Ding des Lebens

Der Handbohrer aus dem Spionagetunnel

Omas Uhr, das Hochzeitskleid, das liebste Kuscheltier: Geschichten ganz besonderer Gegenstände. Rainer Boßdorf erzählt über einen Handbohrer aus dem Spionagetunnel zwischen Rudow und Altglienicke.

Foto: JOERG KRAUTHOEFER

Wenn es um die Dinge geht, die sein Leben geprägt haben, fällt Rainer Boßdorf einiges ein. Die vielen Strecken, die er als Läufer bewältigt hat – zuletzt mit Frau und Tochter den Berlin-Marathon 2013. Die Weite des Himalaya-Gebirges, die ihn auf einer Trekkingtour im Gefolge eines Lama begeistert hat. Die fernöstliche Philosophie, die ihn seither tief beeindruckt. Oder auch die schlichte Schönheit Tiroler Bergbauernhäuser, die er auf Wanderungen entdeckt und in seinem Hobbykeller detailgetreu nachbaut. Und dann gibt es noch ein Ereignis aus Kinderjahren, das ihn sein Leben lang begleitet und im Alter wieder an Größe gewonnen hat. Das Symbol dafür kann er mit beiden Händen greifen. Es ist ein alter englischer Handbohrer mit zwei dunkelbraunen Holzgriffen. Dreht man die Kurbel, erklingt ein leises Schnarren.

Die westlichen Geheimdienste wollten die Rote Armee abhören

Um seine Geschichte zu erzählen, hat der akribische Sammler Zeitdokumente auf seinem Couchtisch ausgebreitet, Zeitungsartikel aus den 50er-Jahren und jüngerer Zeit, Fotos, Zeichnungen. Dazu die alte dunkelbraune Aktentasche seines Vaters und den Bohrer, den der wahrscheinlich in ebendieser Tasche hat mitgehen lassen. Der englische Handbohrer stammt aus dem legendären Spionagetunnel, den die Geheimdienste der Amerikaner und Briten 1955 angelegt hatten, um die Telefonleitungen der Roten Armee anzuzapfen und abzuhören. 600 Meter lang war die Röhre aus gewelltem Stahlblech, Durchmesser zwei Meter, die sich vollgestopft mit damals modernster Technik in sechs Metern Tiefe wie ein Wurm von Rudow bis Altglienicke unter der Erde durchzog, um an der Anzapfstelle der Sowjetleitung unter der Schönefelder Chaussee zu landen.

Als die „Operation Gold“ 1956 aufflog, durfte der damals elfjährige Rainer mit seinem Vater hinabsteigen und das Werk der Geheimdienstler besichtigen. Der Vater war Fernmeldetechniker beim Entstörungsdienst der Post und nach der Entdeckung des Tunnels damit beauftragt, die Leitungen für die Russen instand zu setzen. Er erwirkte eine Genehmigung, seinen Sohn mit in den Tunnel zu nehmen. „Wir stiegen hinab in einen dunklen Röhrenraum, überall hingen Kabel und Sandsäcke. Hinter einer Panzertür lag dann die Relaisstation, sauber mit Sperrholz ausgekleidet und hell beleuchtet mit Neonröhren, Ventilatoren sorgten für frische Luft“, erzählt Boßdorf, als wäre es gestern gewesen. „Das war der Irrsinn, so viel Technik und so viel Akkuratesse sechs Meter unter der Erde, das hat mich umgehauen.“

Bleibender Eindruck

Das Abenteuer hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen, sein Leben lang hat sich Boßdorf mit diesem Kapitel des Kalten Kriegs befasst, Bücher gelesen, Dokumente gesammelt, die Röhre detailgetreu im Großformat nachgezeichnet. Nach dem Mauerfall suchten Mitarbeiter des Alliierten-Museums nach dem alten Spionagetunnel, fanden Reste und organisierten mit den Geheimdienstchefs beider Seiten ein „Versöhnungstreffen“. Boßdorf ging hin, erzählte von seinen „Trophäen“ und blieb seitdem in Kontakt mit den Museumsleuten.

Er sorgte auch dafür, dass die letzten Reste des Tunnels nicht beim Bau der Autobahn 113 unter die Räder kamen, sondern sicher im Flughafen Tempelhof landeten, wo das Alliierten-Museum hinziehen soll. Inzwischen ist Boßdorf bei den Berliner Unterwelten als Zeitzeuge gefragt, etwa dreimal pro Jahr hält er in einem Seminar im Alliierten-Museum einen Vortrag darüber und erklärt Berlinbesuchern mit seiner Zeichnung den Tunnel.

Seitdem der gelernte Werkzeugmacher im Ruhestand ist, hat die alte Geschichte an Bedeutung gewonnen: „Sie festigt sich immer mehr, man liest weiter, entdeckt Erklärungen von beiden Seiten und bewertet neu“, sagt er. Und auch wenn längst erwiesen ist, dass die West-Schlapphüte mit ihrer Operation wenig Erfolg hatten, bleibt Boßdorf fasziniert von diesem Kapitel Geschichte. Er genießt den Status als Zeitzeuge und freut sich über den Applaus, den er nach seinen Vorträgen bekommt. Den alten Handbohrer und die Aktentasche hat er dann immer dabei – sie bezeugen, dass er das alles wirklich erlebt hat.