Die Abgeordneten haben ihren Platz auf den funkelnagelneuen, roten Stühlen eingenommen. Die Reihen der sechs Bündnisgrünen bleiben leer, für die FDP ist ein Vertreter da – und zwei kamen für die CDU. Eine Dame hat sich etwas verloren in den Reihen der Linken eingefunden. Mit sechs Abgeordneten ist das meiste bei der SPD los, der größten Fraktion im brandenburgischen Landtag.

Es ist kurz nach 10.30 Uhr, eigentlich hätte die Plenarsitzung schon vor über einer halben Stunde beginnen sollen. Doch die Technik konnte nicht starten. Stromausfall! Sturmtief „Xaver“ sorgt in diesen Stunden in Potsdam für Stromspannungsschwankungen.

Lob vom Präsidenten

Die Aufregung hält sich aber in Grenzen. Denn die Abgeordneten sind eigentlich Mitarbeiter der Landtagsverwaltung, und die Präsidentin heißt Regina Dreßler. Sonst ist sie für den Parlamentsdienst zuständig. Knapp sechs Wochen vor der ersten Plenarsitzung im neuen Potsdamer Landtagsschloss am 21. Januar 2014 testet die Verwaltung an diesem Freitag den technischen Ablauf für die „ultimative Landtagssitzung“.

Der „echte“ Landtagspräsident Gunter Fritsch (SPD) ist auch da, als Zuschauer. „Besser kann es gar nicht laufen“, sagt er, „jetzt werden wir sehen, wie schnell wir die Technik selbst bei Stromausfall wieder in den Griff bekommen.“ Dank des Notstromaggregats bleibt niemand im Aufzug stecken. Hartmut Mangold, der als Abteilungsleiter Verwaltung den Umzug des Parlaments vom Brauhausberg in die Stadtmitte organisiert, fährt in diesen Minuten in den zweiten Stock – und wundert sich nach dem Aussteigen nur über das fehlende Licht im Flur. Mittlerweile fährt die Technik im Plenarsaal wieder hoch. Mit einem Geräusch, das sich anhört, als würde ein heftiger Gewitterregen niederprasseln.

Das Einzige in Echtzeit

Gegen 10.40 Uhr kann die Sitzung endlich beginnen. Mit einer Gedenkminute für den verstorbenen südafrikanischen Freiheitskämpfer Nelson Mandela. Das ist aber auch schon das Einzige in Echtzeit. Ansonsten folgen die Akteure einem Drehbuch, das aus zusammengewürfelten alten Landtagssitzungen besteht. „Meine Damen und Herren, ich eröffne die 77. Sitzung des Landtags Brandenburg in der fünften Wahlperiode“, sagt die heutige Präsidentin. Es wird eine Richterin vereidigt, ein Minister erhält zum Geburtstag einen Blumenstrauß.

„So können wir die Technik in den unterschiedlichsten Situationen genau prüfen“, sagt Landtagspräsident Fritsch. Bisher hatte er eine Uhr in seinem Schaltpult und musste stoppen, wie viel Redezeit der Abgeordnete oder Minister noch hat. War noch eine Minute Zeit, drückte er über einen Knopf die gelbe Lampe, war die Redezeit um, die rote. Die bekam der jeweilige Redner am Rednerpult zu sehen. Künftig läuft alles über eine „elektronische Redezeitsteuerung“, ein Tablet mit Touch Screen, das vor ihm liegt. Der Redner bekommt digital angezeigt, wie viel Redezeit er noch hat.

Das alles klappt beim Probe-Debattieren. Doch ob sich auch die echten Politiker durch die neue Technik beim Reden bremsen lassen? Der Check bringt einige Probleme ans Licht: Die zwei Bänke der Stenografen stehen noch zu weit hinten. Das Rednerpult versperrt ihnen den Blick. Sie können nicht erkennen, woher die Zwischenrufe kommen. Die Stuhlreihe mit den Staatssekretären muss ebenfalls verrückt werden. Es ist zu eng. Will ein Minister aus der Reihe davor raus, müssten alle auf der Regierungsbank aufstehen.

Was schwieriger zu beheben ist: Die Gespräche auf den Besucherrängen sind unten zu hören. Der Landtagspräsident läuft die Treppe hoch auf die Besuchertribüne mit ihren rund 160 Plätzen. Alles gut zu verstehen, hier oben. Wochenlang haben Spezialisten an der Technik gefeilt. Es gab schon mehrere Probeläufe, unter anderem mit Polizeischülern.

Fremdeln mit dem weißen Adler

Was ist jetzt? Weiße kleine Flugblätter wirbeln von der Besuchertribüne herab. Störer! Bis die Ordner oben angelangt sind, dauert es eine Weile. Zu lang. Bei den künftigen Sitzungen werden deshalb Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes oben postiert. Den Wachschutz im neuen Landtag wird die bisherige Firma übernehmen. Damit die Mitarbeiter einen über dem derzeitigen Tarif liegenden Mindestlohn von 8,50 Euro erhalten, stockt der Landtag die Löhne auf. „Wir haben das so in den Verträgen mit der BAM festgesetzt“, sagt Abteilungsleiter Mangold. Die BAM Deutschland, das ist der Baukonzern, der den Landtag mit der Fassade des früheren Stadtschlosses für rund 120 Millionen Euro gebaut hat und ihn 30 Jahre betreiben wird.

Fritsch fremdelt noch mit dem weißen Landesadler, den Architekt Peter Kulka angebracht hat. „Man muss sich entscheiden, ob man das Landeswappen an der Wand haben will oder ein Kunstwerk“, sagt Fritsch. „Mir wäre das Wappen lieber, und dann müsste der Adler rot sein.“ Eine Hoffnung hat er allerdings: „Bei all dem, was der Adler hier in den Debatten zu hören bekommt, wird er schon vor Scham erröten.“

Geprobt wird auch in der Gastronomie. Im Erdgeschoss schenkt das Bistro Kaffee für Probe-Gäste aus, auch das Restaurant im vierten Stock des Südflügels ist in Betrieb. Nach dem offiziellen Start wird es montags bis freitags von 11 bis 15 Uhr und von 8 bis 18 Uhr geöffnet sein. „Wir haben jetzt schon Anfragen von Reiseunternehmen“, sagt der gastronomische Leiter, Christian Sprenger. Die Dachterrasse mit dem wundervollen Blick auf das Fortuna-Portal soll die Attraktion werden.

Die Landtagssitzung ist zu Ende, der Präsident schaut kurz in sein künftiges Amtszimmer, kühl, nur der rote Teppich wärmt. Er setzt sich an den leeren, höhenverstellbaren Schreibtisch. Sein Blick aus dem hohen Fenster fällt direkt auf den Hotelriesen Mercure gegenüber und auf den alten Landtag. „Wir werden hier einen modernen, hellen und funktionalen Parlamentsbetrieb bekommen“, sagt Fritsch. Er sieht sehr zufrieden aus.