Lieber Landtag,
das war’s also. Kurz nach 18 Uhr machte der Präsident das Licht aus. Nach mehr als 22 Jahren. Nach 457 Landtagssitzungen, die zusammengerechnet 3421 Stunden und 22 Minuten dauerten. 740 Gesetze wurden hinter Deinen Mauern verabschiedet. Hitzige und ab und zu auch nachdenkliche Debatten geführt.
Der Abschied fiel dann doch nicht so leicht. Es flossen sogar Tränen. Manche wurden heimlich vergossen. Denn eigentlich haben sie Dich nie gewollt, die Brandenburger Parlamentarier. Am Ende aber doch gemocht, wie das dann oft so ist, wenn man sich mal aneinander gewöhnt hat.
Viel lieber aber wäre das Parlament damals, nach der Neugründung des Landes Brandenburg, in der ehemaligen Kadettenanstalt an der Heinrich-Mann-Allee untergekommen. Dort, wo heute der Ministerpräsident und die Staatskanzlei zu finden sind. Doch der Saal, in dem sich damals der Landtag konstituierte, war angeblich baufällig.
Die Abgeordneten ließen sich nur schwer dazu überreden, bei Dir oben auf dem Brauhausberg einzuziehen. Manche sprechen immer noch von einem „üblichen Trick“. Denn die Baumängel waren doch einfacher als erwartet zu beheben – und schon bald konnte die Regierung in einem sanierten, hellen Bau residieren, während das Parlament am Ende 22 Jahre in einem Provisorium „hausen“ sollte.
Nicht nur, dass Du ziemlich düster und trutzig wirkst, hoch über den Köpfen der Potsdamer. Es hätte sicherlich auch eine bessere Adresse gegeben. Immerhin saß unter Deinem Dach zuletzt die SED-Bezirksleitung.
Der letzte 1. Sekretär Heinz Vietze musste gar nicht richtig ausziehen. Er wurde bei den ersten freien Wahlen als Abgeordneter der damaligen PDS in den Landtag gewählt. Keineswegs landete er auf der Hinterbank, nein, er machte weiterhin ganz vorn mit. Du erinnerst Dich wahrscheinlich: Als Vietze sich 2009 aus der Politik zurückzog, verabschiedete ihn selbst der damalige Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) mit einem Dank für seine Leistungen um den Aufbau des Landes.
Er erinnerte dabei an den „Brandenburger Weg“. Abgeordnete aller Fraktionen waren in Brandenburg „zum Mitmachen“ eingeladen. Sie erarbeiteten gemeinsam die neue Landesverfassung. Ausgegrenzt werden sollte keiner. Dieser Politikstil hatte aber auch seine Schattenseiten.
Abschlussbericht im Keller
In Deinem Keller lagerte bis vor kurzem der Abschlussbericht der Ehrenkommission von 1991. Zwei Kirchenmänner überprüften damals alle Abgeordneten auf eine mögliche Stasi-Tätigkeit. In einigen Fällen drückten sie dabei ein Auge zu.
Erst nach den Stasi-Enthüllungen Ende 2009, am Anfang der derzeitigen fünften Wahlperiode, ließen die Parlamentarier sich doch noch einmal auf eine Stasi-Belastung checken. Die von Platzeck geschmiedete rot-rote Koalition sollte schließlich nicht – wie die Ampel 1994 – an der unaufgearbeiteten Vergangenheit zerbrechen. Damals war die wohl turbulenteste Zeit, mit dem Stolpe-Untersuchungsausschuss.
Ab Frühjahr 1992 beleuchtete das Gremium die Stasi-Verstrickungen des damaligen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe (SPD). Ohne nach zwei Jahren zu einem eindeutigen Ergebnis zu kommen. Der ehemalige Kirchenmann Stolpe hatte stets betont, mit der Stasi nur zum Wohle der Kirche und der Bürger gesprochen zu haben. Eine der bewegendsten Stunden liegt noch nicht lange zurück. Ende August 2013 trat Matthias Platzeck nach elf Jahren aus gesundheitlichen Gründen als Regierungschef zurück, Innenminister Dietmar Woidke wurde zum Nachfolger gewählt.
111 Jahre alte Heizung
Vieles aber hat sich gar nicht verändert in den 22 Jahren. Das auf Deinen Turm gepinselte SED-Parteiemblem mit den verschlungenen Händen ist noch heute als Schatten zu erkennen. 2007 wollte die CDU die Zeichen der Diktatur unbedingt entfernen lassen, doch angeblich hätte das 100.000 Euro gekostet. Und weil Du ja immer nur eine Übergangslösung warst, beließen die Parlamentarier Dich in vielem so, wie sie Dich übernommen hatten.
