Er wird sich jetzt nicht mehr verstecken können. Wenn am Montag der Prozess vor einem Schwurgericht in Frankfurt (Oder) beginnt, wird er von Kamerateams und Fotografen umringt sein: Mario K., den sie den Maskenmann nennen, und der die Polizei in Brandenburg und Berlin mit einer ganzen Serie von Straftaten monatelang in Atem gehalten haben soll.

Die Staatsanwaltschaft ist von seiner Schuld überzeugt. Der 46-Jährige ist nun angeklagt wegen versuchten Mordes, versuchten Totschlags, schwerer Körperverletzung, Geiselnahme und räuberischer Erpressung. Sein Fall, das scheint schon vor dem Urteil sicher, wird in die Annalen der Kriminalgeschichte eingehen.

„Es geht um Geld“

Die Geschichte der spektakulären Entführung beginnt am Freitag, 5. Oktober 2012, gegen 21.35 Uhr in einem gelb gestrichenen Haus im Storkower Ortsteil Hubertushöhe (Landkreis Oder-Spree). Hier, direkt am Großen Storkower See, wohnen der 51 Jahre alte Investmentbanker Stefan T., seine Ehefrau und ihr zehnjähriger Sohn. Es regnet an diesem Abend. Aber Frau T. will mit dem Hund der Familie trotzdem noch einmal an die frische Luft gehen. Als sie die Tür öffnet, prallt sie gegen eine merkwürdige Person ohne Gesicht – es ist versteckt hinter einer Imkermaske.

Die Person hat eine Pistole in der Hand. Frau T. wird zurück ins Haus gedrängt. Stefan T., der sich ebenfalls im Vorraum befindet, will sich wehren. Die Person richtet die Pistole auf ihn, sagt provokant – an der Stimme ist sie als Mann zu erkennen – „Ich könnte Ihnen jetzt ins Knie schießen!“ Stattdessen zielt er in die Decke. Es gibt einen lauten Knall. Für das Ehepaar ist spätestens jetzt klar, dass jegliche Gegenwehr tödlich enden kann. Der Täter geht offenkundig planmäßig vor. Er gibt der Frau eine Rolle Klebeband. Sie muss helfen, ihren Mann damit zu verschnüren und das Gesicht zu verkleben.

„Es geht um Geld“, sagt der Eindringling. „Keine Polizei, sonst schieße ich Ihren Mann zusammen und hole mir das Kind.“ Er bringt den gefesselten Stefan T. zum Bootssteg des Familiengrundstücks. Dort hat er ein Kanu festgebunden. Stefan T. muss ins 15 Grad kalte Wasser steigen und sich an das Heck des Bootes klammern. Der Täter fährt los, hinein in Dunkelheit. Und für die Geisel beginnt eine Odyssee, die fast 34 Stunden dauern wird.

Suche weitet sich zu großer Polizeiaktion aus

Frau T. ist verzweifelt und informiert trotz der Drohung des Täters die Polizei. Kurz darauf erscheinen Einsatzkräfte. Mutter und Sohn werden bewacht. Parallel wird im Polizeipräsidium Frankfurt (Oder) ein Führungsstab unter Leitung des Vize-Polizeipräsidenten Hans-Jürgen Mörke gebildet. Unbemerkt von der Öffentlichkeit beginnt eine intensive Suche nach dem Entführten.

Bis zu 300 Polizeibeamte sind rund um die Uhr im Einsatz. Zur Unterstützung kommen Polizisten aus Berlin, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Wenig später wird – angelehnt an die Vermummung des bewaffneten Eindringlings – die Soko Imker gebildet. Die Suche weitet sich zu einer der größten Polizeiaktionen in der Geschichte Brandenburgs aus.

Es finden sich schnell auch erste Hinweise auf die Identität des Täters. Ein sehr wichtiger soll das Projektil sein, das im Haus der Familie nach dem Schuss in die Decke gefunden wurde. Es wird noch Freitagnacht zum Schusswaffenerkennungsdienst des Bundeskriminalamtes geschickt. Eine Untersuchung ergibt, das dieses Projektil „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit“ einer Pistole der tschechischen Marke Ceska zugeordnet werden kann, die bei einem anderen spektakulären Verbrechen eingesetzt wurde.

Bodyguard sitzt nach Attacke im Rollstuhl

Das hatte sich am 2. Oktober 2011 im nahen Bad Saarow abgespielt. Hintergrund sind nach Meinung der Ermittler zwei Angriffe auf die Familie eines Berliner Unternehmers. Mit hoher Wahrscheinlichkeit plante der Täter auch hier Geiselnahmen.

Die erste Tat gegen die Unternehmerfamilie ereignete sich am 21. August 2011. Der Maskierte lauerte der Ehefrau des Unternehmers abends vor dem Landsitz der Familie auf, prügelte sie mit einem Knüppel nieder und verletzte sie schwer. Die Hunde der Familie bissen den Täter und zwangen ihn zur Flucht. Am 2. Oktober 2011 war die Tochter des Unternehmers Ziel eines Anschlages.

