„Endless Summer“ steht auf dem kleinen Schild, das Frank Sorge im Innenraum seines Bootes angebracht hat. Es ist der Titel eines amerikanischen Surf-Films von 1966. Unter Surfern hat die Doku Kultstatus und ist zu einem Synonym für die Lust am Wellenreiten geworden.
Der Sommer im brandenburgischen Pritzerbe hingegen ist alles andere als endlos. Rund 70 Kilometer westlich von Berlin hat sich die Sonne hinter einen dicken Wolkenschicht versteckt. Das Schilfrohr am Havelufer trägt dicke Wassertropfen von der letzten Regennacht und der dunkle Holzsteg ist noch nass.
Es sind 12 Grad, der Pritzerber See an der Havel ist so leer wie das ihn beheimatende Dörfchen. Sämtliche Boote sind bereits winterdicht gemacht. Der Sommer hat sich hier an diesem Tag im September endgültig und unwiderruflich verabschiedet.
Wellenreiten auf flachen Gewässern
„Beste Verhältnisse!“, freut sich Frank Sorge. Der 38-jährige Brandenburger startet zum zweiten Mal mit einer Truppe von fünf Leuten zu einem Surfausflug auf dem See. Mit einem Boot, das er in der Kiebitzbergwerft in Havelberg hat bauen lassen, ermöglicht der ehemalige Berlin-Brandenburg-Meister im Wakeboarden das Wellenreiten auf flachen Gewässern.
Musste man als Surfer bisher lange Wege nach Frankreich oder Portugal auf sich nehmen, um ohne Segel oder Leine auf einem Board zu surfen, so bietet Frank Sorge mit seinem Spezialboot „2wave“ in Premnitz ein Surf-Mekka für Berliner und Brandenburger.
Für die Brandenburger Welle braucht es keinen Wind, kein Riff und kein „swell“ wie es im Surf-Slang heißt, also die für Wellenreiter so wichtige Meeresdünung. Per Knopfdruck kann Frank Sorge beim Fahren durch verstellbare Staudruckklappen am Rumpf hinter seinem Boot kleine Wellen erzeugen. „Ich kann keine Tubes zaubern, aber man braucht zum Surfen keine turmhohen Wellen“, erklärt Frank Sorge. Zusätzlich besitzt das 6,50 Meter lange Boot ein Ballast-System, das zweimal 500 Liter Wasser fasst. Damit gleicht das Motorboot das Gewicht der Passagiere aus und sorgt für die richtige Neigung im Wasser.
Direkt auf dem Boot in den Neoprenanzug
Seit Mai dieses Jahres ist Sorge nach unzähligen Tests offiziell unterwegs und bietet Surf-Sessions für bis zu zehn Personen an. Tickets sind ab 30 Euro pro Person zu haben.
Dieses Mal mit an Bord sind die beiden Berliner Studenten Richard und Steffen. Während Richard zuvor noch nie auf einem Surfbrett stand, hat Steffen schon in Australien und auf der indonesischen Insel Bali Wellen geritten. „Ich hab mich kurzfristig überreden lassen und würde mich freuen, wenn ich es heute schaffe, wenigstens mal kurz aufzustehen“, sagt Richard.
Der 25-Jährige darf als Erster ran. Umgezogen wird sich auf dem Boot – ein kräftiges Heizgebläse sorgt dafür, dass es vor dem Sprung ins Wasser noch warm bleibt. Neoprenanzug, Weste und das Surfboard gibt es direkt auf dem Boot.
Doch ganz ohne Hilfsmittel kommt man nicht in die Welle. Statt wie beim Surfen im Meer mit viel Geduld auf eine Welle zu warten und dann zum richtigen Zeitpunkt hinein zu paddeln, startet man auf dem Pritzerber See mit Knien auf dem Brett und Schleppleine in der Hand. Das Surfboard ist um einiges größer und dicker als ein gewöhnliches Surfboard, sodass man problemlos darauf knien kann.
Um an die richtige Stelle hinter dem Boot zu gelangen, wird man zu Beginn noch mit einem Seil hinter dem Boot hergezogen. Bei einer Geschwindigkeit von lediglich 15 Kilometern pro Stunde ist das eine eine komfortable und sichere Angelegenheit. Und ehe man sich versieht , baut sich neben dem Board einen kleine aber konstant laufende Welle auf, in die man – sofern man die Geschwindigkeit mit Vor- und Zurücklehnen entsprechend kontrolliert – regelrecht hineingleitet und die Leine nicht mehr benötigt. Lehnt man sich zu weit zurück, läuft die Welle unter dem Brett davon, verlagert man das Gewicht zu weit nach vorn, taucht man ab.
„Ein erhabenes Gefühl“
Bereits nach 15 Minuten steht Surf-Anfänger Richard das erste Mal auf seinem Board. Dass das Havelwasser im Pritzerber See höchstens 13, 14 Grad hat, ist bei so viel Adrenalin schnell vergessen. „Ein erhabenes Gefühl“, sagt Richard, als er vom Brett wieder ins Boot steigt.
Frank Sorge weiß, dass das schnelle Erfolgserlebnis den fehlenden Strand wett macht. „In kürzester Zeit steht man selbst als Anfänger auf dem Board. Und in 15 Minuten hier auf dem See hat man mehr Surf-Zeit als an drei Tagen in Portugal bei besten Bedingungen“. Die Surfer-Seele ist da im ersten Moment zwiegespalten. Für gewöhnlich ist der erste Wellenreit-Versuch im Meer vor allem eine schmerzvolle Lehrstunde. Dem ersten unbeholfenem Paddeln folgt das Unter-, Weg- und Überspültwerden. Und selbst wenn man mal am richtigen Punkt angekommen ist, verpasst, verpaddelt oder verhunzt man zu Beginn jede noch so kleine Welle.
Vergessen sind auf dem Pritzerber See Sorgen wie spitze Steine am Meeresgrund, Salzwasser in der Nase oder die Angst vor unheimlichen plötzlich auftauchenden Flossen. Doch bevor es jemand anderes ausspricht, sagt Frank Sorge es: „Es ist natürlich kein Ersatz für das Surfen am Meer. Aber zum Üben oder als Anfänger ist es eine tolle Alternative.“ Steffen stimmt zu, denn der erfahrene Surfer hatte mit einer Welle in diesem Jahr nicht mehr gerechnet. „Es macht super Laune, da ist auch das miese Wetter egal“, sagt Steffen. Und als ob sich Premnitz dafür entschuldigen wolle, das es am Havelufer keine Beachbar, sondern nur ein wenig einladendes koreanisches Restaurant bieten kann, lässt sich die Sonne zum Untergang doch noch einmal blicken.



