Sanierung Linie U8

U-Bahnhof Hermannstraße offenbart alte Bausünden

Weniger als 20 Jahre nach Eröffnung muss der U-Bahnhof Hermannstraße für 1,5 Millionen Euro saniert werden. Die Maßnahmen drängen – der Bau zeigt gravierende Mängel.

Foto: Massimo Rodari

Noch kurz die Bitte, keine Finger in offene Steckdosen zu halten, dann geht es los. Die Treppen hinunter in den Schacht, wo feiner Baustaub in der Luft hängt. Ein gutes Dutzend Arbeiter schleift und hämmert. „Hier ist bereits alles entkernt“, erklärt Uwe Kutscher, Abteilungsleiter Bau der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Entkernt bedeutet: nackte Wände, nackter Boden. Die türkis-grünen Fliesen sind weg. Hätte man zuvor das Schild auf der Straße nicht gesehen, man würde den U-Bahnhof Hermannstraße nicht wiedererkennen.

Stück für Stück wird der südliche Endbahnhof der Linie 8 modernisiert und saniert. Die BVG schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe: Die Maßnahmen wären ohnehin in fünf Jahren fällig gewesen. Und da die Strecke bis zur Boddinstraße wegen Sanierungsarbeiten am U-Bahnhof Leinestraße bereits seit August gesperrt ist, verursacht das Projekt Hermannstraße keine zusätzlichen Einschränkungen.

Geplant ist ein moderner, barrierefreier Bahnhof. Die Erneuerungen waren offenbar bitter nötig. So waren die mit Graffiti verschmierten Fliesen nicht mehr zu reinigen. Der Boden soll nun mit hellem Granit, die Hintergleiswände mit „vandalismusresistenten“ Emaille-Paneelen verkleidet werden. Die von Erosionen betroffene Decke wird zum Teil herausgerissen, dadurch wird sie am Ende etwas höher.

„Großstadtdschungel“: Motive aus der Natur

Architektonisch hatte der Bahnhof den Nachteil, dass er im Bereich der Verteilerhalle immer wieder ungebetene Gäste anzog. Eine neue Raumaufteilung soll die schwer einsehbaren Winkel reduzieren, hinzu kommen erleuchtete Glasbausteinwände. Farblich will die BVG beim Grün bleiben, erweitert um Motive aus der Natur. „Großstadtdschungel“ nennt sich das. Historische Motive wie bei den umliegenden Bahnhöfen habe man bewusst nicht gewählt.

Es klingt nach einem schicken Bahnhof, der da im Sommer in Betrieb genommen werden soll. Bemerkenswert ist, dass die Arbeiten schon jetzt anstehen. Ein Tunnel, so heißt es unter den Tiefbauern, soll eigentlich 100 Jahre halten. Doch der U-Bahnhof Hermannstraße wurde erst vor 18 Jahren eröffnet. Bereits Ende der 20er-Jahre begannen die Bauarbeiten, sie wurden unterbrochen von Wirtschaftskrise und Krieg. Noch immer sind die ehemaligen Luftschutzräume erhalten, auf Schildern steht die zulässige Personenzahl. Einer wird heute von den Arbeitern als Pausenraum genutzt. In den 60er-Jahren wurden in dem unfertigen Tunnel ausgemusterte Züge abgestellt. Erst 1996 kam es zur Fertigstellung.

„Nicht mal 20 Jahre Nutzungsdauer sind wohl rekordverdächtig“, sagt Kutscher. Das Problem sei weniger der Rohbau als die Oberflächen. Bereits zehn Jahre nach Inbetriebnahme traten erste Mängel auf: Fliesen lösten sich von den Wänden. Ein möglicher Grund: der Einsatz von ungeeignetem Kunststoffkleber. Auch wurden die Fliesen wohl zu früh auf den Beton gesetzt. Dieser zog sich zusammen, es kam zu Rissen. Für die Decke wurde ein falscher Anstrich benutzt, der keine Luftzirkulation zuließ. Die Folge: Feuchtigkeit und Erosion. Bis zum Jahr 2000 war der Senat für Baumaßnahmen an Berliner Bahnhöfen zuständig. „Welche Firmen damals genau Fehler gemacht haben, ist heute nicht mehr nachvollziehbar“, sagt Kutscher. Sie zur Verantwortung zu ziehen, wäre bis zu fünf Jahre nach Abschluss der Arbeiten möglich gewesen.

„Oft war nur die oberste Schicht guter Beton“

So muss die BVG sich an ihrem Sanierungs-Etat von 260 Millionen Euro pro Jahr bedienen, der nach Angaben des landeseigenen Unternehmens bis 2020 jährlich eigentlich um 100 Millionen Euro höher sein müsste. „Da es keine klassische Grundinstandsetzung ist, müssen wir ein wenig aufs Geld achten“, sagt Kutscher. Mit Kosten von 1,5 Millionen Euro ist die Erneuerung des U-Bahnhofs Hermannstraße aber immer noch deutlich günstiger als das Parallelprojekt eine Station weiter. Dort läuft seit August 2013 die Betongrundinstandsetzung des unter Denkmalschutz stehenden Bahnhofs Leinestraße.

Auch hier müssen sich die Verantwortlichen der Vergangenheit stellen. Beim Entfernen des Deckenputzes wurde deutlich, dass die Deckenkonstruktion des 1929 eröffneten Bahnhofs schwerer beschädigt war als angenommen. Es war zweifelhaft, ob sie den nur wenige Meter darüber rollenden Straßenverkehr noch lange tragen würde. „Oft war nur die oberste Schicht guter Beton“, sagt Kutscher. Durch die zusätzlichen Schäden wird die Sanierung statt der veranschlagten 5 Millionen 7,5 Millionen Euro kosten. Auch der Bahnhof Leinestraße soll vom Sommer an wieder genutzt werden können – und dann hoffentlich 100 Jahre halten.

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