Er hat sich wieder gefangen. „Es gibt immer mehr Momente, in denen ich mich auf mein neues Amt freue“, sagt Dietmar Woidke. So hört sich keiner an, der unbedingt nach oben wollte. Der Aufstieg des Bauernsohns aus der Lausitz ist ein Beispiel dafür, dass politische Karrieren nur selten planbar sind – und es sogar in der Politik ohne Intrigen und Machtkämpfe an die Spitze gehen kann.

Rückblick: Als Matthias Platzeck vor vier Wochen der Öffentlichkeit mitteilt, dass er aus gesundheitlichen Gründen seine Ämter als Ministerpräsident und SPD-Landeschef niederlegen werde, sitzt Dietmar Woidke stocksteif und mit eingefrorenen Gesichtszügen neben ihm. Platzeck wirkt gegen ihn fast heiter-gelöst. Journalisten fragen ihn nach der Neubesetzung im Aufsichtsrat des Hauptstadtflughafens, da herrscht der sonst so ausgeglichen wirkende 196 Zentimeter große Mann sie für einen Moment an.

Inzwischen hat Dietmar Woidke schon ein wenig geübt. Ab und zu macht er sogar wieder einen seiner Witze. Die Staatskanzlei beguckt er zwar immer noch wie „ein Aquarium mit Goldfischen“, wie er jüngst sagte. Auf den langen Fahrten durch das Land liest sich der Noch-Innenminister auf dem Rücksitz der Dienstlimousine, ein dunkler Audi A8, in die Analysen ein, die ihm sein künftiges Team zusammengestellt hat. Denn als Ministerpräsident braucht er den Überblick über alle Bereiche. Bei seinen Auftritten im Land macht der 51-Jährige keinen Hehl daraus, dass es ihm lieber gewesen wäre, „wenn wir Matthias Platzeck behalten hätten können“. Wer Dietmar Woidke in diesen Tagen beobachtet, nimmt ihm das ab.

Woidkes Frau will keine First Lady werden

Platzeck tut alles, um seinem Nachfolger in die neue Rolle hineinzuhelfen. Bei vielen Terminen treten sie gemeinsam auf. Es hat inzwischen auch ein privates Treffen mit den beiden Ehefrauen gegeben. Zu viert waren sie in einem Potsdamer Restaurant. Wie Platzecks zehn Jahre jüngere Frau Jeanette will auch Woidkes Frau Susanne keine First Lady werden. Auch sie ist berufstätig, arbeitet bei der Kreisverwaltung in Forst in Spree-Neiße. Begleiten will sie ihren Mann in seinem neuen Amt nur bei besonderen Anlässen. Wenn Dietmar Woidke am heutigen Mittwoch zum Ministerpräsidenten gewählt wird, wird sie dabei sein. Mit ihrer 13-jährigen Tochter, die bei ihnen zu Hause in Forst wohnt. Auch Woidkes Tochter Anne aus erster Ehe will kommen. Sie studiert in Essen.

Platzecks Frau Jeanette war bereits auf dem Sonderparteitag der SPD zwei Tage vorher dabei. Am Montagabend hat der 59-Jährige sich nach 13 Jahren als Landesvorsitzender von seiner SPD verabschiedet. Matthias Platzeck will zwar als Landtagsabgeordneter für die Uckermark weitermachen, doch „ein bisschen mehr wird meine Frau künftig schon von mir haben“, sagt er und umarmt sie innig. Für Dietmar Woidke ist an diesem Abend der Zeitpunkt gekommen, an dem er erstmals seine politischen Vorstellungen skizziert. Die Antrittsrede fällt noch ein wenig ungelenk aus. Dennoch wählen ihn die 120 Delegierten auf dem Sonderparteitag mit einer überwältigenden Mehrheit von knapp 96 Prozent zum neuen Landeschef.

Die rot-rote Mehrheit steht

„Mit neuer Kraft für Brandenburg“, steht groß auf der roten Leinwand hinter dem neuen Landesvorsitzenden der Brandenburger SPD. Rasch wird aber deutlich, dass es unter Dietmar Woidke erst einmal ein „Weiter so“ geben wird. In seiner Rede als künftiger SPD-Landesvorsitzender hebt er hervor, er wolle „ein Land mit Lebensperspektiven für alle, ein Land mit Zusammenhalt in der Vielfalt und ein Land, das stark ist, weil es gerecht zugeht“. Soziale Gerechtigkeit, gute, sichere und anständig bezahlte Arbeit, Aufstiegschancen und gute Bildung für alle, darauf komme es an. Es sei nötig, mit klarer Kante Neonazis und Rassisten entgegenzutreten. All das könnte auch Platzeck gesagt haben. Noch etwas mehr als dieser betont Woidke, Ordnung und Sicherheit seien bei der SPD in guten Händen. Als Innenminister hat er erkannt, wie wichtig den Menschen ihr Sicherheitsgefühl ist.