Die Niederdruckdampfheizung zum Beispiel. 111 Jahre alt, funktioniert sie immer noch. Doch die 88 Abgeordneten und die Mitarbeiter konnten sie in ihren etwa 400 Büros nur entweder an – oder ausstellen. Musste eine Wand aufgestemmt werden, hieß es: Aufpassen, dass nichts einstürzt. Alle hatten sich schon daran gewöhnt, dass der Strom hin und wieder ausfiel. Eine Zeit lang durften die Fahrer die Regierungsmitglieder nicht mehr aus ihren Limousinen an Deinem Haupteingang ein- und aussteigen lassen. Denn von oben drohten die Ziegel herunterzufallen. Das Dach wurde repariert, aber nur notdürftig.
Man rechnete ja jederzeit damit, auszuziehen. Mitte der 1990-Jahre hatte das Parlament sich für einen Neubau ausgesprochen. Es gab stets Pläne. Aber da Brandenburg in den ersten Jahren viel zu viele Schulden angehäuft hatte, schreckten die Volksvertreter vor der unpopulären Entscheidung zurück. Erst 2005 trauten sie sich. Weil sie solange gewartet hatten, entschieden sie sich gleich für ein Schloss.
Ab 16. Dezember wollen sie da hin ziehen. Keine Sorge, sie bleiben in Sichtweite. Ein bisschen Bammel haben sie ja schon vor dem neuen Arbeitsplatz. Ach, es war doch gemütlich bei Dir. Miefig, aber wohlig. Man hat ja auch viel erlebt hier. Die legendären Flurfeste zum Beispiel. Alle Tische und Stühle raus, keiner scherte sich um den Brandschutz.
In so einem Schloss gibt es garantiert kein Schnitzel mehr mit Kartoffelsalat für 3,10 Euro. Ja, stimmt schon: Was haben wir nicht auch geschimpft über das Essen. Die deftige Hausmannskost spaltete Ost und West. Einig war man sich wieder bei exotisch klingenden Gerichten: Finger weg vom Thai-Curry. Schwamm drüber, dass die Kantine schon um 15 Uhr schloss. Selber schuld, wer sich nicht selbst seine Stulle mitbrachte, wenn er bis in den Abend hinein im Ausschuss saß.
Auch einen Aufzug gab es bis zuletzt bei Dir im Kreml nicht. So schleppten die beiden guten Service-Geister, Heike Heiske, 48, und Birgit Kother, 51, jeden Tag mehrmals das Geschirr über die drei Stockwerke in die Fraktions- und Ausschussräume.
Für Menschen mit Behinderungen warst Du der wahre Albtraum. Als einmal eine Gruppe Rollstuhlfahrer den Landtag besuchte, dauerte es fast eine Stunde, bis jeder einzelne mit dem Treppenlift oben ankam. Die Fraktionen schämten sich auch längst dafür, in der „Bruchbude“ internationalen Gäste zu empfangen. Diese wurden zuweilen unter fadenscheinigen Gründen in ein Restaurant ins Holländische Viertel gelotst.
169.512 Besucher
Besuche ließen sich aber nicht immer verhindern. 169.512 Bürger waren in den 22 Jahren da. Wegen der Gefährlichkeit der Treppen wurden sie niemals vom Parkplatz auf der Rückseite in das Parlamentsgebäude geführt. Vor ein paar Jahren stürzte auf den schiefen Stufen mal ein CDU-Abgeordneter.
Trotzdem. Auch für uns Journalisten ist im neuen Landtag nicht alles Gold, was glänzt. Bislang konnten uns die Politiker nicht entkommen, wir saßen mit ihnen im Plenarsaal. Sie mussten an uns vorbei, wenn sie aus der Tür wollten. Die Minister ließen sich bei drängenden Fragen sogar während der Sitzung heranwinken – wenn sie gerade nicht mit dem Reden dran war.
Im neuen Landtagsschloss sitzen die Journalisten oben auf den Rängen. Doch endlich müssen die Brandenburger nicht mehr hoch auf den Berg. Die Volksvertreter kommen zu ihnen, in die Stadtmitte.
Deine Gudrun Mallwitz
Die Briefschreiberin Gudrun Mallwitz ist Redakteurin der Berliner Morgenpost und begleitet seit 1998 die Politik im Landtag.





