„Diese kleine Kirche ist etwas ganz Besonderes, aber in ihrem Bestand gefährdet.“ Wenn Nanna-Maria Luttenberger von dem äußerlich unscheinbaren, Kalk verputzten Gotteshaus in Altwustrow spricht, kommt die Pfarrerin ins Schwärmen, zugleich macht sie sich aber große Sorgen. Immerhin betreut die 52-Jährige in ihrem Pfarrsprengel rund 25 Oderbruch-Orte mit etlichen, weitaus stattlicheren Sakralbauten. Keiner davon kann allerdings mit dem denkmalgeschützten Fachwerkbau in Altwustrow mithalten, befinden auch die 15 Mitglieder des Fördervereins Kirche Altwustrow, der sich seit 15 Jahren für die Rettung der Kirche einsetzt.

1789 war die Kirche als Schwarzbau entstanden. „Schon diese Geschichte macht Altwustrow einmalig“, sagt Beate Niehoff vom Förderverein, „vom Landesherren war den Dörflern die Genehmigung eines eigenen Gotteshauses verwehrt worden.“ Stattdessen sollten die Altwustrower sich an der Reparatur der Kirche in Wriezen beteiligen. Da aber die Menschen im Oderbruch schon immer eigensinnig waren, schlossen sich 13 Dorffamilien zusammen, um sich ein eigenes Bethaus zu bauen. Da der im 15. Jahrhundert gegründete Ort damals jenseits der Oder lag, blieb die frisch gebaute Kirche, die 1832 auch noch einen Kirchturm bekam, lange Zeit unbemerkt. Bis 1960 war sie Eigentum der Altwustrower Gründerfamilien, erst dann wurde sie von der evangelischen Kirche übernommen.

Himmelblaue Decke aus Papier

Zu einem wahren Kleinod machte die Dorfkirche ihre Ausgestaltung im sogenannten weiß-goldenen Bauernbarock. Aus Platzgründen ist die Kanzel in den hölzernen Altar integriert. Die Kirchendecke war einst in kräftigen Rot-Tönen bemalt.

Um mit der Zeit zu gehen, wurde sie um 1832 jedoch mit Papierbahnen überklebt, die himmelblaue Papierdecke mit Jugendstilmotiven per Hand bemalt. Und die ist tatsächlich einzigartig in ganz Norddeutschland, ohnehin untypisch für einfache Dorfkirchen. Nicht nur die Altwustrower sind stolz darauf, auch die zahlreichen Besucher, von denen sich viele in das ausliegende Gästebuch eintragen, zeigen sich begeistert.

Doch ob es an dem unsicheren Untergrund liegt – die Kirche soll auf einer Tonlinse sitzen – oder aber an menschlichem Versagen, die kleine Fachwerkkirche ist in ihrem Bestand bedroht. Dabei gab es bereits eine gut 800.000 Euro teure Rettungsaktion zwischen 2001 und 2007. Der Förderverein schrieb potenzielle Geldgeber an, konnte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die Oetker- und die Reemtsma-Stifung ebenso gewinnen, wie Bund und Land. Zunächst wurde der 142 Tonnen schwere Sakralbau in einer spektakulären Aktion mit Hydraulik-Wagenhebern aus seiner Schieflage geholt und 15 Zentimeter angehoben, anschließend wurden Schwamm und Holzwurm bekämpft, die Außenhülle saniert und die hölzerne Innenausstattung inklusive der Papierdecke restauriert.

Restaurierung hält nicht mal zehn Jahre

Der neue Glanz hielt allerdings nicht lange. „Die Feuchtigkeit im Mauerwerk und im Haus haben wir nie wirklich herausbekommen, das wurde schon während der Sanierungsarbeiten deutlich“, sagt Niehoff und wirft den damals beteiligten Fachleuten vor, damals nicht reagiert zu haben. Ihr, wie auch den anderen Fördervereinsmitgliedern ist der rasante Verfall der kleinen Kirche sechs Jahre nach dem Sanierungsabschluss merklich peinlich. Pfarrerin Luttenberger interessieren derlei Befindlichkeiten wenig, auch wenn auch sie erschüttert darüber ist, dass die Restaurierung nicht einmal zehn Jahre gehalten hat.

