Die Wirtschaft brummt, die Kulturlandschaft blüht, die Zahl der Einwohner wächst, die der Arbeitslosen sinkt. 23 Jahre nach dem Fall der Mauer geht es Potsdam so gut wie nie zuvor. Den Beweis liefern die Statistiker. Die stellten am Dienstag ihren Jahresbericht 2012 vor. Der mit einem Superlativ aufwartet: 10.247 Menschen und damit 132 mehr als im Vorjahr haben Potsdam im vergangenen Jahr zu ihrer Wahlheimat auserkoren – so viele Zugezogene wie nie zuvor in der Nachkriegsgeschichte der Stadt.
Potsdam punktet mit sanierter historischer Bausubstanz, Wasser- und Naturreichtum, namhaften Arbeitgebern. Und macht damit offensichtlich über die Grenzen hinaus von sich reden: „Dafür spricht die mit 1774 Menschen größte Zahl an Zuzüglern aus dem Ausland seit 1996“, sagte Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD).
Besonders begehrt seien Wohnungen in der südlichen Innenstadt – speziell im jüngst entstandenen City-Quartier am Hauptbahnhof. 462 Menschen wurden im Vorjahr allein hier bei der Suche nach einem Domizil fündig.
Potsdamer bleiben der Stadt treu
Auch die Brandenburger Vorstadt, Bornstedt und Babelsberg Süd sind gefragte Quartiere. 8707 Potsdamer kehrten der Stadt im Vorjahr allerdings den Rücken. Nicht selten stoppten die Umzugswagen nur wenige Kilometer weiter – an neuer Adresse im Umland der Landeshauptstadt oder in Berlin. Aber auch in Potsdam konnten Möbelpacker reichlich Kisten schleppen: 10.247 Einheimische suchten sich innerhalb der Stadt eine neue Bleibe und hielten dabei vielfach ihrem Heimatbezirk die Treue.
„Die Potsdamer identifizieren sich mit ihrer Wohngegend“, sagt der Oberbürgermeister. So blieben fast die Hälfte der Umziehenden in ihrem Bezirk, rund ein Drittel sogar im selben Stadtteil. Oft für Jahrzehnte. Die durchschnittliche Wohndauer liegt in Potsdam bei 20,4 Jahren.
159.067 Einwohner registrierte die Stadt zum Jahresende, 1706 mehr als ein Jahr zuvor. 7275 der Einwohner waren Ausländer, die meisten aus Russland und der Ukraine. „Mit 4,6 Prozent ist die Quote im Vergleich zu westdeutschen Städten gering, aber für das Land Brandenburg recht hoch“, konstatierte Heike Gumz, Leiterin des Bereichs Statistik und Wahlen der Landeshauptstadt. „Das stetige Bevölkerungswachstum ist ein Trend, seit 13 Jahren ungebrochen“, sagte Gumz. Dafür sorgen nicht nur Zuzügler. „Wir haben seit elf Jahren mehr Geburten als Sterbefälle.“ Eine Entwicklung, die sich 2013 fortsetzt. Bis zur Jahresmitte wuchs die Bewohnerzahl schon um weitere 675 Menschen.
Babys heißen Hannah und Paul
„Die 160.000er Grenze haben wir diesen August gerissen“, sagte Jakobs stolz. Ein Grund ist die höchste Geburtenrate seit der Wiedervereinigung: 1729 Kinder erblickten im Vorjahr das Licht der Welt – 73 mehr als 2011. Auf 1000 Einwohner kommen im Schnitt 10,9 Geburten. Und am liebsten haben Eltern ihre Kinder Hannah und Paul genannt. Auffällig: Potsdam bleibt eine junge Stadt. „Im Vergleich zu anderen Landeshauptstädten sind wir an zweiter Stelle“, ergänzte Gumz. Nur schwach setze sich der „Alterungsprozess“ fort. So stieg das Durchschnittsalter der Bevölkerung um lediglich 0,2 auf 42,4 Jahre. Im Schnitt wird man in Potsdam als Frau übrigens 83,4 Jahre als Mann 78,7 Jahre.
Und noch ein bundesweiter Trend spiegelt sich wieder: Die Zahl der Singles nimmt zu. Von 90.377 Haushalten ist fast jeder zweite ein Ein-Personen-Haushalt. „Singles benötigen mehr Raum“, so der Rathauschef. Das trage zur Verschärfung der Wohnungssituation bei. Ende 2012 gab es 85.481 Wohnungen in der Stadt. „140 Gebäude und 700 Wohnungen mehr als 2011“, rechnete Jakobs vor. „Jährlich benötigt Potsdam mindestens 1000 neue Wohnungen in jeder Größe.“
Jeder dritte Haushalt mit Kind wird mittlerweile von einem allein erziehenden Elternteil geführt. „Möglichst mit neuen Kitaplätzen und Zeitmodellen, die auf die Bedürfnisse Alleinerziehender wie von Familien, in denen beide Elternteile berufstätig sind, abgestimmt sind“, wolle man hier unterstützen. In 127 Kindertageseinrichtungen seien 13.974 Plätze zur Verfügung gestellt worden – 1161 mehr als im Vorjahr. „In diesem Jahr kommen weitere 900 Plätze hinzu“, unterstrich Jakobs. Nicht die einzige Maßnahme: Die Stadt greift auch Betriebskindergärten unter die Arme. Investitionen, die sich auf den Schuldenstand pro Kopf auswirken. „2012 lagen wir bei 1000 Euro pro Bürger“, sagte Jakobs, „aufgrund von Investitionen in die Infrastruktur, die nicht gefördert werden.“
Jura ist beliebtestes Fach
25.000 Studenten waren im Wintersemester 2012/2013 an den Potsdamer Hoch- und Fachschulen eingeschrieben. Beliebtestes Fach an der Uni Potsdam: Rechtswissenschaft. 2277 angehende Juristen verzeichnet die Statistik, 291 mehr als im Jahr zuvor. Ebenfalls hoch im Kurs stehen Betriebswirtschaft und Germanistik. Die Chancen der Absolventen, später einen Job in Potsdam zu bekommen, stehen gut. Zur Jahresmitte 2012 waren 77.916 Potsdamer sozialversicherungspflichtig beschäftigt, 1408 mehr als ein Jahr zuvor. Die Arbeitslosenquote ist weiter gesunken. „Im August dieses Jahres lag sie mit 6460 Arbeitslosen bei nur noch 7,4 Prozent“, sagte der Oberbürgermeister.
Ein Grund: Immer mehr Betriebe siedeln sich an. Bei der Industrie- und Handelskammer waren 11.620 Betriebe eingetragen, 181 mehr als im Vorjahr. Ein traditionell starker Wirtschaftszweig: der Tourismus. „Die Eine-Million-Hürde bei den Übernachtungen haben wir 2012 erstmals übersprungen“, sagte Jakobs. Dass der Zuwachs mit einem Plus von 123.590 auf 1.033.961 Übernachtungen deutlich ausfiel, habe man dem großen Preußenkönig zu verdanken. Die „Friederisiko“-Ausstellung zum „Friedrich300“-Jahr habe sich als Zugpferd erwiesen. Nur in einem Punkt muss die Stadt ein unangenehmes Plus verzeichnen: beim Wetter. In den Monaten Juni und Juli hatte es extrem viel geregnet.





