Der Kollege von der anderen Seite hat raspelkurze Haare, Tarnhosen, schwere Ausrüstung am Gürtel. Damian heißt er, ist Pole, 34 Jahre alt und vom Dienstgrad her dem deutschen Polizeimeister gleichzusetzen. Jeden Tag stellt sich der Beamte im deutsch-polnischen Grenzgebiet der organisierten Kriminalität entgegen.

In beiden Ländern. Seite an Seite mit den Berliner Bundespolizisten. Es geht gegen professionelle Autoschieber-Banden und illegale Einwanderer. 30 Mann zählt die gemeinsame deutsch-polnische Fahndungsgruppe, jedes Land stellt 15 Beamte. Sitz der Dienststelle ist auf polnischem Gebiet, etwa 100 Meter hinter der Grenze in Swiecko. Reporter der Berliner Morgenpost konnten die Einheit einen Tag lang begleiten.

„Du musst es irgendwie im Bauch haben“, sagt der 32 Jahre alte Bundespolizist Tomek. Seinen Nachnamen möchte er aus Sicherheitsgründen geheim halten. Er ist in Polen geboren, lebt dort mit seiner Frau, spricht die Sprache fließend. Ein Juwel für die Einheit. „Wir bestreifen hier die Bundesautobahn, die aus Richtung Frankfurt nach Polen führt sowie die polnische Landstraße E30. Ich kann euch nicht sagen, wonach wir im Einzelnen schauen.

Mit der Zeit hat man ein Gefühl für krumme Dinger.“ Damian sitzt am Steuer eines Kia Combi des polnischen Grenzschutzes. Dann kommt ein Funkspruch herein. Er kurbelt die Fensterscheibe hoch und gibt Gas. Tomek übersetzt: „Die Kollegen haben einen litauischen Sattelzug gemeldet. Eine uralte Zugmaschine, aber dahinter soll ein nagelneuer Anhänger sein. Das müssen wir uns ansehen.“

Grenzpolizisten: Das Tandem-Prinzip

Damian tritt das Pedal durch, die Tachonadel springt über die Tempo-160-Marke. Die Streife befindet sich jetzt auf polnischem Territorium. Plötzlich Wolkenbrüche, die Straße wird zum Wildwasser, der Scheibenwischer kommt kaum hinterher. Die Sicht ist schlecht. Trotzdem erkennt Tomek den gesuchten Lkw. Das Fahrzeug wird von der Autobahn gewunken, es geht zu einer nahe gelegenen Tankstelle, wo es Schutz vor dem Regen gibt. Damian steigt aus. Tomek sichert seinen Kollegen. Der überprüft die Papiere des Fahrers. Dann die Ladung. Alles hat seine Ordnung. Der Fahrer kann wieder hinter sein Lenkrad und die Fahrt nach Warschau fortsetzen. „Man kann sich auch mal irren“, grinst Tomek und steigt auf den Beifahrersitz. „Das war es sicher noch nicht für heute.“

Irrtümer sind bei der Einheit selten. „Im vergangenem Jahr haben die Kollegen 230 illegale Fahrzeugverschiebungen aufgeklärt, die Täter waren vornehmlich Polen und Litauer“, berichtet der Sprecher der Bundespolizeidirektion Berlin, Meik Gauer. In diesem Jahr wurden bereits gestohlene Autos im Wert von mehr als 500.000 Euro sichergestellt. Doch dieses Kriminalitätsphänomen sei nicht die eigentliche Aufgabe der Spezialeinheit. „Deutschland hat sich zu einem Hauptzielland irregulärer Migration innerhalb der Schengen-Staaten entwickelt.

Daher gilt es, diese unerlaubte Migration mit allen sich bietenden Mitteln zu bekämpfen und gleichzeitig den Schutz für Flüchtlinge vor Verfolgung sicherzustellen und den freien Reiseverkehr innerhalb der Schengen-Region so wenig wie möglich zu beeinträchtigen“, so der Beamte weiter. Vorrangige Ziele der Truppe sei die Fortentwicklung des Verständnisses für die gemeinsamen Aufgaben an der Binnengrenze, die Verbesserung der Informationsgewinnung sowie die Verhinderung von Doppelkontrollen und das Erkennen von Kriminalitätsentwicklungen. Das Ganze hat Erfolg – im vergangenen Jahr wurden 1460 illegale Einreisen verhindert.

Die deutsch-polnische Fahndungsgruppe arbeitet nach dem sogenannten Tandem-Prinzip. Auf jeder Landesseite fährt eine gemischte Einheit. Die eine im Kia, die andere im 5er-BMW. Die einen aus jeder Einheit werden nach deutscher Beamten-Vergütung bezahlt, die anderen kriegen gerade einmal 700 Euro netto im Monat. Für denselben Job – und dieselbe Gefahr. Und gefährlich kann es werden, wenn ein Autodieb im gestohlenen Mercedes aus Angst vor Festnahme Vollgas gibt und die Polizisten abdrängen will.

Parkplatz der gestohlenen Autos

„Letztens ist einer von der Autobahn runter und mit mehr als 180 Sachen über die Landstraße gerast“, so Tomek. Lieber lasse er jemanden entkommen, als dass er sein Leben riskiere. „In diesem Fall blieben wir am Fahrzeug dran, weil wir den Verlauf der Straße genau kannten. Wir hätten den Fahrer gern gestellt, weil wir um eine gefährliche Kurve wussten. Aber er ließ sich nicht stoppen und verlor genau in eben dieser Kurve die Kontrolle über den Wagen, überschlug sich, der Mercedes flog in einen Garten.“ Der Dieb überlebte schwerverletzt.

In dem anderen Polizeiwagen sitzen der Pole Christoph und Bundespolizist Mario. Sie haben den Hinweis bekommen, dass auf einem Parkplatz auf polnischem Gebiet ein Toyota mit deutschem Kennzeichen gesehen wurde, sie funken Damian und Tomek an. Toyotas stehen auf der Liste der gestohlenen Marken weit oben, direkt hinter Mercedes, BMW und Volkswagen.

Der Parkplatz ist bekannt, dort werden regelmäßig gestohlene Autos abgestellt oder an die Abnehmer übergeben. Drei Minuten später werden die beiden Insassen aus dem Wagen gebeten. Es sind Polen, der Wagen steht nicht in der Fahndungskartei. Tomek beißt sich auf die Lippen. „Die beiden sind einschlägig wegen Fahrzeugdiebstählen und Schiebereien bekannt. In diesem Fall können wir ihnen nichts nachweisen.“ Der Fahrer schaut die beiden Polizisten verächtlich an und grinst. „Kann ich jetzt fahren?“, fragt er frech.