Maskenmann-Prozess

Opfer sagt aus - „Ich erkenne seine dominanten Augen“

Die Unternehmergattin ist vor Gericht sicher, dass der Angeklagte der Maskenmann ist. Die Erinnerung beschreibt sie als quälend. Mario K. gibt sich unbeteiligt und behauptet, der Falsche zu sein.

Foto: Patrick Pleul / dpa

Die Unternehmergattin bleibt dabei: Der vollbärtige dunkelhaarige Mann auf der Anklagebank im Saal 007 des Frankfurter Landgerichts ist derjenige, der sie am Abend des 22. August 2011 auf ihrem Grundstück in Bad Saarow überfallen und brutal zusammengeschlagen hat. „Ich weiß, dass ich seine dominanten Augen, den vollen Mund, die markante Kopfform – einfach den ganzen Menschen wiedererkenne“, sagt die Frau mit fester Stimme als Zeugin am zweiten Prozesstag im Verfahren gegen den sogenannten Maskenmann.

Immer wieder mustert sie ihr Gegenüber Mario K. prüfend. Der 46-Jährige, dem die Anklage wegen zweier Überfälle auf die Unternehmerfamilie sowie wegen der Entführung eines Investmentmanagers unter anderem versuchten Mord, versuchten Totschlag, schwere Körperverletzung und erpresserischen Menschenraub vorwirft, gibt sich erneut völlig unbeteiligt. Mario K. hat diesmal einen Laptop dabei, macht sich teilweise eifrig Notizen, mustert dann wieder ungeniert die Menschen im Publikum. Schon zum Prozessauftakt hatte er seinen Verteidiger Axel Weimann ausrichten lassen: „Ich bin der Falsche“. Und genau diese Haltung lebt K., manchmal sogar mit einem leisen Lächeln auf den Lippen, so richtig aus.

Erinnerung als Endlosschleife

Die Zeugin kann das Ganze nicht so locker sehen. Der Überfall macht der zierlichen, blonden Frau noch zu schaffen. Die Erinnerungen daran beschreibt sie als Endlosschleife. Sie kann nicht vergessen, wie ein mit Sturmhaube maskierter Mann sie damals unvermittelt mit unzähligen Schlägen auf den Kopf traktierte, bis sie blutüberströmt zu Boden ging. An diesen Anblick erinnert sich auch Helene E., damals Haushälterin in der Villa der Unternehmerfamilie.

Die 57-Jährige wohnte mit ihrem Mann in einem Nebengebäude auf dem großen Anwesen am Scharmützelsee, war an jenem Abend gerade zu Bett gegangen. „Durch das geöffnete Fenster hörte ich ihre Schreie.“ Was genau ihre Arbeitgeberin da rief, weiß die zweite Zeugin in dem bis Oktober terminierten Verfahren nicht. Nur so viel: „Man hört einfach, wenn jemand um sein Leben schreit.“

Mit diesem Gefühl läuft Helene E. in den dunklen Garten, sieht noch eine schlanke, vermummte Gestalt um die Hausecke Richtung See verschwinden und rennt zur Villa. „Als ich dort den Lichtschalter suchte, kam meine Chefin auf mich zugekrochen. Der Angreifer musste gerade erst von ihr abgelassen haben“, erzählt die Zeugin. Die 61 Jahre alte Hausherrin sei voller Blut gewesen und habe ihre Fassungslosigkeit nicht verbergen können. „Als ich sie so sah, dachte ich, sie überlebt das nicht“, erzählt die Haushälterin.

Hasserfüllter Blick aus stechenden Augen

Erst später im Krankenhaus habe ihre Chefin ihr erzählen können, was genau passiert sei: Ein maskierter Mann sei aus dem Gebüsch auf sie zugestürzt. Der hasserfüllte Blick aus stechenden Augen habe ihr wohl signalisiert, dass der Angreifer sie umbringen wollte. Das damalige Opfer, das als Nebenklägerin in dem Verfahren auftritt, nickt zustimmend.

Ihre ehemalige Haushälterin – bis 2013 war Helene E. insgesamt zehn Jahre bei der Unternehmerfamilie beschäftigt – kann zur weiteren Beweisfindung nicht viel beitragen. Hat sie den mutmaßlichen Täter doch nur noch im Dunklen verschwinden sehen. Sicher ist sie sich jedoch, dass die Gestalt groß war. Sein Opfer hingegen ist sich sicher: „Der war nicht besonders groß, wir waren während der Auseinandersetzung auf Augenhöhe.“

Genau diese Beschreibung führt am zweiten Verhandlungstag zu einer merkwürdigen Szene im Gerichtssaal. Verteidiger Weimann stellt unmissverständlich klar: Sein Mandant ist 1,85 Meter groß – er kann schon wegen der Größenunterschiede nicht der Täter gewesen sein. Zum Beweis baut sich der zehn Zentimeter kleinere Rechtsanwalt vor der nur 1,65 Meter großen Unternehmergattin auf. „Schon wir beide sind doch keinesfalls auf gleicher Augenhöhe.“ Der Angreifer habe breitbeinig und geduckt dagestanden, kontert die Zeugin. Und bleibt dabei: Mario K. ist der Richtige.

Motiv des Maskenmannes weiter rätselhaft

Dabei lässt Verteidiger Weimann an diesem Tag nichts unversucht, arbeitet sich akribisch durch sämtliche Aussagen, die die Frau im Laufe der Ermittlungen bei der Polizei gemacht hat. Dabei lenkt er den Fokus auf mögliche andere Verdächtige, auf die die Täterbeschreibung der Zeugin ebenfalls passt.

Und davon gibt es aus seiner Sicht offenbar einige: Den Sohn eines ehemaligen Angestellten, der Sohn der Haushälterfamilie, rausgeworfene Mieter von Geschäftsräumen des Immobilien-Unternehmers in Berlin, ein Handwerker, der das Garagentor reparierte. „Wir wurden ein Jahr lang von der Polizei danach gefragt, wer ein Motiv für den Überfall haben könnte“, meint die Zeugin schon etwas genervt.

Hass oder Rache habe sie vermutet, jedoch nie jemanden konkret verdächtigt, macht sie deutlich. Gerade das Motiv ist nach wie vor rätselhaft. „Der Angreifer wollte töten – ins Haus aber wollte er während der ganzen Auseinandersetzung nicht“, sagt die Unternehmergattin, die einen versuchten Raub ausschließt. Deutlich wird aus dem langen Zwiegespräch Verteidiger-Zeugin aber auch, dass sich die Unternehmerfamilie in Bad Saarow wohl nicht nur Freunde gemacht haben.

Der Unternehmer kaufte das Strandbad, wollte es umbauen – bekam dafür aber keine Baugenehmigung von der Gemeinde. Daraufhin ließ er die bis dato öffentliche Badeanstalt schließen. Innerhalb der Familie soll es zudem lange Zeit Erbstreitigkeiten gegeben haben. Der Prozess wird am 12. Mai mit weiteren Zeugenvernehmungen fortgesetzt.