Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche hat ihr akustisches Erkennungszeichen zurückbekommen: Das Glockenspiel im Alten Turm erklang nach zweijährigen Restaurierungsarbeiten am Sonntagmittag erstmals wieder. Es ist nun jeweils zur vollen Stunde zu hören.

Pünktlich um 12 Uhr war die zarte Melodie, eine Komposition des Preußenprinzen Louis Ferdinand, zu hören. Mehrere Hundert Menschen standen auf dem Breitscheidplatz, hörten erst konzentriert, fast andächtig zu, spendeten dann Beifall.

Es war ein Moment der Freude und für viele auch ein Moment der Erleichterung: Die Sanierung des Alten Turms ist fast beendet und es gelang tatsächlich, die dafür notwendigen 4,2 Millionen Euro zusammenzubekommen.

Auch der Festgottesdienst zuvor war dem weitgehenden Abschluss der Bauarbeiten gewidmet. Neben der Gemeinde waren insbesondere die Spender und Fugenpaten eingeladen, die insgesamt 1,2 Millionen Euro zu der Bausumme beigesteuert hatten. Fast 800 Gäste kamen.

„So voll ist es sonst nur an Weihnachten“, freute sich Roland Strehlke, Fundraising-Beauftragter der Gedächtniskirche. Am Gottesdienst nahm auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) teil. Ihm sei „das Herz aufgegangen“, als er jetzt endlich wieder den Alten Turm, zumindest die obere Hälfte, ohne Gerüst sehen konnte. Mehr als zwei Jahre war Berlins Mahnmal gegen Krieg und Zerstörung hinter einem mit Aluminiumplatten beklebten Baugerüst verborgen.

„Berlin erhält sein Wahrzeichen zurück“, sagte Wowereit. Mit Blick auf die zahlreichen Neubauprojekte rund um den Breitscheidplatz nannte er die Gedächtniskirche einen „Fels in der Brandung“, der auch in Zukunft für Frieden und Versöhnung stehe und den Menschen Hoffnung gebe.

Da die letzten Gerüstteile am Alten Turm erst im nächsten Frühjahr verschwinden werden, konnte der Regierende Bürgermeister noch einen launigen Seitenhieb auf den Flughafen BER platzieren: „Auf anderen Baustellen würde man wohl von einem Soft Opening sprechen.“

Die Sanierung geht weiter

Der Alte Turm war zuletzt zwischen 1982 und 1984 runderneuert worden. In den kommenden Wochen sollen auch die vier neu vergoldeten Zifferblätter der Turmuhr wieder zu sehen sein.

Nach Abschluss der aktuellen Arbeiten geht es aber noch weiter: Die Plattform, auf der die Kirchengebäude stehen, soll für 1,4 Millionen Euro erneuert werden. Auch der Turm der 1961 von Egon Eiermann gebauten Neuen-Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche wird wieder in Form gebracht.

Kaiser Wilhelm II. hatte die Gedächtniskirche als Gedenkstätte für seinen Großvater errichten lassen. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche durch Bomben stark beschädigt. Die Turmruine blieb nach 1945 als Mahnmal gegen den Krieg erhalten. Sie wurde zehn Jahre später durch ein Kirchenschiff, eine Kapelle und einen Glockenturm ergänzt.