, dass es keine gerechte Lösung gibt." Es müsse vor allem gelingen, das Verkehrsaufkommen zu senken – und mehr Anreize zu schaffen, auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen. "Wir brauchen eine fahrradfreundliche Gemeinde", fordert die Wahl-Glienickerin. "Und vor allem sichere und überdachte Fahrradparkplätze an den S-Bahnhöfen in Reinickendorf und Frohnau." Ernst-Günter Giessmann, Fraktionschef der Linken, sagt: "Wir brauchen eine generelle Verkehrslösung für den Ort." Er ist gegen Initiativen, die auf mehr Durchlässigkeit zielen. "Je bequemer wir es den Autofahrern machen, desto größer werden die Probleme", so Giessmann.

CDU-Fraktionschef Ulrich Strempel warnt vor einer Lösung nach dem "Sankt-Florians-Prinzip". Der Verkehr müsse so geleitet werden, dass die Belastung nicht nur umgeschichtet werde. Derzeit werde auch ein neues Radwegekonzept erarbeitet. "Wir setzen uns zudem dafür ein, dass die Bewohner des nordwestlichen Teils Glienickes besser zur Berliner S-Bahn kommen – durch einen weiteren Kiezbus." Für SPD-Fraktionschef Uwe Klein steht fest: "Eine Lösung bekommen wir nur mit Berlin hin."

Reinickendorfs Baustadtrat Martin Lambert (CDU) sagt: "Egal was wir machen, die B 96 ist zu klein für ein so hohes Verkehrsaufkommen." Sie bleibt aber eine zentrale Pendlerverbindung. Wie die Speckgürtelgemeinden sieht auch der Verkehrsstadtrat die beste Lösung darin, die Gemeinden in die günstigere AB-Tarifzone aufzunehmen.

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