Dietmar Woidke lässt keinen Zweifel daran, dass er diese Ziele vorerst zusammen mit den Linken weiter verfolgen wolle. Ihr wird er am heutigen Mittwoch auch seine Wahl zum Ministerpräsidenten verdanken können. Die rot-rote Mehrheit ist ihm gewiss.

Die CDU, die unter ihm auf eine Rückkehr an die Macht hofft, weist Woidke hingegen erst einmal in die Schranken. „Bei der Brandenburger CDU ist immer wieder die Rede von Mut und Veränderung“, sagt er. „Aber wenn es darauf ankommt, dann duckt sie sich weg. Parteimotto: Große Klappe, nix dahinter.“ Die Brandenburger CDU habe noch einen weiten Weg zurückzulegen. Damit meint Woidke weniger die politischen Inhalte. Zehn Jahre haben SPD und CDU im Land miteinander regiert. Erfolgreich, wie Brandenburgs erster Ministerpräsident Manfred Stolpe und sein Nachfolger Matthias Platzeck immer wieder betont haben.

Missglückter Start

Trotzdem hatte sich Platzeck im Herbst 2009 für die Linke entschieden, sie drohte der SPD gefährlich zu werden. Bei den Landtagswahlen landete sie auf dem zweiten Platz nicht weit von der SPD entfernt, die bislang mitregierende Union kam nicht einmal mehr auf 20 Prozent. Mit diesem Bruch begann eine Zeit der gegenseitigen Verletzungen und menschlichen Enttäuschungen. Unter der damaligen CDU-Landes- und -Fraktionschefin Saskia Ludwig bestimmten scharfe persönliche Angriffe das Klima. Dazu kam der missglückte Start von Rot-Rot, den die Opposition von CDU, FPD und Bündnisgrünen kritisch begleitete.

Kaum hatte Platzeck das erste rot-rote Bündnis geschmiedet, reihte sich eine Stasi-Enthüllung an die andere. Die Linke und damit auch die SPD holte die nie aufgearbeitete Vergangenheit ein. Dietmar Woidke trug Platzecks umstrittene Entscheidung für die Linke zwar mit, begeistert war er aber nicht. Der Unterbezirk Spree-Neiße, dessen Vorsitzender er war, fasste als erster an der SPD-Basis den Beschluss: „Im Falle von Rot-Rot dürfen keine ehemaligen Mitarbeiter der Staatssicherheit in führende Positionen der Landesregierung gelangen.“ Bei den Koalitionsverhandlungen saßen damals zwei ehemalige Stasi-Spitzel mit am Tisch: die Linke-Fraktionschefin Kerstin Kaiser und der Landesvorsitzende Thomas Nord.

Beide haben ihre führenden Ämter inzwischen abgegeben. Die Linke hat sich in der Regierung als relativ pflegeleichter Partner erwiesen, selbst beim Chaos um den Bau des künftigen Hauptstadtflughafen hielt sie zu Platzeck. Anfang Januar dieses Jahres half sie ihm, die von ihm gestellte Vertrauensfrage zu überstehen.

Burgfrieden mit der CDU

Allerdings verliert die Linke auch in Brandenburg weiter an Zustimmung – und die CDU holt in der Wählergunst auf. Nach einer von der Union in Auftrag gegebenen repräsentativen Umfrage käme die SPD auf 35 Prozent und bliebe auch ohne Platzeck die stärkste Kraft, die CDU belegt mit 27 Prozent Platz zwei. Die mitregierenden Linken sind mit 20 Prozent da gelandet, wo sich einst die Union befand. Die Christdemokraten hält Woidke allerdings immer noch für unberechenbar.

Der neue CDU-Landeschef Michael Schierack, ein Cottbuser Arzt, gilt als „netter Kerl“, der sich um eine Verbesserung des Klimas in der Partei und zur SPD bemühe. Doch ob der Burgfrieden hält? Die Union hat seit 1990 elf Landesvorsitzende verschlissen. Michael Schierack ist erst seit ein paar Monaten im Amt. Der in der SPD nicht gerade beliebte Fraktionschef Dieter Dombrowski und Woidke verstehen sich sogar sehr gut. Man kennt sich lange aus dem politischen Geschäft. Dietmar Woidke ist schon fast 20 Jahre in der Politik. Doch bis Platzeck ihn als Nachfolger ins Gespräch brachte, kannte ihn nicht einmal die Hälfte der Brandenburger.

