Ob die Transportkisten, die er für die prallen blauen Trauben mitgebracht hat, ausreichen, weiß Oliver Boden noch nicht. Die Rebstöcke, die am Holzgitter emporranken, stehen erst im dritten Jahr. 230 Rebstöcke der Sorte „Regent“ hat das Team der gemeinnützigen Berliner Mosaik-Werkstätten für Behinderte unter Leitung des 39-Jährigen 2011 gepflanzt.
Jahr für Jahr kamen weitere hinzu, 800 Stöcke der roten Sorte haben ihre Wurzeln mittlerweile bis zu zwölf Meter tief in den märkischen Boden des Klausbergs gegraben. Am gestrigen Freitag wurden im einstigen königlichen Garten erstmals die für den Rotwein bestimmten Trauben geerntet.
„Wir sind spät dran“, sagt Boden. Der Regen macht ihm Sorgen. Andererseits: „Jetzt sind die Trauben dehydriert. Das Gewicht ist dadurch reduziert, der Zuckergehalt aber hoch – für den Geschmack genau richtig.“ Mittlerweile kennt sich der studierte Forstwirt in Sachen Weinlese aus.
Belesen hat er sich in den Archiven, die über den Versuch Friedrich II. ausreichend Material enthalten: Von einem Soldaten aus dem Rheinland hatte sich der Preußenkönig (1712–1786) für das Weinanbauvorhaben animieren lassen, um bei seinen Banketten in Sanssouci den Gästen Tafeltrauben auf Silbertabletts offerieren zu können – möglichst zu jeder Jahreszeit. Keine Trauben zum Keltern.
250 Flaschen Ertrag, 180 Liter Most, 150 Liter Wein
Nur zaghaft greift man auf die 40 historischen Rebsorten zurück, die sich zwischen Efeu und Brombeeren im überwucherten 2,3 Hektar großen Areal über Jahrhunderte behauptet haben. Trollinger, Black Hamburg, Agostenga. Stöcke aus der Kaiserzeit, die Brandbomben des Zweiten Weltkriegs ebenso überlebt haben wie die Schafe, die zu DDR-Zeiten auf dem Berg grasten. „In das Areal konnte bis vor einigen Jahren kein Fuß gesetzt werden“, erinnert sich Mosaik-Sprecher Andreas Kramp. Wurzeln, Ranken, Dornen, dazwischen einige Reben.
Damals habe sich die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg an Mosaik gewandt mit der Bitte, das fruchtbare Gebiet zu revitalisieren. Ein Vorhaben, das seither nicht auf den Wein beschränkt bleibt. Äpfel, Birnen und Pfirsiche wurden rekultiviert. „Mit dem Wein wollen wir irgendwann schwarze Zahlen schreiben“, sagt Kramp. Der rote „Regent“ lässt hoffen.
Die weißen Trauben hätten aktuell bereits 250 Flaschen an Ertrag gebracht. 180 Liter Most hat Mosaik bereits pressen lassen, 150 Liter Wein davon erhalten. „Der weiße Phoenix des Jahrgangs 2011, den die Mosaik-Werkstätten wie auch der Museumsshop der Stiftung vertreiben, ist ausverkauft.“ Vom 2012er gibt es nur noch Restbestände. Die Abnehmer: Weinliebhaber, die auf Regionalität achten.
Fruchtig und mit leichter Pfirsichnote
„Wir entwickeln uns zum Geheimtipp.“ Sicher auch wegen des prunkvollen Emblems mit dem Aufdruck vom Königlichen Weinberg, sagt Boden. Und wegen des Geschmacks. Der breite sich fruchtig, mit einer leichten Pfirsichnote auf der Zunge aus.
„Gerade die Fachleute haben aus dem Märkischen extrem sauren Wein erwartet.“ Fehlanzeige. Zu den von Mosaik ausgerichteten Winzerfesten einmal im Jahr haben die Weinkenner den Klausberg beschritten, Kostproben genommen – und Lob gespendet.
„Die Süße hat fast die Grenze zum Halbtrockenen überschritten“, beschreibt Kramp den aktuellen Weißwein des Jahrgangs 2013. „Wir haben als Amateure auf die Ratschläge der Kenner gesetzt. Sogar Bilder von kränkelnden Blättern per Internet verschickt, um nach möglichem Pilzbefall zu fragen, auch Weingüter besucht.“ Bis 2019 wollen wir 4800 Rebstöcke pflanzen, kündigt Kramp an. „Den Cabernet Blanc“. Vielleicht auch historische Sorten, ergänzt Boden.
Rebstock aus Rheinland-Pfalz kostet drei Euro
Trotz der Leidenschaft für die Traube quält Mosaik die Frage der Finanzierung. Derzeit setzt man auf Patenschaften für einzelne Rebstöcke, zu haben ab zehn Euro. „Wir benötigen einen Mäzen“, sagt Kramp. „Der reine Rebstock, geordert aus Rheinland-Pfalz, kostet vielleicht drei Euro.“
2,9 Millionen Euro braucht Kramp, um die Anlage an der Maulbeerallee auf Vordermann zu bringen. „Das Heizhaus ist der wunde Punkt.“ Der Ziegelsteinbau, der die Weinausstellung beheimatet, soll als Info-Raum mit Weinverkauf ausgebaut werden.
Visionen, die an der Realität zerbrechen: Schimmel an den Wänden, die erst vor wenigen Monaten geweißt wurden, Regen, der durch das Dach tropft, bröckelnde Stufen. „Weil wir ein Berliner Unternehmen an einem Brandenburger Standort sind, gestalten sich auch die Fördermöglichkeiten schwierig.“ Im November will Mosaik ein neues Patenschaftsmodell für Rebstöcke auflegen – „vielleicht gibt’s da Resonanz“, hofft Kramp.





