Kriminalität

Jugendheim Haasenburg wehrt sich gegen Gewaltvorwürfe

Die Haasenburg ist oft der letzte Versuch - schwierige Jugendliche werden vom Jugendamt in das Heim geschickt. Nach Vorwürfen der Körperverletzung soll nun untersucht werden, wie hart es hier zugeht.

Foto: Reto Klar

Der Weg von der Autobahnausfahrt bis nach Neuendorf am See erscheint einem ewig. Links und rechts von der Straße liegt nur dichter Wald. Kilometerweit. Dann, wenn nichts mehr zu kommen scheint, ist sie rechts zu sehen: die Haasenburg. Ein helles Fachwerkhaus und ein paar gelb gestrichene Bungalows. Davor ein grüner Zaun, gut einen Meter hoch. Keine hohe Mauer. „Wer hohe Mauern sieht, denkt ständig darüber nach, wie er sie überwinden kann“, sagt Hinrich Bernzen.

Der Sprecher der Haasenburg GmbH will einigen Journalisten einen Einblick in eines der drei Kinder- und Jugendheime in Brandenburg ermöglichen, die in den vergangenen Tagen wegen schwerer Anschuldigungen in die Schlagzeilen geraten sind. Ehemalige Insassen haben in der Tageszeitung „taz“ den Vorwurf erhoben, Kinder und Jugendliche würden in den Einrichtungen drangsaliert. Es soll zu Körperverletzungen gekommen sein. Auch zwei Todesfälle aus den Jahren 2005 und 2008 werden nun erneut untersucht.

Haasenburg durfte gefährliche Insassen vorübergehend fixieren

Seit Mittwoch sieht die Staatsanwaltschaft Cottbus zumindest in einem Fall den Anfangsverdacht einer Straftat. „Wir haben Ermittlungen gegen Unbekannt eingeleitet“, bestätigte Oberstaatsanwältin Petra Hertwig der Berliner Morgenpost. Ein 19-jähriger früherer Insasse, der 2010 etwa ein halbes Jahr in der Haasenburg-Einrichtung in Jessern war, habe angezeigt, dass er teilweise mehrere Tage am Bett fixiert gewesen sei. Derzeit sei er im Maßregelvollzug in Eberswalde untergebracht. Die Akten seien sofort an die Polizei übergeben worden, sagte die Vize-Behördenleiterin Hertwig.

Von den Ermittlungen weiß der Haasenburg-Sprecher eigenen Angaben zufolge noch nichts, als er gegen 14.30 Uhr die Journalisten begrüßt. Allerdings sieht er den Untersuchungen positiv entgegen, sagt er. „Die Vorwürfe werden sich nicht bestätigen.“ Zwar war es in der Haasenburg bis 2010 erlaubt, Kinder und Jugendliche vorübergehend zu fixieren, wenn sie sonst eine Gefahr für sich und andere darstellen. „Es kann aber nicht sein, dass jemand über längere Zeit fixiert war“, sagt er. „Auf gar keinen Fall über Tage.“

Kinder und Jugendliche kommen nicht freiwillig in die Haasenburg

Das Gelände wirkt parkähnlich, gepflegter Rasen, akkurat gestutzte Hecken. Hinter dem grünen Zaun herrscht allerdings eine ganz eigene Welt mit ganz eigenen Regeln. Wer gegen sie verstößt, soll die Nachteile spüren. Wer sie einhält, wird belohnt. In der Haasenburg landen jene Kinder und Jugendliche, die draußen entweder keine Regeln kennen oder sich einfach nur nicht daran halten wollen.

Sie kommen nicht freiwillig, sie sind hier „eingewiesen worden“. In der Regel von den Jugendämtern. Von den 79 Insassen der drei Heime – sie sind zwischen 10 und 17 Jahre alt, wurden 56 Kinder und Jugendliche nach der richterlichen Genehmigung von freiheitsentziehenden Maßnahmen, also geschlossen, untergebracht. Meist haben sie schon alles hinter sich – vom Aufenthalt bei einer Pflegefamilie über eine erlebnispädagogische Unterbringung auf einem Bauernhof in Island bis hin zur Psychiatrie.

Experten-Kommission soll Zustände in Heimen untersuchen

„Die Haasenburg soll der letzte Versuch sein“, sagt die pädagogische Leiterin Susanne Tscherpe. In Neuendorf sind derzeit 40 Kinder und Jugendliche untergebracht, die meisten von ihnen sind zwischen 14 und 16 Jahre alt. Sie gehen in die Schulen der Nachbarorte oder werden im Heim darauf vorbereitet. Aber zurzeit sind Ferien.

