Es ist der Moment, vor dem sich Kathrin May und ihr Sohn Dennis die ganze Zeit gefürchtet haben. Gleich werden sie die Haustür aufschließen. Sie wissen nicht, was sie erwartet. „Wir sind regelrecht geflohen vor drei Tagen“, sagt die 44-Jährige. Die beiden waren bei Bekannten in der Nähe untergekommen, als die Stepenitz in Breese bei Wittenberge überlief. Ein kleiner Fluss, der sonst problemlos in die Elbe fließt.
Erst müssen Kathrin May und der 19-jährige Dennis durch das Wasser im Garten. Die Brühe reicht ihnen bis zu den Knien. Weiße Blütenblätter schwimmen darin, eine Maus hat es nicht mehr geschafft. Sie liegt tot neben der Haustür. Dennis May hebt die durchgeweichten Sandsäcke zur Seite und macht den Weg frei. Seine Mutter öffnet die Tür. Ein modriger Geruch schlägt ihnen entgegen.
Das Wasser steht etwa zehn Zentimeter hoch, kleine Fische schwimmen durch den Flur und durchs Wohnzimmer. An der hellen, modernen Einbauküche ist zu sehen, dass das Wasser vor wenigen Stunden noch höher stand. Doch erst als Kathrin May dann das Klavier im Wohnzimmer anfasst, kommen ihr die Tränen. „Den Klang kannst Du vergessen“, sagt sie.
So schlimm war es noch nie
Die Stepenitz ist nicht das erste Mal übergelaufen. Doch so schlimm war es noch nie. Zehn Häuser hat der Nebenfluss in Breese an der Perleberger Straße unter Wasser gesetzt. Auch die Gaststätte „Zum Stepenitzgrund“ in „idyllischer Lage“ mit drei Ferienwohnungen hat es erwischt. Dabei hätte dem Prignitzer Ort Breese dieses Hochwasser erspart bleiben können, und auch das davor. „Seit mehr als zehn Jahren werden wir jetzt hingehalten“, sagt Werner Neumann.
Er wohnt neben Familie May. Sein Haus liegt noch tiefer, das Wasser stand anfangs im Erdgeschoss 30 Zentimeter. Tatsächlich war den Anwohnern schon nach dem Hochwasser 2002 ein Deich versprochen worden. Aber bis auf die Planungen ist bislang nichts passiert. „Ich kann hier alles wegwerfen“, sagt er und deutet auf einen Berg voll Möbel im Wohnzimmer. Werner Neumann schläft derzeit auf dem Dachboden, die Kanalisation ist abgestellt, die Toilette seit Tagen nicht benutzbar.
Auch das Telefon funktioniert nicht. Sein Sohn war vorige Woche sofort aus München gekommen, um zu Hause zu helfen. Zusammen mit dem 20-jährigen Enkel füllten sie zwei Tage lang die gelieferten Sandsäcke. „Über 1000 werden es schon gewesen sein“, sagt der 70-Jährige. Gebracht hat es nichts.
In Breese ist die Enttäuschung über die Politiker groß. Denn deren Versprechungen wiederholen sich von Flut zu Flut – ohne Ergebnis. Das einzige, was immer wieder eintrifft, ist das Hochwasser. Vorige Woche kam Brandenburgs Infrastrukturminister Jörg Vogelsänger (SPD) vorbei. Er versprach, dass Breese den zugesagten Deich nun wirklich bald bekommen werde.
„Das Geld dafür werden wir finden.“ Als Innenminister Dietmar Woidke (SPD) an diesem Mittwoch in der Perleberger Straße eintrifft, erwartet ihn schon ein Trupp wütender Anwohner. Einer von ihnen ist Ronny Schulz. „Wir haben in der Zeitung gelesen, dass der Deich eigentlich schon im September fertig sein sollte“, hält er Woidke vor. „Wie lange soll das noch so gehen?“
„Seit Jahren nicht informiert"
Der Minister muss sich so einiges anhören, an diesem sonnigen Mittag auf der gesperrten Perleberger Straße, zwischen den vollgelaufenen Gärten. Da, wo sonst die Lastwagen nach Wittenberge und Perleberg lang donnern, ist innerhalb von nur zwei Tagen mit Hilfe der freiwilligen Feuerwehr und anderen Helfern ein drei Kilometer langer Notdeich aus Kies und Tausenden von Sandsäcken gebaut worden.
