Dorf mit Zukunft

Pretschen gewinnt mit starkem Zusammenhalt und Engagement

Der mehr als tausend Jahre alte Spreewaldort Pretschen ist zum „Dorf mit Zukunft“ gekürt worden. Gepunktet hat der Ort laut Jury mit großem Zusammenhalt und dem Engagement der Bewohner für ihr Dorf.

Foto: Patrick Pleul / ZB

Günter Thiele kann sich noch gut daran erinnern, als er 1986 in die Brandenburger Provinz nach Pretschen (Landkreis Dahme-Spreewald) zog. „Hier kommt man nicht einfach dazu, im Dorf wird man eingetanzt und das ist dann eine Art der Wertschätzung“, meint der Wahl-Pretschener bedeutungsvoll. Dieses denkwürdige Zeremoniell zur Aufnahme in die Dorfgemeinschaft erwartet die Zugezogenen beim alljährlichen „Eierkuchenball“. „Jeder tanzt einmal mit dem Neuling, quasi um ihn zu beschnuppern. Anschließend muss derjenige eine Saal-Lage geben und ist angenommen von den Pretschenern“, erklärt Sarah Hentschel.

Ein „Hiesiger“ sei der Zugezogene allerdings nicht, so dürften sich nur gebürtige Pretschener nennen, fügt die 25-jährige Logopädin hinzu und der Stolz darüber ist ihr anzumerken. Nach ihrer Ausbildung in Dresden ist die junge Frau zurückgekehrt in ihren Heimatort, der durch gepflegte Blumenrabatten, akkurat gestutzte Hecken, kleine Parkanlagen und ein erneuertes Feuerwehrhaus besticht.

Im Ort ist häufig etwas los

„Wenn man zurückkommt, ist man einfach zu Hause. Pretschen wird umarmt von Wäldern und Fließen der Spree – einfach herrlich“, schwärmt die Hochschwangere. Zur Arbeit muss sie zwar knapp 20 Kilometer bis nach Lübben fahren, aber das sei gewohnt, wer auf dem Lande lebt.

Zumal im Ort häufig etwas los ist: Zampern, Fastnacht, Kinder- sowie Schoberfest oder Weihnachtsfeuer am Heiligen Abend. Die Pretschener sind gesellig und aufgeschlossen. Doch es scheint noch mehr zu geben, was diesen 280-Seelen-Ort so besonders macht. Immerhin wurde Pretschen im Bundeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ in diesem Jahr Zweiter, 2589 Dörfer deutschlandweit hatten sich dafür beworben. Neun Orte wurden mit Gold ausgezeichnet, acht mir Silber. In Brandenburg ist Pretschen mit Silber der Ort, der am meisten überzeugte.

Zusammenhalt überzeugte

Gepunktet hat der Ort laut Jury mit dem „überwältigendem Engagement eines jeden Einzelnen für sein Dorf“. „Der Zusammenhalt ist schon sehr groß. Nur so kamen wir in dem alle drei Jahre ausgeschriebenen Wettbewerb von der Dorf- zur Bundesliga“, sagt Josephus Heemskerk.

Der gebürtige Holländer ist Ortsvorsteher von Pretschen. Wenn Heemskerk zwei-, dreimal im Jahr zu Arbeitseinsätzen aufruft, etwa für den Frühjahrsputz inklusive dem Stecken von 5000 Krokussen, kann er auf die Pretschener zählen. „Und wer zu dem Termin nicht kann, entschuldigt sich und fragt, welche Arbeiten er nachholen kann“, erzählt der 65-Jährige, der auch stolz ist auf den Pretschener Kindergarten in eigener Trägerschaft, die freiwillige Feuerwehr und diverse Vereine.

40 Arbeitsplätze in der Milchviehwirtschaft

Vor neun Jahren ist Heermskerk nach Pretschen gekommen, hat sich in das alte Guts-Gärtnerhaus verliebt und blieb. „Ich will hier nicht wieder weg“, ist sich der Holländer mit seiner Stellvertreterin Sarah Hentschel einig. Damals feierte Pretschen gerade sein 1000-jähriges Bestehen.

„In unserem Ort haben wir 110 Arbeitsplätze, deutlich mehr, als Arbeitskräfte aus dem eigenen Dorf“, erzählt Ilka Paulik, Vorsitzende des Kultur- und Heimatvereins, die für die Wettbewerbsvorbereitungen zuständig war und dabei gelernt hat, „dass die Leute nicht viel reden, sondern einfach mit anpacken“. Maßgeblich verantwortlich für die hohe Zahl an Arbeitsplätzen ist das Landgut Pretschen. Sascha Phillip, gebürtig aus dem Ruhrgebiet, hat das ehemalige volkseigene Gut 1999 gekauft und daraus einen Vorzeige-Demeter-Betrieb gemacht. In der rund 750 Tiere starken Milchviehwirtschaft und in Brandenburgs größtem Bio-Gewächshaus beschäftigt er 40 Mitarbeiter.

Dorfverein vergibt Konzertfreikarten

Schon jetzt deutschlandweit einmalig ist die größte biologische Chicoree-Treiberei, die Philipp in den Wintermonaten in seinem ganzjährig genutzten Gewächshaus betreibt. Jetzt wachsen dort Tomaten an vier Meter hohen Pflanzen, für deren Ernte man Leitern braucht, zudem Gurken und Salat – Bio-Gemüse, mit dem Philipp vor allem Großhändler in Berlin beliefert. Die zwei Hektar große Anlage unter Glas ist am 4. August sogar Veranstaltungsort für die Brandenburgischen Sommerkonzerte. „Etwa 1000 Leute finden hier mühelos Platz. Von der Akustik her wird es ein Experiment“, sagt Philipp. Um 17 Uhr musiziert das Blechblasensemble Ambrassador. Der Dorfverein vergibt drei mal zwei Freikarten für das Konzert. Interessenten melden sich telefonisch bei Frau Paulik unter 0171/1624265

In der Pretschener Dorfkirche spricht der ehemalige Bischof Wolfgang Huber zwei Stunden vorher über ethische Herausforderungen bei der Energiewende. Zudem gibt es ein um 13.30 Uhr beginnendes Begleitprogramm, bei dem die Pretschener ihr Engagement unter Beweis stellen: Ortsführungen, Kremserfahrten, Kaffeetafel auf dem Gutshof.

Dorferneuerung wird fortgesetzt

Ausruhen auf den Lorbeeren wollen sie sich ohnehin nicht, wie Vereinsvorsitzende Paulik versichert. Der Ort profitiert bereits vom Brandenburger Landessieg, den Pretschen 2012 errang. Rund 230.000 Euro, davon 75 Prozent Fördermittel, fließen in die Fortschreibung des Dorferneuerungskonzeptes, in die Sanierung der Reit- und Turnhalle auf dem Landgut sowie in die Neugestaltung des Dorfangers. Die Finanzierung des Eigenanteils überlässt Pretschen nicht der Gemeinde Märkische Heide allein. „Wir steuern aus eigener Kraft 10.000 Euro bei“, sagt der Ortsvorsteher.

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