Die 25-Jährige trainierte mit ihrem Pferd, als plötzlich ein mit einer Maske vermummter Mann vor ihr stand. Er schoss mehrmals auf die Frau. Der Mitarbeiter einer privaten Sicherheitsfirma, angeheuert für den Schutz der Familie, warf sich schützend vor die 25-Jährige. Dabei wurde er lebensgefährlich verletzt. Die junge Frau konnte fliehen. Der Täter gab auf und entkam mit einem Motorrad. Der Bodyguard ist seit dem Angriff querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Der Unternehmer lobte für Hinweise, die zur Festnahme des Täters führen, eine Belohnung von 50.000 Euro aus.

Am Storkower Kanal muss das Opfer eine Nacht verbringen

Zurück zur vermutlich dritten Tat dieser Verbrechensserie: Die Fahrt mit dem Kanu dauert etwa eine Stunde. Dann hält der Täter zum ersten Mal am Ufer an. Er pumpt eine Luftmatratze auf. Stefan T., klitschnass und jetzt schon unterkühlt, muss sich auf die Matratze legen. Mit einem anderen Boot, die Luftmatratze im Schlepptau, geht die Fahrt übers Wasser weiter.

Der Weg führt zur Einmündung des Storkower Kanals. Wenig später erreichen sie das Versteck des Entführers: eine kleine Schilfinsel, umgeben von Wasser, Schilf und Sumpf. Der Entführer hat alles vorbereitet: Auf dem Boden liegt eine Plastikplane. Stefan T. bekommt einen trockenen Trainingsanzug. Als er ihn angezogen hat, bedeutet ihm der Entführer, sich auf den Boden zu legen. Er fesselt Stefan T.s Beine, wickelt den ganzen Körper in die Plastikfolie, steckt ihm Stöpsel in die Ohren. Nur die Nasenlöcher sind noch frei und ein schmaler Schlitz für den Mund. Der Investmentbanker kann nichts hören, nichts sehen, nimmt nur sein eigenes Zittern wahr, als es in der Nacht zunehmend kälter wird.

Am Morgen entfernt der Entführer das Klebeband von den Augen, lockert die Fesselung an den Händen. Stefan T. wird angewiesen, insgesamt acht Briefe zu schreiben. Der Geiselnehmer diktiert GPS-Daten und fordert eine Million Euro Lösegeld. Am Sonnabendabend verlässt er sein Opfer – mit dem Hinweis, er werde wohl erst am Mittwoch wiederkommen. Wieder vergeht eine Nacht.

Täter hat das Seegrundstück wochenlang ausspioniert

Am frühen Sonntagmorgen – es ist noch dunkel – gelingt es Stefan T., die Hände aus dem Klebeband zu ziehen. Der Entführer befindet sich zu diesem Zeitpunkt aber schon wieder auf der Insel. Stefan T. kriecht leise los. Doch der Entführer nimmt die Bewegung wahr, schaltet eine Taschenlampe an. Der Lichtkegel erfasst sein Opfer. Und Stefan T. weiß, dass ihn jetzt nur noch die plötzliche Flucht retten kann. Er rennt los, hört hinter sich seinen Verfolger, flieht weiter in Richtung Wendisch Rietz. Es sind glücklicherweise nur wenige hundert Meter vom Versteck bis zur Straße und den rettenden Häusern. Stefan T. klingelt an einer Haustür. Die Bewohnerin hört das zwar, traut sich aber nicht, zu dieser frühen Stunde einem Fremden die Tür zu öffnen. Sie ist 85 Jahre alt.

Beim nächsten Haus hat Stefan T. mehr Glück. Das Rentnerehepaar Constanze und Herbert A. lässt ihn herein. Er friert, ist schlammverschmiert, seine Kleidung völlig durchnässt. Die Hausbewohner alarmieren die Polizei.

Die Ermittler gehen davon aus, dass der Täter das Seegrundstück der Familie T. wochenlang ausspioniert hat. Es gibt auch eine vage Beschreibung: Er ist zwischen 30 und 50 Jahre alt, kräftige Statur, Rechtshänder, Nichtraucher. Außerdem muss er sich in der Region Oder-Spree und rund um die dortigen Gewässer Großer Storkower See und Scharmützelsee außergewöhnlich gut auskennen. Es wird spekuliert, dass der Täter in dieser Gegend aufgewachsen ist oder hier gelebt hat und es sich um einen ehemaligen Soldaten oder möglicherweise Ex-Angehörigen einer Spezialeinheit des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR handeln könnte.

Auch die Suche über „Aktenzeichen XY“ bleibt erfolglos

Hubschrauber mit Wärmebildkameras suchen die Gegend ab. Phantombilder werden ausgehängt. Zahlreiche Zeugen werden befragt. Erwogen wird sogar, in der Region rund um Storkow und Bad Saarow einen Massengentest in der Bevölkerung durchzuführen. Die Ergebnisse sollen dann mit DNA-Spuren verglichen werden, die im Haus der Familie T. nach dem Überfall am 5. Oktober sichergestellt werden konnten.

