René Klostermann steht vor dem bunten Einsatzplan, der im Erzieher-Zimmer an der Wand hängt. In Gedanken schiebt er das Personal hin und her. Gleich drei Kolleginnen haben sich heute krank gemeldet. Zwei Erzieherinnen sind auf Weiterbildung, zwei weitere bis nächste Woche im Urlaub. Jetzt muss wieder einmal die Kita-Leitung in den Gruppen einspringen.
Zusätzlich zu den 20 Stunden pro Woche, in denen er und seine Kollegin Conny Friedrich neben ihren Leitungsfunktionen ohnehin schon mit den Kindern arbeiten. „Wir machen hier alles“, sagt er. „Den Betrieb organisieren, pädagogische Konzepte entwerfen, mit den Kindern spielen und arbeiten, aber auch Möbel schleppen und windeln. “ Auf dem Papier ist die Kita „Sonnenschein“ in Potsdam mit 24 Pädagogen gut ausgestattet. Der Alltag sieht komplett anders aus.
In dem Plattenbau in einem der Potsdamer Neubaugebiete werden 167 Kinder vom Krippenalter bis zum Schuleintritt betreut. „Wir sind eine tolle Truppe“, sagt René Klostermann. „Die Elternschaft ist sehr vielfältig.“ 19 Nationen sind vertreten und die Kinder kommen aus allen sozialen Schichten. Auf die Sprachentwicklung wird sehr viel Wert gelegt. Drei Mitarbeiter sind Sprach-Experten.
„Arbeitsalltag in den Kitas ist ein Wahnsinn“
Die Kita „Sonnenschein“ ist mit anderen Organisationen vernetzt, beim Kinderschutz und bei der Ausbildung von Nachwuchskräften. „Unsere Kollegen sind sehr motiviert“, sagt Klostermann. „Trotzdem verlassen uns immer wieder welche.“ Wie neulich eine Kollegin ins Saarland. Oder eine andere, die jetzt in Berlin arbeitet. „Dort sind die Bedingungen besser als hier in Brandenburg“, sagt Conny Friedrich.
Die Arbeitsbelastung ist tatsächlich nirgendwo so hoch wie in Brandenburg und in Sachsen-Anhalt. Die Liga der Freien Wohlfahrtsverbände Brandenburg hat deshalb jetzt eine großangelegte Kampagne gestartet. „Brandenburg ist beim Betreuungsschlüssel bundesweit immer noch Schlusslicht“, kritisiert Anne Böttcher, die Vorsitzende der Liga.
„Der Arbeitsalltag in den Kitas ist ein Wahnsinn.“ In Brandenburg bildet, betreut und erzieht laut Gesetz eine Erzieherin zwölf Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren. In Wirklichkeit sei aber eine Erzieherin für 16 oder gar 18 Kinder zuständig, sagt Böttcher.
Bei den unter Dreijährigen liegt der theoretische Schlüssel bei eins zu sechs. Doch auch hier ist der Unterschied zur Wirklichkeit groß: In der Realität sei eine Erzieherin für neun Kinder in diesem Alter zuständig. „Das sichert gerade so die Betreuung, es bleibt aber kaum Zeit für Bildung und Erziehung“, sagt Böttcher. Die individuelle Förderung sei so kaum möglich. Außerdem seien die Erzieher chronisch überlastet. „Der Krankenstand steigt“, so Anne Böttcher. Und so entsteht „ein Teufelskreis.“
Erfolg im Jahr 2009
Die Kampagne „Gute Bildung. Von Anfang an!“ wird gezielt im Superwahljahr 2014 gestartet. Im Mai wählen die Brandenburger die Kommunalvertreter und die Europaabgeordneten, im September den neuen Landtag. Schon einmal war eine Kita-Initiative mit einer Initiative vor den Landtagswahlen erfolgreich.
2009 übergaben einige tatkräftige Erzieherinnen mehr als 10.000 gesammelte Unterschriften an den damaligen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck (SPD). Das Land stockte daraufhin das Personal in den Kitas auf. Bei den ganz Kleinen ist seither – rein rechnerisch – eine Erzieherin für sechs statt bislang sieben Kinder zuständig, bei den Älteren ab drei Jahren eine für zwölf statt 13 Kinder.
„Wir wollen einen Stufenplan erreichen, der die Perspektive in der Kitabetreuung aufzeigt“, sagt Anne Böttcher von der Liga der Freien Wohlfahrtspflege. In der Liga sind Arbeiterwohlfahrt, Caritas, Diakonie, Parität und ZWST, die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, organisiert.
Die Haupt-Forderungen: mehr Erzieher, das Leitungspersonal soll weitaus stärker für das Management und pädagogische Konzepte freigestellt, die Kinder besser gefördert werden. Zudem sollen Kommunen, Land und Träger ein Bündnis eingehen. Denn um die Finanzierung vom Land geplanter zusätzlicher Stellen gibt es immer wieder Streit, zuletzt vor Gericht. Das Land beteiligt sich zu 85 Prozent an den Personalkosten, den Rest zahlt die jeweilige Kommune. So steigt auch immer deren Anteil.
Kita „Sonnenschein“: Eltern hoffen auf Erfolg
Die Initiatoren der Kampagne wissen durchaus um die Grenzen. Das Land gibt derzeit im Jahr rund 218 Millionen Euro für die Kinderbetreuung aus. Das ist weitaus mehr als andere Bundesländer bereitstellen. Denn in Brandenburg besuchen überdurchschnittlich viele Kinder eine Kita – bei den Drei- bis Sechsjährigen sind es mehr als 96 Prozent. In den rund 1810 Kindertagesstätten sind derzeit etwa 20.240 Erzieher für knapp 159.000 Kinder mit einem Rechtsanspruch auf eine Kindertagesbetreuung zuständig.
Die märkische SPD unter Landeschef und Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) hat angesichts der zu erwartenden Proteste bereits angekündigt, dass die Regierung im Falle eines Wahlsiegs in der kommenden Legislaturperiode 1000 Erzieher mehr bezahlen wolle. Damit könnten künftig statt sechs Kinder nur fünf von einem Pädagogen betreut werden. „Allein diese weitere Verbesserung würde das Land rund 40 bis 50 Millionen Euro im Jahr kosten“, sagt ein Sprecher des Bildungsministeriums.
In der Potsdamer Kita „Sonnenschein“ hoffen Eltern wie auch Erzieher auf einen Erfolg der Kampagne. „Jeder Schritt, und sei er noch so klein, bringt uns voran“, sagt Kita-Leiterin Conny Friedrich. „Wer in diesem Beruf arbeitet, muss Idealist sein“, fügt ihr Kollege René Klostermann hinzu. „Noch Fragen? Wir müssen los, zu den Kindern.“




