Dass sie einmal freiwillig in einer einstigen Kaserne leben würde, hätte Annegret Echost nie gedacht. „Tue ich auch nicht – schauen sie sich doch um“, fordert die 55-Jährige ihre Besucher auf. Die 78 Quadratmeter große Wohnung mit zwei Zimmern und einer Wohnküche besticht durch hohe Wände, teilweise gewölbte Decken, große Fenster und einen Loggia-artigen geräumigen Balkon.

Alles ist ebenerdig, Schwellen gibt es auf Wunsch der gehbehinderten Mieterin selbst in der Dusche nicht. „Ich habe mich gleich in das alte Gemäuer verliebt – erst recht, als ich sah, was die Bauherren daraus machten“, schwärmt Echost. Auch Tochter Bettina hat das Gefühl, „als würden wir hier schon ewig wohnen“. Tatsächlich sind sie wie viele andere erst kürzlich eingezogen in den vierstöckigen roten Backsteinbau im Frankfurter Stadtteil West - ein ehemaliges Mannschaftshaus des einst militärisch genutzten Areals der „Roten Kaserne“.

Dabei handelt es sich um ein zwölf Hektar großes Gebiet, zwischen 1880 und 1910 in der ehemaligen Garnisonsstadt Frankfurt mit Militärbauten, für die Artillerie, gestaltet. Noch vor 20 Jahren waren die inzwischen denkmalgeschützten Häuser in dieser Nutzung, denn bis 1994 waren in Frankfurt rund 30.000 russische Soldaten stationiert. Die Oderstadt gehörte neben Wünsdorf zu den letzten Orten Brandenburgs, aus denen die sowjetischen Streitkräfte abzogen. Zurück ließen sie gut 190 Hektar Liegenschaften: imposante Kasernen und alte Villen, die im 18. und 19. Jahrhundert erbaut worden waren – massiv und architektonisch recht anspruchsvoll sowie bis heute gut erhalten. Hinzu kamen Militärgebäude, die während der Nazizeit entstanden, als Frankfurt für Freikorps zur Nachschubbasis gen Osteuropa ausgebaut wurde.

Umnutzung militärischer Areale für zivile Zwecke

Etwa 300 Millionen Euro aus unterschiedlichen Töpfen flossen in die Umnutzung der militärischen Hinterlassenschaft. Die Rote Kaserne allerdings verfiel, weil sich bis 2010 kein Nachnutzer fand. Zu riesig erschien das Ausmaß, zu hinderlich der Denkmalschutz mit seinen Auflagen, zu ungewiss der Neubezug und die damit verbundenen Investitionskosten. Dann aber investierte der Frankfurter Bauunternehmer Michael Schönherr gemeinsam mit Geschäftspartner – bisher – etwa neun Millionen Euro in Frankfurt größtes privates Konversionsprojekt, also die Umnutzung militärischer Areale für zivile Zwecke. „Es war die Herausforderung, die mich reizte. Die Gebäude sollten ihren Charakter behalten, aber als Wohnraum architektonisch attraktiv werden“, sagt der Chef der Wohnpark West GmbH zur Fertigstellung des alten Mannschaftshauses. Es beherbergt nunmehr 52 Wohnungen, 90 Prozent sind behindertengerecht.

Unter den Mietern hat er eine gute Mischung gefunden – Familien, Senioren, Behinderte. Schwer zu vermieten war der geförderte Wohnraum. „Wir hatten viele Ehepaare im Rentenalter, die gern hierher gezogen wären, es finanziell nicht schafften, aber auch die Kriterien für einen Wohnberechtigungsschein nicht erfüllten“, macht der 42-Jährige deutlich. Dabei, sagt Frührentnerin Echost, seien 630 Euro Warmmiete günstig. „Ich habe mir zuvor viele Wohnungen angeschaut, die kleiner und teurer waren.“ Sie seien an dauerhaften Mietern interessiert, die sich das Wohnen hier auch leisten können, sagt Carola Leschke von der Märkischen Versicherungsservice GmbH und nennt einen Quadratmeterpreis von 5,50 Euro. Die Nachfrage war groß. „Die Leute wollen raus aus der Platte. Die Gegend ist attraktiv – mit der Straßenbahn vor der Tür, einigen Läden und Supermärkten in der Nähe.“

„Der Stadtteil West ist der einzige in Frankfurt, der Zuzug auch von außerhalb verzeichnet“, ergänzt Schönherr stolz. Als CDU-Kommunalpolitiker kennt er den Trend zurück in die Stadt mit ihrer guten Infrastruktur – Kultur, Bildung, Gastronomie, Einkauf und medizinische Versorgung. So sind alle 52 Zwei-, Drei- und Vierraum-Wohnungen in dem Viergeschosser inzwischen belegt, und Mieterin Echost ist neugierig auf ihre Nachbarn, für die sie jetzt schon Pakete entgegennimmt. „Alle reden von Inklusion – hier wird sie bereits gelebt“, sagt sie und meint nicht nur die anderen Bewohner des Hauses.

Kein einziger Allgemeinmediziner wollte sich niederlassen

Gleich nebenan steht das ehemalige Stabshaus der Offiziere, das heute eine Wohnstätte für psychisch Kranke zwischen 18 und 35 Jahren beherbergt. Die 16 Plätze in vier Wohngruppen sind seit dem Start im Herbst 2012 voll belegt, erzählt Hausleiter Gunnar Stolze. Reibereien mit den Nachbarn habe es bisher nicht gegeben, allerdings auch kaum Begegnungsmöglichkeiten. „Wenn die Außenanlagen des weiträumigen Parks im Herbst fertig sind, veranstalten wir einen Tag der offenen Tür und grillen mit den Nachbarn, um eventuelle Berührungsängste abzubauen“, sagt er. Auch offene Filmabende im großen Gemeinschaftsraum unter dem Dach seien denkbar.

Gegenüber steht ein ehemaliger Pferdestallkomplex, inzwischen saniert und Wohnstätte für geistig und körperlich Behinderte der Wichern Diakonie. In weiteren Gebäuden dieser Art entstanden ebenerdige Reihenhäuser für 24 Familien inklusive kleinem Garten im Innenhof, allesamt sind vermietet oder verkauft. Neun weitere entstehen gerade im ehemaligen Pferdekrankenstall.

Noch ein trauriges Dasein mit leeren Fensterhöhlen, undichtem Dach und bröckelndem Backstein fristet der frühere Küchentrakt des Kasernengeländes. Ursprünglich hatten Schönherr und Leschke dort ein Sozialzentrum für das neu entstandene Viertel geplant – mit Apotheke, Café und einem Allgemeinmediziner. „Wir finden allerdings keinen Arzt. Dabei würden wir ihm die Praxis auf dem Silbertablett servieren, ebenso wie potenzielle Patienten“, seufzt der Bauherr. Umbauarbeiten laufen hingegen in einem weiteren früheren Mannschaftshaus. Im Erdgeschoss entsteht eine Tagespflege für Demenzkranke, die beiden oberen Geschosse werden zu vier selbstbestimmten Senioren-Wohngemeinschaften. Der Einzug ist für September geplant.