Am 9. Oktober 2012 entdecken Ermittler am Ufer des Großen Storkower Sees ein Kanu. Am Bug wird Klebeband gefunden. Es ist das gleiche Band, mit dem Stefan T. vier Tage zuvor bei seiner Entführung gefesselt wurde. Einen Tag später wird der Fall in der ZDF-Reihe „Aktenzeichen XY… ungelöst“ aufgegriffen und der Täter genau beschrieben. Die Polizei erhofft sich aus den Reihen der rund fünf Millionen Zuschauer weitere Hinweise. Schon zweimal hatte „Aktenzeichen“ über den Fall der Berliner Unternehmerfamilie berichtet, auf die ein Jahr zuvor die Anschläge verübt wurden. Aber auch die Suche über „Aktenzeichen XY… ungelöst“ bleibt ohne Erfolg.

Erst im März 2013 wendet sich das Blatt. Da gerät ein 46 Jahre alter Mann ins Visier der Polizei. Mario K. lebte wochenlang in Wäldern im Berliner Umland, hatte sich mehrere Lager eingerichtet. So auch als Einsiedler auf einer schwer zugänglichen Insel mitten im Naturschutzgebiet Gosener Wiesen, ein idyllisches Plätzchen zwischen Müggelsee und Seddinsee.

Mario K. ist bei der Entdeckung schon mehrfach vorbestraft

Der arbeitslose Dachdecker wurde nach seiner Entdeckung permanent von verdeckten Ermittlern des Mobilen Einsatzkommandos der brandenburgischen Polizei observiert. Das ist nicht immer leicht. Denn Mario K. ist viel mit einem Rennrad der Marke Canyon unterwegs, auch in unwegsamem Gelände, an manchen Tagen legt er mehr als 100 Kilometer zurück. Auf dem Rad transportierte er auffällig große Gepäckstücke, offenbar eine Reisetasche oder eine Kiste. Bei Einkäufen bezahlt er immer in bar. Mehrfach verändert er sein Aussehen: Mal ist er glatt rasiert, mal trägt er einen Bart, zeitweise auch eine Brille und eine Art Anglerhut.

Für die Polizei ist der Mann kein Unbekannter. Mario K. ist mehrfach vorbestraft. So wurde er 1998 von einer Moabiter Strafkammer wegen Körperverletzung und Verstoßes gegen das Waffengesetz zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Anlass für diesen Prozess war ein folgenschwerer Ausraster am 21. November 1997. Mario K. war damals mit einem Freund in Hellersdorf auf dem Weg ins Kino.

Unterwegs geriet er mit jungen Leuten in Streit, zückte plötzlich eine Pistole und verletzte zwei Mädchen und drei Jungen durch Schüsse. Einer der Angegriffenen nahm ihm bei dem Gerangel die Waffe ab, schoss zurück und traf Mario K. an Knie und Oberschenkeln. Weitere Treffer blieben ohne Wirkung, weil Mario K. ständig eine Schussweste trug.

Der Maskenmann schweigt konsequent zu den Vorwürfen

Im November 2004 verurteilte ihn eine andere Strafkammer wegen vorsätzlicher Brandstiftung und Diebstahls zu fünf Jahren und drei Monaten. Mario K. war am Seddinsee in Boote eingebrochen, hatte sie geplündert und anschließend in Brand gesetzt. Darunter war auch das 300.000 Euro teure Schiff „Ohnsorg“ des Schauspielers Heinz Behrens. Mario K. hauste damals in einem Zelt auf einer sumpfigen Insel in den Gosener Wiesen am Seddinsee. Dort bunkerte er auch die Beute: Generatoren, Batterien, Stromkabel, Trafos, Schlauchboote. Ein Jäger aus Eichwalde entdeckte Anfang Mai 2004 zufällig das Diebeslager. Als Polizeibeamte kurz darauf das Zelt durchsuchten, sprang ihnen ein Mann entgegen, bekleidet mit einem schwarzen Neoprenanzug, das Gesicht geschwärzt – kein anderer als Mario K., der vorgab, hier nur zu zelten.

2013 nun wird Mario K. über Monate weiter observiert. Die Ermittler befürchten, dass er erneut versuchen könnte, einen Menschen zu entführen und dabei seine Schusswaffe einzusetzen. Am 18. September 2013 schließlich, um 17.56 Uhr, wird Mario K. am Einkaufscenter Forum Köpenick vom SEK überwältigt.

Er soll zu den Vorwürfen bislang konsequent geschwiegen haben. So wird es ein reiner Indizienprozess. Und alle Opfer – auch der Investmentbanker Stefan T. – werden vor Gericht als Zeugen erscheinen und dem mutmaßlichen Maskenmann noch einmal begegnen müssen.