Die 52-Jährige hat seit 20 Jahren mit dem Bau an denkmalgeschützten Gotteshäusern zu tun und will auch in Altwustrow die Probleme anpacken. „Als ich Anfang vergangenen Jahres aus dem Spreewald ins Oderbruch kam, war ich froh, dass in dieser Gegend alles gut in Schuss ist. Da wurde ich ziemlich schnell eines Besseren belehrt“, erzählt sie. Zunächst geht es Luttenberger darum, die Kirche „trockenzulegen“. Das Abwasser des Ortes fließt nur einen Meter von der Kirchenmauer entfernt unterirdisch zusammen. „Der Schacht muss verlegt werden“, meint sie.

Fußboden wird zur schiefen Ebene

Zudem sollten die augenscheinlichen Feldsteinfundamente der Kirche freigelegt und mit einer Drainage versehen werden. „Durch die Fugen zieht sich da immer Feuchtigkeit hoch“, weiß die Pfarrerin aus Erfahrung. Ein weiteres Thema ist die augenscheinlich erneute Absenkung der Seitenwände: Auf den Emporen wird der Fußboden zur schiefen Ebene. Wer von dort ins Kircheninnere blickt, hat den Eindruck, dass keine Wand gerade verläuft und sich die Decke wölbt. „Da hat das hier angewendete Kalksäulenverfahren zur Stabilisierung des Baugrundes wohl kaum etwas gebracht“, resümiert die Pfarrerin und erzählt auch, dass bei der Sanierung der Kirche im benachbarten Neulietzegöricke eine große Menge Beton in den Untergrund gepumpt worden sei. „Dieses Gotteshaus steht jetzt wie eine Eins.“

Charakteristisch für das Oderbruch sei ein ständig steigender oder fallender Grundwasserspiegel. „Dadurch sind auch die Gebäude immer in Bewegung.“ Doch auch die in rasantem Tempo an der Kirche vorbeibrausenden schweren Landmaschinen beeinträchtigen ihrer Überzeugung nach die Standfestigkeit des Sakralbaus. „Die massiven Erschütterungen führen zu Rissen in den Wänden. Dabei ist das hier gar keine Durchgangsstraße“, sagt sie, mit Blick auf das malerische 70-Seelen-Runddorf.

Suche nach neuen Geldgebern

Großes Sorgenkind ist erneut die wertvolle Papierdecke, die wenige Jahre nach der Restaurierung großflächig mit hässlichen Flecken übersät ist. „Da muss untersucht werden, ob es einfach nur die Feuchtigkeit ist, die Ärger macht, oder aber ein hochgiftiges Holzschutzmittel, das in den 70er-Jahren von oben in die Holzbohlen der Kirchendecke gespritzt wurde“, erläutert die Theologin.

Erst nach Bestandsaufnahme und Ursachenforschung bezüglich der Nässe könne über Maßnahmen zur Rettung der Kirche und Finanzierung nachgedacht werden. Allerdings: Der Eigenanteil, den die Kirche leisten könne, sei gering. Dennoch betont Luttenberger, dass Kirchen „als einzigartige Glaubenszeugnisse unserer Vorfahren“ bewahrt werden müssen. Insofern schätzt sie auch die Arbeit des Fördervereins. An die früheren großzügigen Geldgeber traut er sich aber kein zweites Mal heran. „Das sieht ja aus, als wäre ihre Unterstützung sinnlos verpulvert worden.“ Dennoch wirbt der Verein erneut um Spenden, „im Freundeskreis“, wie Niehoff es beschreibt.