Der Mann mit dem Turban kommt zu spät. Der Berliner Verkehr hat ihm ordentlich den Terminplan verhagelt. „War der hier schon dran?“, fragt Inderjit Chauhan Singh flüsternd und zeigt auf das Bild eines alten Klinkerbaus.

Er war. Für 23.000 Euro ist das kleine Bahnhofsgebäude in Golzow (Potsdam-Mittelmark) unterm Hammer des Auktionsleiters gelandet. Im Katalog ist zu lesen: 172 Quadratmeter Wohn- und Nutzfläche, davon 114 vermietet. 271 Quadratmeter Grundstück. Insgesamt sanierungsbedürftiger Zustand.

An diesem Nachmittag veranstaltet das Auktionshaus Karhausen seine Frühjahrsauktion im Borsigturm in Tegel. Insgesamt kommen über 100 Immobilien aus ganz Deutschland unter den Hammer. Darunter auch drei Bahnhofsgebäude aus Brandenburg. Zwei von ihnen liegen sogar an aktiven Bahnstrecken.

Katze im Sack gekauft

Inderjit Chauhan Singh hätte das erste angebotene Gebäude gern gekauft. Der 67-Jährige blättert im Auktionskatalog. Der Auktionator ruft das nächste Objekt auf. Ein Bahnhofsgebäude in Groß Pankow in der Prignitz. „Es liegt noch kein Gebot vor“, ruft der Auktionator. „Wer möchte?“ Das angesetzte Mindestgebot liegt bei 12.500 Euro. Inderjit Chauhan Singh hebt die Hand. Und niemand sonst. Ein Klopfen mit dem Hammer, dann zwei, dann drei. Das Objekt gehört ihm, er ist nun Besitzer eines Bahnhofs. Der Traum kleiner Jungs. „Ich habe die Katze im Sack gekauft“, lacht Chauhan und betrachtet das Bild des ein wenig heruntergekommenen Klinkeraltbaus genauer. „30.000 Euro muss ich da bestimmt reinstecken, um es schön zu sanieren.“ Er zuckt mit den Schultern. „Es ist nun mal mein Hobby.“

Und was macht man nun mit so einem Bahnhof? „Dort leben Menschen drin, sie sollen auch ruhig bleiben“, erklärt Chauhan. Der gebürtige Inder hat das Gebäude für seine Tochter gekauft. Sie hat ihn darum gebeten, etwas zu ersteigern. „Also ersteigert Papa.“ Und Papa wird sich auch um die Sanierung kümmern. Insgesamt stehen 15 Bahnhöfe aus sechs Bundesländern auf der Auktionsliste. Das niedrigste Mindestgebot liegt bei 1000 Euro für den Bahnhof in Mittelschmalkalden in Thüringen, das höchste bei 60.000 Euro für den Bahnhof im baden-württembergischen Philippsburg. Courtage und Grunderwerbssteuer kommen noch einmal obendrauf.

Bereits mehr als 500 Bahnhöfe in Deutschland versteigert

In Deutschland stehen viele Bahnhofsgebäude leer und verwahrlosen. Und das obwohl sie eigentlich mal das Aushängeschild einer Stadt sein sollten – schließlich ist der Bahnhof das Erste, was Reisende zu Gesicht bekommen. Das Auktionshaus Karhausen hat für die Deutsche Bahn in den vergangenen vier Jahren bereits mehr als 500 Bahnhöfe versteigert. Sie stehen leer und niemand braucht sie. Oft nutzt die Bahn auch nur einen kleinen Teil der Gebäude für die Technik. Doch auch wenn dem Käufer der Bahnhof gehört, kann er nicht mit ihm tun und lassen, was er will. So ist es beispielsweise verboten, einen Sexshop in dem Gebäude zu eröffnen oder gar Peepshows zu veranstalten. Auch Waffengeschäfte, Bordelle oder Spielhallen sind tabu.

Sowieso sind viele der Gebäude schon vermietet, der jeweilige Käufer übernimmt die Mietverträge. Auch der Bahnhof in Brück wird versteigert. Der Startpreis liegt für die mehr als 450 Quadratmeter bei 15.000 Euro. Es dauert lange, immer hebt sich eine neue Hand. In 500er-Schritten steigt der Preis. Der Auktionator erhöht auf 1000. „Das dauert hier sonst viel zu lange.“ 20.000. Hände heben sich. 25.000. Der Hammer fällt bei 34.000 Euro.

Mischung aus Hofladen und Restaurant

Eine Bietergemeinschaft aus Brück hatte sich schon vorher ein Konzept für den Bahnhof überlegt: So soll dort, wo heute noch die Bahnhofsgaststätte untergebracht ist, eine Mischung aus Hofladen und Restaurant eröffnen, mit Produkten aus der Region. Bernd Schulz ist Schweinebauer im benachbarten Gömnigk und Teil der Bietergemeinschaft. „Ist doch optimal, direkt am Bahnhof sein Geschäft zu eröffnen“, sagt er. Morgens sollen die Menschen, bevor sie in den Zug steigen, vorbeikommen und Produkte wie Eier oder Fleisch bestellen und wenn sie abends wieder zurück sind, können sie ihre Bestellung abholen.

Der Mieter wolle sowieso raus, erzählt Schulz. Ob die Gemeinschaft den Zuschlag erhalten hat, kann er noch nicht sagen. Denn sie musste einen Vertreter zur Auktion schicken, der eigentlich Verantwortliche war krank geworden. Der Vertreter ist telefonisch aber nicht zu erreichen. Doch die Chancen stehen gut. „Wir wären bis 80.000 mitgegangen“, sagt Schulz. Und wenn sie den Zuschlag nicht bekommen haben sollten, „dann mieten wir uns dort eben ein.“