Zu dritt sind die Jungs unterwegs. Drei Teenager, die an einem Sonnabendabend durch die Gegend stromern. Sie treiben sich am Bahnhof herum. Ein Güterzug fährt ein. Mit Kesselwagen voller Biodiesel. Er muss betriebsbedingt anhalten und steht dann an Gleis zwei im kleinen Bahnhof Brandenburger Rathenow, der insgesamt nur vier Bahnsteige hat. Es ist 18.45 Uhr. Danach ist für die drei Jungen nichts mehr wie vorher.
„Es ist offenbar eine Art Mutprobe gewesen“, sagte ein Sprecher der Bundespolizei am Sonntag. Einer der Jungen, erst 13 Jahre alt, ist an dem Bahnsteig auf einen der Kesselwagen geklettert. Seine beiden Freunde hätten später ausgesagt, sie hätten ihn nicht gedrängt, er sei aus freien Stücken auf den Waggon gestiegen.
Ob er auf dem Wagen der Oberleitung nur zu nahe kam oder sie tatsächlich berührte, ist unklar. Schon die Nähe zu der 15.000-Volt-Leitung reicht aus, um einen Lichtbogen zu erzeugen, der den Stromschlag verursacht. Die hohe Stromspannung kann sofort tödlich sein oder aber zu lebensgefährlichen Verbrennungen führen. Wegen des Funkenschlags gab es am Sonnabendabend nach Angaben der Polizei außerdem einen leichten Brand an dem Kesselwagen.
Die Freunde bleiben unverletzt
Schwer verletzt wurde der 13-Jährige mit dem Rettungshubschrauber ins Berliner Unfallkrankenhaus (UKB) nach Marzahn geflogen, wo er von Spezialisten für Verbrennungen behandelt werden kann. Er liege auf der Intensivstation, sein Zustand sei sehr kritisch, hieß es von der Bundespolizei am Sonntag. Die beiden Freunde des 13-Jährigen blieben bei dem Unglück unverletzt. Sie ergriffen offenbar die Flucht und konnten durch Beamte der örtlichen Polizei später ausfindig gemacht und befragt werden.
Unglücke wie in Rathenow gibt es immer wieder. Früheren Angaben der Bahn zufolge gab es zwischen 2011 und 2013 bundesweit rund 20 Unfälle beim Klettern auf Waggons und Strommasten. Jeder dritte Fall endete demnach tödlich. Vergangenen Sommer verbrannte ein 14 Jahre alter Junge auf einem Kesselwagen in Lübbenau (Oberspreewald-Lausitz) vor den Augen seines kleinen Bruders. Auch die beiden Brüder hatten an den Kesselwagen gespielt.
Nur wenige Wochen zuvor verunglückte ein Neunjähriger in Prenzlauer Berg auf einem Betriebsgelände der Bahn. Ähnlich wie bei dem aktuellen Fall in Rathenow erlitt der Junge durch den Stromschlag schwerste Verbrennungen und wurde danach wochenlang im UKB in Marzahn behandelt. Auch in Rathenow selbst hat es nach Angaben der Polizei bereits vor einiger Zeit einen ähnlichen Unfall gegeben, als ein Graffiti-Sprayer der Oberleitung der Bahn zu nahe gekommen war.
Die Bahn kann nur Warnschilder aufstellen
„Wir können nur immer wieder darauf hinweisen, wie gefährlich es ist, auf Bahngeländen zu spielen“, sagte ein Bundespolizeisprecher am Sonntag. Es gebe sogar Präventionsteams der für Bahnanlagen zuständigen Bundespolizei, die an Schulen über die Gefahren aufklären würden. „Aber offenkundig erreichen wir mit dieser Aufklärung nicht jeden.“
Mehr als entsprechende Warnschilder könne es als Sicherheitsmaßnahme bei der Bahn kaum geben. Auch die Bahn sagte bereits bei früheren Fällen, es sei unmöglich, 34.000 Kilometer Gleise in Deutschland so abzusperren, dass sie nicht mehr betreten werden könnten.
Die Oberleitungen der Bahn führen eine Spannung von rund 15.000 Volt. Mindestens 1,50 Meter Sicherheitsabstand müssen laut Bahn und Bundespolizei zu den Leitungen eingehalten werden. Wird die Distanz unterschritten, so entsteht ein Lichtbogen, der den Stromkreis zwischen Mensch und Oberleitung schließt. Dabei sind Elektronen in der Luft im Spiel – und mehrere tausend Grad Celsius. Organversagen und schwere Verbrennungen sind die Folgen.
mit dpa





