Noch vor ein paar Jahren war Osinów Dolny (Niederwutzen) ein gewöhnliches polnisches Dorf an der Grenze zu Deutschland. 200 Einwohner, ein paar Bauernhöfe, Einfamilienhäuser, Friseursalons. Mittlerweile zieht sich regelmäßig an den Wochenenden eine Blechlawine deutscher Autofahrer durch Osinów Dolny.

Große Reklametafeln mit grell leuchtenden Buchstaben und Lampen hängen verteilt in dem westlichsten Ort Polens. Sie werben in buntem Durcheinander für „Salon Ada“, „Friseur Jola“ oder „Haarschnitte von Zuzanna“. Dazwischen blinken Werbeschilder für Nachtclubs, versperren entlang der Dorfstraße provisorische Stände für Zigaretten, Getränke, Blumen und Gartenpflanzen den Blick auf die einst so idyllisch gelegenen Höfe. „Jeder, der hier Geld verdienen will, hat irgendein Geschäft aufgemacht“, sagt Maria Kurczewska.

Waren es einst zwei Dutzend Friseure, die dort das Geschäftsleben bestimmten, so sind es ihren Angaben nach bereits 44 – und damit mehr als Einfamilienhäuser. Osinów Dolny ist der Ort mit der höchsten Konzentration von Haarsalons weltweit. Vor allem nach dem Wegfall der Grenzkontrollen Ende 2007 sind es noch mehr Geschäfte geworden. Sogar einen Hundefriseur gibt es inzwischen.

Drei bis vier Euro kostet in Osinów Dolny ein Männerhaarschnitt

Längst sind es nicht mehr nur die Dorfbewohner selbst, die zu Fön und Shampoo greifen, sondern Arbeitswillige aus der übrigen polnischen Grenzregion, sagt Maria Kurczewska. „Um gutes Fachpersonal zu bekommen, muss man mittlerweile auswärts suchen.“

Die 60-jährige Bewohnerin von Osinów Dolny muss es wissen. Sie hat selbst 17 Jahre lang direkt an der Dorfstraße in einem Imbiss Gegrilltes verkauft. „Das war ein Knochenjob“, sagt Maria Kurczewska. Seit drei Jahren betreibt sie ihren eigenen Haarsalon namens „Elegance“. Sie hat dafür die Zimmer ihrer inzwischen erwachsenen Kinder umfunktioniert. Die Preise ähneln sich in den Läden, in denen der polnische Zloty keine Gültigkeit zu haben scheint. Drei bis vier Euro kostet ein Männerhaarschnitt, zehn der für Frauen inklusive Waschen, Legen und Föhnen.

Maria Kurczewska selbst steht nur hinter dem Tresen gleich neben der Eingangstür, empfängt die vornehmlich deutschen Kunden mit einem Lächeln und einer Tasse Kaffee, kassiert und greift auch mal zum Besen, um abgeschnittene Haarbüschel zusammen zu fegen. Für die Arbeit an Kamm hat sie zwei junge Friseurinnen, die im Akkord Schöpfe waschen, schneiden, färben, fönen, Bärte stutzen und auf Wunsch auch Nägel maniküren.

Viele Berliner gehen in Polen zu Frisör

Viele Kunden kommen aus Berlin, wie die Chefin sagt. Zu hübschen jungen Frauen, so ihre Erfahrung, besonders gern. „Zu Monatsbeginn ist es immer sehr voll, zum Ende des Monats, wenn das Geld knapp wird, kommen deutlich weniger“, sagt Maria Kurczewska. Monika Lieske aus Berlin-Hohenschönhausen sitzt gerade mit Alufolie umwickelten Haarsträhnen unter der Trockenhaube.

Alle vier bis acht Wochen fährt die 61-Jährige mit ihren Nachbarn Erika Sperling und Bernd Brähmer 70 Kilometer über die Bundesstraße 158 nach Osinów Dolny, um einzukaufen, zu tanken – und sich frisieren zu lassen. „In Deutschland können wir uns den Friseurbesuch nicht mehr leisten. Da geht es ja schon mit 50 Euro los“, sagt sie. Der neue Haarschnitt kostet östlich der Oder 30 Euro. „So preiswert kriegst Du so einen Top-Schnitt inklusive neuer Farbe in Berlin nicht – und wenn doch, versauen sie dir da nur die Haare“, sagt Monika Lieske.

Berliner Kundinnen habe nicht nur gute Erfahrugen

In Osinów Dolny hat sie auch schon schlechte Erfahrungen gemacht. „In einem haben sie mir den ganzen Kopf einheitlich blond gefärbt, die versprochenen Strähnchen konnte ich nicht entdecken“, sagt die frühere Angestellte der Bundeswehr. In einem anderen Laden habe ihr der Friseur ins Ohrläppchen geschnitten, so dass es blutete. „Der gab mir nicht einmal ein Pflaster“, erinnert sie sich.

Im Salon „Elegance“ ist das Trio aus Hohenschönhausen bereits zum zweiten Mal. „Wir waren zufrieden. Das Personal ist nett, der Salon hell und freundlich eingerichtet, die Haarschnitte sitzen“, sagt Erika Sperling, während sie ihren neuen dunkelbraunen Schopf zufrieden im Spiegel betrachtet. Für Monika Lieske „muss die Chemie stimmen“, wie sie sagt. Und Salonchefin Maria sei ihr auf Anhieb sympathisch gewesen. Dass Maria Kurczewska und ihre beiden Friseurinnen nur ein paar Worte Deutsch sprechen und verstehen, stört nicht. „Die machen das schon richtig“, sagt Bernd Brähmer.

In den meisten Salons sind neugierige Fragen erwünscht

Davon ist auch Susanne Haase aus Berlin-Lichterfelde überzeugt. „In der Hauptstadt war ich noch nie zufrieden mit meinem Haarschnitt. Hier schon – und dass für nur 15 Euro“, sagt die 75-Jährige. Auch Susanne Haase ist zum zweiten Mal im Salon „Elegance“. „Meine Tochter fährt immer zum Einkaufen her und hat mich Anfang Mai kurzerhand mitgenommen“, sagt die Rentnerin. Inzwischen kauft sie selbst Gemüse und andere Lebensmittel hier – den deutschen Preis stets im Kopf, wie sie sagt.

In Osinów Dolny gefalle ihr, dass „die Polen viel hilfsbereiter und aufmerksamer gerade zu älteren Menschen“ seien, als sie es aus Deutschland kenne, sagt Susanne Haase. Auf die Friseure und die deutschen Schnäppchenjäger angesprochen werden wollen aber nur wenige aus dem Dorf. In den meisten Salons sind neugierige Fragen nicht erwünscht. „Chef erlaubt das nicht“, lautet oft die ausweichende Begründung. Es scheint, als sei den Bewohnern ihr berühmtes „Friseurdorf“ zur Last geworden. Und Werbung, die braucht Osinów Dolny schon lange nicht mehr.