Standing Ovation für den scheidenden Landesvorsitzenden – und ein Kanu als Abschiedsgeschenk. „Wollt ihr mich ausbooten?“, witzelt Platzeck. Wehmut soll gar nicht aufkommen.

„Ich verabschiede mich nicht“, sagt Matthias Platzeck. „Ich bleibe euch erhalten, im kommenden Jahr werde ich ja erneut in der Uckermark für den Landtag kandidieren.“

Der 59-jährige wirkt gelassen, fast heiter, als er aus gesundheitlichen Gründen am Montagabend den Landesvorsitz nach 13 Jahren niederlegt – und an seinen Wunsch-Nachfolger Dietmar Woidke übergibt. „Dietmar, nun bist du an der Reihe, sagt Platzeck, „und ich habe nicht den geringsten Zweifel: Bei dir sind wir in den besten Händen. Bei dir ist Brandenburg in den besten Händen.“

Die SPD Brandenburg bleibt sich treu und zeigt sich wieder einmal geschlossen: Dietmar Woidke erhält bei seiner Wahl zum neuen Landeschef knapp 96 Prozent der Stimmen. 115 Delegierte stimmten für ihn, fünf gegen ihn. Damit hat der Lausitzer überzeugend die erste wichtige Hürde genommen. Am Mittwoch stellt sich der 51-Jährige bisherige Innenminister im Landtag der Wahl zum Ministerpräsidenten.

Antrittsrede eher nüchtern

Seine rund 50-minütige Antrittsrede als SPD-Landeschef fällt eher nüchtern aus. Kein Pathos, wie auch bei seinem Vorredner Platzeck. Dietmar Woidke kündigt an, Platzecks Kurs fortsetzen zu wollen. Er werde das Land weiter Rot-Rot regieren, zumindest bis zu den Landtagswahlen 2014.

„Es gab viele, die zunächst skeptisch waren, ob so ein Regierungsbündnis wohl vernünftig funktionieren könnte“, sagt Woidke. „Dabei nehme ich mich selbst auch gar nicht aus. Aber: Diese Skeptiker haben nicht recht behalten.“

Die Brandenburger CDU hingegen habe sich „in den letzten Jahren eine wirklich abenteuerliche Geisterfahrt geleistet“, sagt Woidke. Im Moment spreche wenig dafür, dass das Duo Dombrowski und Schierack „zu neuer Seriosität, Verlässlichkeit und Regierungsfähigkeit verhelfen kann“.

Die SPD werde im kommenden Jahr aber wie immer ohne Koalitionsaussage in die Landtagswahl gehen, so Woidke.

Kein Wort zum BER

Als eine seiner wichtigsten Aufgaben nennt Woidke, ein Land mit Lebensperspektiven für alle zu schaffen. Die größte Baustelle, den Hauptstadtflughafen BER, erwähnt er nicht. Still wird es im Saal, als Woidke erzählt, was ihn geprägt habe.

Er war Soldat im Nachrichtenbataillon 31 der 1. Luftverteidigungsdivision der DDR. Im Herbst 1981 wurde um 2 Uhr Gefechtsalarm ausgerufen. Die Nato sei in Polen an der Ostseeküste angelandet, behaupteten Offiziere. „Von Cottbus aus fuhren wir mit Lastwagen Richtung Polen – alle ausgerüstet mit unseren Kalaschnikows, jeweils 60 Schuss scharfer Munition am Mann.“

Heute sei bekannt: DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker habe seit Langem auf den Einmarsch, die militärische Niederschlagung der polnischen Oppositionsbewegung, gedrungen. In dieser Nacht sei ihm klar geworden: „Jetzt gerade, in diesem Moment, 35 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, waren deutsche Soldaten wieder drauf und dran, in Polen einzumarschieren. Soldaten der Nationalen Volksarmee der DDR. Und einer von ihnen war ich. Ein deutscher Staat der DDR, der bereit war, noch einmal Polen anzugreifen, der bereit war, seine jungen Bürger in eine solch eine Lage zu bringen, so einen Staat und so ein System wollte ich nicht mehr.“

Unter den 120 Delegierten im Saal des Seminaris-Hotels an der Pirschheide sind auch der frühere Ministerpräsident Manfred Stolpe und Frank-Walter Steinmeier, der Brandenburger Spitzenkandidat bei den Bundestagswahlen am 22. September.

Die Stimmung ist nicht mehr gedrückt – wie vor vier Wochen, als Matthias Platzeck im Landtag vor der Fraktion und dem Landesvorstand nach seinem sechswöchigen Urlaub seinen Rückzug bekannt gab. Nach seinem leichten Schlaganfall hatten die Ärzte ihn davor gewarnt, seine aufreibenden Ämter beizubehalten.

Harte Probe für die Partei

Noch vor wenigen Wochen war es unvorstellbar für die Brandenburger SPD, dass sie künftig ohne Matthias Platzeck in die Wahlkämpfe ziehen muss. Nach Steffen Reiche war er ihr zweiter Landesvorsitzender, nach Manfred Stolpe der zweite Ministerpräsident.

Seit 1990 regiert die Partei, zuerst in einer rot-gelb-grünen Koalition, 1994 bis 1999 allein. Erst unter Jörg Schönbohm gelang der Union der Sprung in die Regierung. Zehn Jahre sollte die rot-schwarze Koalition halten – über Manfred Stolpes Rückzug als Regierungschef 2002 hinaus.

Nach der Landtagswahl 2009 entschied sich Platzeck für die Linke. Damit stellte er die Loyalität der Partei auf eine harte Probe. Vor allem Woidke als Unterbezirkschef von Spree-Neiße warnte damals vor stasi-belastetem Personal in führenden Regierungspositionen.

Nicht nur von den Delegierten, auch von den Brandenburger erhält der Platzeck-Nachfolger offenbar einen kräftigen Vertrauenszuschuss. Nach einer von der CDU am Montag veröffentlichen repräsentativen Umfrage könnte die SPD auch ohne Platzeck die Landtagswahl im Herbst 2014 gewinnen. Sie läge derzeit mit 35 Prozent vorn. Die CDU käme auf 27 Prozent, die Linke auf 20 Prozent. Die Grünen wären mit zehn Prozent im Landtag vertreten. Die FDP würde mit drei Prozent den Einzug verfehlen.

Der Umfrage zufolge wünschen sich allerdings 42 Prozent der Brandenburger, wieder von Rot-Schwarz regiert zu werden. Nur 25 Prozent der Befragten sind für eine Neuauflage von Rot-Rot.

Zunächst will die SPD aber die Bundestagswahlen gewinnen. Derzeit liegt die Union auch in Brandenburg vorn. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen zeichnet sich ab. „Es ist noch nicht gelaufen“, macht Woidke seiner Partei Mut.