Die Jugendämter waren bislang dankbar, dass es die Haasenburg gibt. Brandenburg hat sechs Kinder hier, Berlin drei. Bis auf Bremen und Schleswig-Holstein schicken alle Bundesländer „die ganz Schwierigen“ hierher. Die drei Heime der Haasenburg GmbH in Neuendorf am See und Jessern (Dahme-Spreewald) sowie Müncheberg (Märkisch-Oderland) haben wenig Aufmerksamkeit erregt. Nur im Zusammenhang mit Adnan S., einem jugendlichen Intensivstraftäter aus Berlin, wurden sie 2007 kurz erwähnt.

Wie hart es in den Heimen wirklich zugeht, will jetzt eine unabhängige Experten-Kommission klären. Die rot-rote Landesregierung will das Gremium am Freitag vorstellen. Auch der Bildungsausschuss des Landtags wird sich am 4. Juli in einer Sondersitzung mit der Haasenburg beschäftigen. Die Staatsanwaltschaft hat Akten vom Landesjugendamt und der „taz“ angefordert.

„Keine Kinder und Jugendlichen gequält“

Haasenburg-Sprecher Hinrich Bernzen sagt: „Bei uns werden keine Kinder und Jugendlichen gequält.“ Die drei Vorfälle, bei denen es laut „taz“ bei Mädchen zu Knochenbrüchen kam, seien anders verlaufen als dargestellt. „Es gab eine geschwollene Hand“, so Bernzen. Die Insassin habe in einer Agressionssituation mit der Faust gegen die Wand geschlagen und sich dabei verletzt. Im zweiten Fall habe sich ein Mädchen die Schulter ausgekugelt.

Sie habe die Erzieher mit einem Stuhl angegriffen, sollte festgehalten werden und habe sich fallen lassen. „Ein dritter Fall ist uns bislang nicht bekannt“, sagt Bernzen. Der Sprecher des Bildungsministeriums, Stephan Breiding sagt, es gebe „offenkundige Widersprüche zwischen den Auszügen aus Unterlagen der ,taz’ und den Meldungen, die dem Jugendamt vorliegen.“

Im Heim starben auch zwei Mädchen. Die Landesregierung rollt nach den Missbrauchsvorwürfen die Untersuchungen wieder auf. Im Juni 2005 hatte sich eine 15-Jährige an einer Schranktür im Jugendheim Neuendorf erhängt. Im Mai 2008 starb im Kinderheim Jessern ein 16-jähriges Mädchen nah einem Sturz aus dem Dachgeschoss.

Sport und Kinobesuche nur mit eigenem Betreuer

Die Staatsanwaltschaft sah damals in keinem der beiden Fälle „Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden oder Pflichtverletzungen durch Pfleger. Auch das Landesjugendamt sah keine Fehler bei der Einrichtung.

Viele hier waren zuvor drogenabhängig, haben sich prostituiert. Viele verletzten sich selbst oder andere. Um fast alle hat sich nie einer richtig gekümmert. In der Haasenburg hat jeder Insasse einen eigenen Betreuer. Intensivpädagogik heißt das. Wer in der „Geschlossenen“ landet, hat nur wenig Bewegungsfreiheit.

Der Betreuer bringt ihn innerhalb der Einrichtung zum Sportbetreuer, wer ins Kino will, muss sich vorher den vereinbarten Zielen entsprechend verhalten. Allerdings wird daraus kein Kinobesuch mit Kumpels, sondern mit einem Betreuer. Auch ein Treffen am See mit Jugendlichen von außerhalb ist nicht drin.

Manche schaffen in der Haasenburg sogar ihr Abitur

Es wird ein Plan erstellt. Die Kinder und Jugendlichen haben danach die Chance, sich Freiheiten zu erarbeiten. Positive Verstärkung nennen die Experten das. Es gibt klare Verhaltensregeln für die Kinder und die Betreuer, sogenannte Deeskalatiosstufen. Ganz am Ende steht der Anti-Aggressionsraum. Ein leerer Raum, in dem sich der Jugendliche beruhigen soll.

„Jemand aus dem Team bleibt aber ständig in Kontakt mit ihm“, erläutert Psychologin Daniela Bavar. Dem Staat ist die Unterbringung viel Geld wert. 300 Euro am Tag soll der Aufenthalt pro Insasse kosten. Das Konzept stellten die Jugendämter bisher offenbar nicht in Frage.

Erfolg, sagt Haasenburg-Sprecher Bernzen, ist relativ. „Manchmal ist es am Ende schon ein Erfolg, wenn einer nicht mehr seine komplette Umwelt drangsaliert.“ Andere schaffen es, während der Haasenburg-Zeit Abi zu machen. Viele gehen im Zorn, manche versöhnt.