Die einen finden das Bonbonrosa der Schnörkelfassade kitschig, die anderen stören sich an den modernen Linien im Inneren. Nicht jedem konnte es Architekt Peter Kulka recht machen. Der Landtagsneubau auf dem Alten Markt, den Kulka im historischen Barockschloss-Gewand im Auftrag des Finanzministeriums errichtet hat, sorgt für Diskussionen – seit der Bau 2005 beschlossen wurde, spätestens seit dem Spatenstich 2010. Mal wegen der Optik, mal wegen gestiegener Kosten des ursprünglich mit 120 Millionen Euro kalkulierten Projekts. Kommenden Donnerstag nimmt Landtagspräsident Gunter Fritsch die Schlüssel für den Landtag entgegen. Mitte Dezember sollen die 88 Abgeordneten ihre Büros beziehen.

Für Christdemokrat Ingo Senftleben kann der Umzug gar nicht früh genug stattfinden. So schnell wie möglich möchte der 39-Jährige sein Büro mit Blick auf den Innenhof beziehen. Er ist sie leid, die Tristesse des Gebäudekomplexes auf dem Brauhausberg, einst Sitz der SED-Bezirksleitung, bevor dort nach dem Mauerfall der Landtag einzog. Als er 1999 mit damals 24 Jahren als jüngster Abgeordneter ins Parlament einzog, war er von der Atmosphäre beeindruckt. „Der hässlichste Landtag Deutschlands“, kommentiert er nun.

Senftleben ist mit dem Adler unzufrieden

Bröckliger Putz, ausgetretene Stufen, düstere Gänge. Das ist bald Vergangenheit. Ebenso wie das Schwitzen am Schreibtisch, wenn sich im Sommer die Büroräume aufheizten. Denn das ans Knobelsdorffsche Original angelehnte neue Stadtschloss – bei dem man dank der Unterstützung von Mäzen Hasso Plattner selbst aufs Kupferdach nicht verzichten musste – mutet nur von seiner Hülle her historisch an. „Der Bau ist ein Niedrigenergiehaus. In den Wänden sind Module zum Kühlen und Heizen integriert, um die Raumtemperatur stabil zu halten“, sagt Hartmut Mangold, Leiter der Abteilung Verwaltung im Landtag. Nägel einzuschlagen, ist den neuen Bewohnern daher ausdrücklich verboten, steht auch in der Hausordnung. Stattdessen hilft der Hausmeister, Ölbild oder Aquarell an speziellen Bildleisten zu fixieren. Senftleben will sein Büro lieber mit dem Wimpel des Technischen Hilfswerks schmücken, der ihn an seinen Einsatz beim Elbehochwasser 2003 erinnert. Mit einer Kerze seiner Kirchgemeinde und kleinen Matroschkas, die ihm eine Aussiedler-Gruppe 1999 schenkte – es waren seine ersten Besucher im Landtag.

Dennoch ist Senftlebens Freude auf die moderne Arbeitsstätte getrübt. Schuld ist der 1,80 Meter große Adler aus gebürstetem Stahl, der an der Stirnseite des Plenarsaals an weißer Wand hängt. In Weiß gehalten ist das Wappentier, nicht in Rot – gemäß dem Wunsch des Architekten. Der wollte den Eindruck eines Blutfleckens auf weißem Untergrund vermeiden. Nachvollziehbar für Marie Luise von Halem, Geschäftsführerin der Grünen-Fraktion im Landtag. „Der dezente Unterschied von Weiß auf Weiß erinnert an Büttenpapier, durch die Struktur des Materials hebt sich der Adler ab.“ Zustimmung auch bei den Linken, bei SPD und FDP. Die CDU hingegen ist entsetzt. „Das ist gegen die Tradition. Unmöglich.“

Für Senftleben steht fest: „Der rote Adler ist ein Symbol, wirkt identitätsstiftend.“ Die rote Farbe sei selbst in der Brandenburger Verfassung festgeschrieben. Nichts, was Hartmut Mangold derzeit beschäftigt. Der konzentriert sich ganz auf den 14. und 15. Oktober, wenn sämtliche Büros bestückt werden. Mit nagelneuem Mobiliar, ausgesucht von der fünfköpfigen Kunstkommission mit je einem Vertreter jeder Fraktion.

Schlicht und funktional

„Sieht wie Bauhausstil aus. Schlicht und funktional“, sagt Mangold. „Den Schreibtischstuhl würde ich mir auch privat kaufen.“ Alle bekommen das gleiche Inventar gestellt. „Lässt sich schneller austauschen, wenn mal etwas kaputt geht.“ Mangold muss effizient agieren. „Wir haben zwei Monate Puffer. Aber dann muss auch alles funktionieren.“ Am 21. Januar tagen die Volksvertreter erstmals am neuen Standort. Zuvor – am 18. und 19. Januar – öffnet das Schloss seine Türen für die Bürger. Für Mangold ist der Probelauf ein Muss. „Im November wird man nur IT-Techniker und Handwerker auf den Gängen sehen, die nach der Abnahme noch Restarbeiten erledigen.“ Parallel werden seine Kollegen den Betrieb von Lautsprecher- und Mikrofonsystemen und Multitouch-Terminals üben. „Es soll ja nicht zu peinlichen Situationen kommen, wenn bei einer Ausschusssitzung niemand die richtigen Knöpfe bedienen kann.“ Die bekannten Telefonnummern inklusive Landtagsvorwahl (966), unter denen die Fraktionen zu erreichen seien, blieben erhalten.

Um Chaos zu vermeiden, wird der Umzug von einer einzigen Firma gemanagt. Derzeit läuft die Ausschreibung. Obwohl sich das, was jeder Abgeordnete mitnimmt, in überschaubaren Maßen hält. „Ein- und Auspacken dauert sicher nur zwei bis drei Stunden“, schätzt Mangold. „Ich nutze die Chance, mal auszusortieren“, sagt Linken-Abgeordneter Stefan Ludwig. Denn trotz des papierlosen Büros sammle sich einiges an. „Manches Reformpapier aus den vergangenen Jahren habe ich hier noch Schwarz auf Weiß.“ Was Ludwig vermissen wird? „Den Schnack unter den Bäumen im Innenhof.“ Frische Luft können die Abgeordneten nun auf der Dachterrasse des neuen Gebäudes atmen. „Mit Blick auf die Havel“, wie Marie Luise von Halem schwärmt. Und das Mercure-Hotel. „Eine Bausünde aus DDR-Zeiten“, sagt Senftleben. Allerdings eine, mit der sich die Stadt befassen müsse. Keine Sache für den Landtag.