Der richtige Deich soll eigentlich als erhöhte Landesstraße gebaut werden. Grit und Nico Sloma halten sich mit Kritik ebenfalls nicht zurück. „Man wird seit Jahren nicht richtig informiert“, sagt Nico Sloma, der die örtliche Bürgerinitiative für den Deichbau unterstützt.
Heide Marie Mallschützke kann nicht verstehen, weshalb nicht schon längst das Geld in den Bau eines Deiches gesteckt wurde. „Wenn der brandenburgische Finanzminister uns Hochwasseropfern jetzt Steuererleichterungen verspricht, ist das doch eine Farce“, sagt sie. „Denn die meisten hier sind Rentner.“ Dennoch nimmt das Ganze nicht ohne Humor. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch mal zu einem Wassergrundstück komme“, sagt sie. In ihrem Garten schwimmen die Strauchrosen auf dem Wasser.
Auch Woidke verlässt Breese nicht ohne erneutes Versprechen. „Das Kabinett wird sich nächsten Dienstag mit eurem Deich befassen und einen Beschluss dazu fassen.“ Das sei mit Ministerpräsident Matthias Platzeck abgesprochen. Allerdings muss er einräumen, dass er den Deich vor einigen Jahren schon einmal in Aussicht gestellt hat. Damals war er noch Umweltminister.
Und während an der Stepenitz über den ausgebliebenen Hochwasserschutz hinter dem Deich debattiert wird, schauen die Experten gespannt auf das nur 10 Kilometer entfernte Wittenberge. Dort hat sich der Pegel um etwa 40 Zentimeter auf 7,58 Meter gesenkt. „Das reicht noch nicht, um für die Altstadt von Wittenberge Entwarnung zu geben“, sagt Toralf Reinhardt, Sprecher des Hochwasserstabs in der Prignitz. Damit sei der Wasserstand immer noch über dem Niveau von 2002.
Der Druck des Elbwassers auf die Deiche ist enorm. Denn mit 4000 Kubikmeter in der Sekunde sei die Fließgeschwindigkeit des Wassers derzeit sehr gering. Im gesamten Landkreis sind noch immer 2382 Kräfte im Einsatz, darunter 1080 freiwillige Helfer, 450 Bundeswehrsoldaten sowie 255 Kameraden der Freiwilligen Feuerwehren.
Brandenburg hilft Sachsen-Anhalt
Trotz der angespannten Hochwassersituation in Brandenburg hilft das Land auch Hochwasseropfern aus Sachsen-Anhalt. Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) habe um Unterstützung bei der Evakuierung gebeten, sagt Brandenburgs Landeschef Matthias Platzeck am Mittwoch: „Wir werden helfen.“ Es gibt keine Landverbindungen mehr in der Region Stendal.
Nach Angaben von Platzeck ist die gesperrte ICE-Strecke an der Landesgrenze von Brandenburg und Sachsen-Anhalt überflutet. „Das haben wir aus der Luft beim Überflug gesehen“, sagt Platzeck. Das Wasser fließe in Richtung Havelberg.
Seit Mittwochabend stehen ab sofort in Kyritz 250 Betten für Evakuierte aus dem Nachbarland bereit, 500 weitere sind in Aussicht. Nach Angaben eines Sprechers aus dem Innenministerium hat Sachsen-Anhalt allerdings um insgesamt 1000 Schlafmöglichkeiten gebeten.


































































































