Prozess

Opfer hält „Maskenmann“ für geübten Schützen

Ein Ex-Personenschützer hat ausgesagt, wie ihm ein Maskenmann „feige in den Rücken geschossen“ hat. Der seitdem Querschnittsgelähmte wollte sich aber nicht festlegen, dass es der Angeklagte war.

Foto: Patrick Pleul / dpa

„Der Täter war etwa 1,80 Meter groß, also definitiv größer als ich“, sagte der Zeuge. „Ich war 1,74 Meter, als ich noch stehen konnte.“ Der 33-jährige Torsten H. saß im Rollstuhl, als er vor dem Schwurgericht Frankfurt (Oder) diese Aussage machte. Ein immer noch äußerst kräftig wirkender Mann, der bemüht war, keinen Schmerz und kein Leid zu zeigen. Er ist querschnittsgelähmt, und es gibt keine Aussicht auf Besserung.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Torsten H. am 2. Oktober 2011 von dem Angeklagten Mario K. bei einer versuchten Geiselnahme angeschossen wurde. Der 46-Jährige soll zudem im August 2011 einen Anschlag auf die Ehefrau eines Berliner Unternehmers durchgeführt und im Oktober 2012 einen Investmentbanker aus dessen Ferienhaus im Storkower Ortsteil Hubertushöhe entführt haben. Weil der Täter dabei nach Aussagen von Zeugen eine Imkermaske trug, wird er der „Maskenmann“ genannt.

Sicherheitsfirma beauftragt

Nach dem Anschlag – der ersten Tat – im August 2011 beauftragte die Familie des Berliner Unternehmers eine Sicherheitsfirma, vor Ort präsent zu sein und so weitere Überfälle zu verhindern. Zu den Mitarbeitern dieser Firma zählte Torsten H. Er ist von Beruf Verwaltungsfachangestellter, arbeitet aber schon seit zwölf Jahren nebenberuflich auch als Personenschützer. Am Morgen des 2. Oktober 2011 begleitete er die 25 Jahre alte Tochter des Berliner Unternehmers von dem Sommerhaus in Bad Saarow zu einer nahe gelegenen Pferdekoppel.

Es war Jessica B.* schon Tage zuvor aufgefallen, dass im Umkreis der Koppel kaum noch Rehe zu sehen waren. „Im Nachhinein ist mir klar, warum“, sagte sie am Donnerstag vor Gericht. Und jetzt könne sie sich auch erklären, warum an diesem 2. Oktober die Pferde so nervös gewesen seien: „Sie tänzelten unruhig herum, waren kaum zu bändigen.“

Auf dem Rückweg von der Koppel zum Wohnhaus liefen sie und ihr Personenschützer nebeneinander und unterhielten sich. Torsten H., erinnerte sie sich, sei dann unvermittelt stehen geblieben. Er selbst begründete das am Donnerstag damit, dass er „plötzlich so ein merkwürdiges Gefühl hatte, als ob da jemand hinter uns steht und uns beobachtet.“ Er hatte sich nicht getäuscht. Als er sich umdrehte, sah er eine Gestalt in einem Tarnanzug, das Gesicht verhüllt, in der rechten Hand eine schwarze Pistole.

Er sei „absolut sicher, dass der Mann eine Schussweste trug“, so Torsten H. „Ich habe bei anderen Einsätzen auch eine getragen, aber an diesem Tag leider nicht.“ Torsten H. war auch nicht bewaffnet. „Diese Gefahrenlage sahen wir nicht.“ Er lief dennoch geradezu todesmutig mehrere Schritte auf den Täter zu. Der brüllte ihn an: „Bleib stehen, oder ich verpasse dir einen Kopfschuss.“ Jessica B.* schrie er an: „Geh auf den Boden, Mädchen!“ Torsten H. sah, dass sie dem Befehl folgte. „Sie hockte auf dem Boden, war wie zu einer Salzsäule erstarrt.“

Er stellte sich zwischen seinen Schützling und den Täter, sagte sinngemäß zu der vor Angst erstarrten Frau: „Steh auf und lauf los!“ Was sie auch tat. Als er sich wieder zu dem Täter drehte und beruhigend auf ihn einzureden versuchte, sah er, wie der Mann die Pistole durchlud, sie mit beiden Händen hielt und schoss. Torsten H. wurde seitlich getroffen.

„Wie ein elektrischer Schlag“

Das Projektil durchschlug die Lunge, die Wirbelsäule und die Leber. „Es war wie ein elektrischer Schlag“, sagte der Personenschützer, und dass er sicher sei, dass der Täter Erfahrungen mit Waffen hatte. „Der wollte mich eindeutig aus dem Weg schießen. Er hätte aus dieser kurzen Entfernung auch in meine Beine schießen können, aber hat mir gezielt in den Rücken geschossen. Für mich ist das eine feige Sau.“

Anschließend gab der Täter zwei weitere Schüsse auf die fliehende Jessica B. ab. Ein Projektil, sagte sie vor Gericht, sei knapp neben ihr in den Boden gegangen. Sie habe die Erde aufstieben sehen. Aber Jessica B. konnte sich unverletzt ins Haus retten, wo ein zweiter Bodyguard ihre Mutter bewachte.

Beide Zeugen hatten den Täter nicht erkennen können. Und sahen – im Gegensatz zu Jessica B.s Mutter, die im August 2011 überfallen wurde – auch keine zwingende Ähnlichkeit mit Mario K. Der saß – wie an den Prozesstagen zuvor – scheinbar ungerührt auf der Anklagebank, beschrieb einen Zettel oder las auf dem Schirm seines aufgeklappten Laptops. Für den im Rollstuhl sitzenden Torsten H. gab es kaum einen Blick.

Wie er psychisch mit der Situation zurechtkomme, wollte Richter Matthias Fuchs von Torsten H. wissen: Er zuckte mit den Schultern, sagte, „das ist schwierig“. Ob die Ärzte etwas zu seiner Lebenserwartung gesagt hätten?

„80 Jahre alt werde ich mit dieser Geschichte sicher nicht“, antwortete der Zeuge. Was mit seiner Freundin sei, die er vor der Verletzung hatte, fragte der Richter. Da gab es dann doch Emotionen: „Dazu werde ich nichts sagen“, antwortete Torsten H. mit bebender Stimme.

*Name der Betroffenen geändert