Als „konspirative Wohnungen“ sind die schwarzen Kreise in der Legende des überdimensionalen Stadtplanausschnitts vermerkt. 1160 Potsdamer Adressen, an denen sich Stasi-Mitarbeiter heimlich mit ihren Informanten trafen. Die Wohnungen oder Zimmer stellten staatsnahe Ehepaare oder alleinstehende Frauen zur Verfügung. Ein Entgegenkommen, das der Geheimdienst mit Geschenken und Geld honorierte. In keinem Stadtteil Potsdams fehlen die Kreissymbole. Sie sind längst Geschichte und damit auch Thema der neuen Dauerausstellung im Potsdam Museum auf dem Alten Markt.
Das erst vor einem Jahr bezogene Alte Rathaus, in dessen Sanierung und Ausbau zum neuen Museumsquartier 9,5Millionen Euro investiert wurden, will anhand von 500 Objekten auf 800Quadratmetern die Entwicklung Potsdams erlebbar machen – vom kleinen Fischerdorf an der Havel über die Residenz- und Garnisonstadt zur heutigen Landeshauptstadt. 1020 Jahre im Zeitraffer unter dem Motto „Eine Stadt macht Geschichte“.
Kein Heimatmuseum
„Wir verstehen uns allerdings nicht als Heimatmuseum“, betont Museumsdirektorin Jutta Götzmann. „Potsdam hat immerhin europäische, sogar Weltgeschichte mitgeschrieben.“ Dem wolle man Rechnung tragen. Elf Ausstellungs-Kapitel haben das Kuratorenteam und der 2010 eigens gegründete wissenschaftliche Beirat, besetzt mit Historikern, Museumspädagogen und Ausstellungsmachern, zusammengestellt. „Statt uns streng an die Chronologie zu halten, haben wir uns an Themenschwerpunkten orientiert“, erläutert der Potsdamer Universitäts-Professor Ralf Pröve vom Wissenschaftsbeirat.
Begriffe wie Migration, Militär, Architektur, Handel werden beleuchtet. Ein Spinnstuhl ohne Lehne symbolisiert Potsdam als Stadt der Bürger. Eine prunkvolle Schreibtischkommode, gefertigt vom Kunsthandwerker Melchior Kambly (1718–1784) für die Schlösser Friedrichs II., erinnert an Potsdam als Stadt der Könige und Ort der Luxusgüterproduktion. Pickelhaube, die Paradeuniform Garde du Corps von 1900, oder der Reservistenteller des Gefreiten Karl Rückert von 1898 – gut geschützt hinter Glas – stehen für die prägende Rolle des Militärs. Bis in die jüngste Vergangenheit. Nur wenige Meter entfernt ist die Glienicker Brücke drapiert, als Miniatur-Modell der DDR-Grenztruppen.
Multi-Touch-Tische zeigen Routen der Einwanderer
Im gleichen Raum: Plakate mit dem Aufruf des Neuen Forums aus der Wendezeit. Oder das Foto einer jungen Frau mit Piercing im Mundwinkel. Es ist das Portrait einer Hausbesetzerin. Sie gehörte zu den rund 300 jungen Menschen, die im Sommer 1993 alternative Wohnformen probten und rund 20 leer stehende Gebäude in der teils einem Abrissviertel gleichenden maroden Innenstadt besetzten. Ein Experiment für nur kurze Zeit. Im Februar und März des Folgejahres räumte die Polizei die Kommunen mit Gewalt. In Potsdam tobten Straßenschlachten. Ein anderes Bild der eher beschaulichen Landeshauptstadt.
Gezielt werden Fakten mittels neuer Medien aufbereitet. An Multi-Touch-Tischen können Besucher die Routen der Einwanderer im Laufe der Jahrhunderte verfolgen, die Bebauung des Alten Marktes wird durch einen Film animiert, an Hörstationen erfährt man mehr aus dem Leben des Sanssouci-Erbauers Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff. „Wir erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit“, sagt Götzmann. 90 Prozent der gezeigten Exponate stammen aus dem Depot des Museums. „Nur ein Bruchteil unseres eigentlichen Bestandes“, wie die Direktorin anmerkt.
Weitere 20.000 Exponate sind noch verpackt
Mehr als 20.000 weitere Stücke seien noch in Kisten und Regalen verpackt. Aus Gründen der Haltbarkeit keine Ideallösung. Von den etwa 500 ausgewählten Objekten mussten 103 Objekte in die Hand von Restauratoren. „Das war vielfach kein leichtes Stück Arbeit“, sagt Museumskonservator Oliver Max Wenske. Um Porträts von Potsdamer Familien zu rekonstruieren, die das Bürgertum im 19. Jahrhundert als neuen Modetrend von sich anfertigen ließ, musste beispielsweise auf frühere Maltechniken zurückgegriffen werden. „Wir haben mit der alten Technik des Pastellstaubauftrags gearbeitet“, hebt der Fachmann hervor. „Eine echte Herausforderung.“
Auffällig für Wenske, wie gut die teils unbekannten Maler von einst ihr Handwerk verstanden. Nicht die einzige Überraschung. Der Adler vom Neustädter Tor, der in Folge des Krieges nur noch als Fragment existiert, ist mit einer speziellen Metallkonstruktion an einer Ausstellungswand befestigt. „Als wir den Adler reinigen ließen, kam unerwartet seine vergoldete Unterseite zu Tage.“
Schenkungsurkunde gehört zu den Höhepunkten
Nicht alles, was derzeit im Obergeschoss präsentiert wird, ist dauerhaft in Potsdam zu sehen. Zahlreiche Museen und Stiftungen hätten Wertvolles als Leihgabe zur Verfügung gestellt, sagt Götzmann. Auch Privatleute. „Das Bild von Wilhelm Barth, das Potsdam um 1825 vom Brauhausberg zeigt, wollten wir bei einer Auktion in Berlin ersteigern.“ Vergeblich. Ein Berliner Kunstsammler überbot das Potsdam Museum. Der Trost: „Für zwei Jahre dürfen wir das Barth-Bild bei uns zeigen.“ Das Nationalmuseum Breslau hat für einige Monate Georg Kolbes Skulptur „Tanzende“ nach Potsdam bringen lassen.
Noch kürzer die Frist, die das Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt den Potsdamern einräumt. Die Schenkungsurkunde aus dem Jahr 993, in der Potsdam das erste Mal erwähnt wird, gehört für Götzmann zu den Höhenpunkten der Schau. „Der Archivar ruft täglich an, um sich an dem Befinden der Urkunde zu erkundigen.“ Dafür hat sie Verständnis. „Wir sind froh, dass wir sie zeigen können.“
Das Museum, das ist Götzmann wichtig, sei nicht nur Ort des städtischen Gedächtnisses. „Wir wollen uns entwickeln, auch in die Zukunft blicken.“ Modelle von Stadtplanern der sich wandelnden Stadt sollen regelmäßig aktualisiert werden, Foren zum Thema im Haus begleitend angeboten werden. „Wir blicken nach vorn.“ Was auch die Reihe der Interviews belegen soll, die das Museum mit Potsdamern geführt hat. „Darüber, was sie mit der Stadt verbinden, was sie sorgt, was sie erfreut.“ Zu erleben in Wort und Bild im Eingangsbereich der Schau.
Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte
Am Alten Markt 9, 14467 Potsdam,
Di., Mi., Fr., 10-17 Uhr, Do. 10-19 Uhr, So./So. 10-18 Uhr