„Vom Bauernhof in die Staatskanzlei“, lautet eine der vielen Schlagzeilen in den vergangenen Tagen über den künftigen Ministerpräsidenten. „Das stimmt“, sagt Dietmar Woidke. „Ich stamme von einem Bauernhof. Meine Familie ist seit Jahrhunderten am selben Ort ansässig.“ Woidke ist in Naundorf in der Lausitz groß geworden, einem 123-Einwohner-Ort, der mittlerweile zur Kreisstadt Forst gehört. Er kann melken und hat die Fahrerlaubnis zum Treckerfahren, mit so was kann man im ländlichen Brandenburg durchaus punkten. Doch stellt er auch klar: „Mein Horizont fängt zwar mit Naundorf bei Forst an. Mein Horizont reicht weit über die Grenzen der Lausitz hinaus.“

Mehr als zehn Jahre in Prenzlauer Berg

Mehr als zehn Jahre hat Dietmar Woidke in Berlin gelebt. In Prenzlauer Berg. War in der Evangelischen Studentengemeinde engagiert. In den 80er-Jahren studierte er an der Humboldt-Universität Landwirtschaft und Tierproduktion, blieb dann am dortigen Institut wissenschaftlicher Mitarbeiter. Nach der politischen Wende war er drei Jahre für einen bayerischen Mineralfutterhersteller in ganz Europa unterwegs. Nach seiner Promotion wurde er Amtsleiter Landwirtschaft in der Kreisverwaltung. 1993 trat Woidke in die SPD ein, als „Bewunderer von Helmut Schmidt“. Ein Jahr später wurde er zum ersten Mal direkt in den Landtag gewählt. Als agrarpolitischer Sprecher der Fraktion bewies Woidke Sachverstand, hielt sich im politischen Alltag aber zurück.

Zehn Jahre später kam er dann in sein erstes Ministeramt. Matthias Platzeck ernannte ihn am 14. Oktober 2004 zum Minister für ländliche Entwicklung, Umwelt und Verbraucherschutz. Bei der Vereidigung war Dietmar Woidke seine Freude darüber anzusehen. Doch die erhoffte Anerkennung im damals rot-schwarzen Kabinett blieb zuweilen aus. Woidke galt als versierter Fachminister, blieb aber eher blass. Das lag vermutlich auch daran, dass er nie zu Platzecks engstem Kreis gehörte. Die Rotwein-Runden fanden ohne ihn statt. Dietmar Woidke machte nie den Eindruck, dass ihn das wurmte. Allerdings litt er zunehmend unter dem Verhältnis zu Platzecks engem Vertrauten und Berater Rainer Speer.

Der Strippenzieher und Ausputzer verhehlte nicht, dass er für Woidke keine größere politische Zukunft sah. Speer, damals Finanzminister, später Innenminister, beklagte vor allem, dass Woidke die Forstreform nicht hinbekam – die Zahl der 3000 Forstmitarbeiter sollte halbiert werden. 2009 war Woidke trotzdem tief getroffen, als Platzeck ihn nicht mehr in sein neues Kabinett berief. Auf seinen Wunsch hin übernahm er die SPD-Landtagsfraktion. Was keiner erwartet hätte: Woidke fand Gefallen an dem Posten. Er hatte keine Probleme, sich durchzusetzen. Es war die Zeit der Stasi-Enthüllungen bei der Linken – und die erste Bewährungsprobe für Rot-Rot.

Erste Regierungsklärung am Donnerstag

Ironie des Schicksals: Ausgerechnet Woidke folgte Rainer Speer im Oktober 2010 im Amt des Innenministers, nachdem dieser wegen einer privaten Unterhaltsaffäre zurücktreten musste. Und nun wird Dietmar Woidke sogar Ministerpräsident. Ein Amt, für das lange Zeit im Falle von Platzecks Rückzug nach der herrschenden Lehre in der SPD höchstens Rainer Speer infrage kam.

Am Donnerstag wird Dietmar Woidke seine erste Regierungsklärung im Landtag halten und die Schwerpunkte seiner Politik aufzeigen. Er wird den Flughafen BER als vordringlichstes Projekt nennen, das es gilt, fertigzustellen. Er wird das Ziel formulieren, Brandenburg müsse ein Land für alle sein. Die Kluft zwischen dem reichen Speckgürtel und den bevölkerungsarmen, berlinfernen Regionen darf sich, wie er meint, nicht vertiefen. Er wird die Bekämpfung des Rechtsextremismus und der Grenzkriminalität ebenso wie der Einbruchskriminalität im Berliner Umland hervorheben. Er wird sagen, dass sich Brandenburg in der Bildungspolitik weiter anstrengen müsse.

Einen erneuten Anlauf zur Länderfusion Berlin-Brandenburg wird er aber nicht ankündigen. Woidke saß 1996 zwar am Bürgertelefon, das zur Volksabstimmung über eine Länderehe geschaltet war. Als glühender Verfechter der Fusion. Doch fast zwei Jahrzehnte nach ihrem Scheitern sieht Woidke es momentan noch wie sein Vorgänger Platzeck: Die Brandenburger seien in absehbarer Zeit für das Projekt nicht zu gewinnen.