Elbe-Hochwasser

Hochwasser in Brandenburg – „Wir retten, was zu retten ist“

Der Deichbruch bei Fischbeck und die Polderflutung retten Wittenberge. Der Elb-Pegel stagniert. Doch wie ergeht es den Menschen aus den überfluteten Dörfern? Unsere Reporter haben sie gesucht

Zwei Kühe weiden unter dem Kirchturm von Klietz zwischen Havel und Elbe in Sachsen-Anhalt. Vögel zwitschern, die beiden Schwarzbunten malmen zufrieden das grüne Gras des Kirchgartens. Eine Idylle, so sieht das aus. Doch die Kühe stehen mitten im Kirchgarten am höchsten Punkt des Dorfes. Sie sind Flutopfer, wie eigentlich alle hier. Die Kühe hat der Bauer so eben noch von den überschwemmten Weiden gerettet, über die sich die Elbe unkontrolliert Bahn bricht.

In der Nacht zu Montag ist der Elbdeich bei Fischbeck gebrochen, einige Kilometer weiter südlich von Klietz. Ein weiteres Stück droht bei Hohengöhren zu brechen, dem Nachbardorf von Klietz. Mehrere Dörfer sind schon überschwemmt, rund 6400 Menschen wurden in der Region evakuiert.

Sandschippen auf dem „Armeesportplatz“

Eine Lautsprecheransage durch die stillen Straßen: „Anwohner treffen sich bitte zum Sandschippen auf den Armeesportplatz!“ Hektisch laufen die Menschen durchs Dorf. Niemand hier denkt in diesen Tagen an etwas anderes als das Wasser. Niemandem würde es einfallen, etwas anders zu tun, als zu retten – und zu helfen.

In Hohengöhren haben sich an der alten Ziegelmauer auf dem höchsten Punkt des Dorfes einige Menschen mit Ferngläsern versammelt. Damit schauen sie gebannt gen Elbe, genauer gesagt: Auf ein braunes Loch im grünen Deich. Dort ist das Stück Deich abgerutscht, angeblich gibt es eine weitere solche Stelle. Sehen kann man es nur von hier.

Immer mehr Neugierige kommen heran. „Na, Bodo, haste auch Angst?“ Ein jüngerer Mann knufft einen Älteren gegen die Schulter. „Nö, ick kann ja schwimmen“, antwortet der. An seinen Hosen hängt Heu, sein faltiges Gesicht erzählt von einem Leben voller Arbeit. Er habe Hühner zu Hause, einen Hund und Karnickel. Er werde bleiben, auch wenn sein Dorf zur Insel werde. „Aber meine Frau haben sie abgeholt.“ Sie sei behindert, deshalb hätten die Johanniter sie am Montag nach Stendal in ein Pflegeheim gefahren.

Eigentlich sollte das ganze Dorf evakuiert werden. Die Bewohner fuhren auch weg – „aber mittags durften wir dann zurück“. Jetzt reichen sie sich das Fernglas weiter, um jene Stelle im Deich zu beobachten, die ihr Schicksal bestimmt. „Wir sind doch hier oben, wir kriegen hier nüscht“, sagt der alte Mann.

Ausharren bis zum letzten Moment

Eine ältere Dame am Fernglas wiegt den Kopf, sie erlebt, wie schnell und unerbittlich das Wasser kommen kann. Sie wohne eigentlich in Schönhausen, sagt sie, also im nächsten Dorf. Es gehört zu jenen, die inzwischen geflutet sind. Noch am Montagmittag hatten sich dort viele Anwohner geweigert, in die Busse zu steigen, die sie ins sichere Havelberg bringen sollten.

Auch sie hätten bis zuletzt gewartet, sagt die Frau. „Dann sind wir doch bei Freunden hier in Hohengöhren untergekommen.“ Mit fünfzehn Flutopfern wohnen sie nun bei Freunden „aber es ist eine gute Stimmung, wir bekommen Brot aus Klietz, da gibt es einen Bäcker, der noch geöffnet hat“. Noch, denn am morgen ist die Feuerwehr durch den Ort gefahren und hat auch dort die Anwohner informiert, dass Bäcker, Fleischer, Getränkemarkt und Konsum nur noch bis 13 Uhr geöffnet hätten. Selbst die Geldautomaten sind stillgelegt.

Und dann? „Wenn der Deich bricht, sind wir vom Hochwasser eingeschlossen wie von einer Insel“, sagt eine der Frauen. Kurz nach der Flucht seien sie noch einmal in ihr Dorf zurückgekehrt, berichtet die Frau. „Da stand unten schon alles unter Wasser, nur unsere Siedlung schaute heraus. Zurück kamen sie mit dem Auto nicht mehr. „Wir mussten es stehenlassen, ein Freund hat uns mit dem Unimog über die geflutete Straße gefahren.“

Wasser kommt von allen Seiten

Am blauen Junihimmel fliegen über den Deich Hohengöhren Hubschrauber, die unermüdlich Sand in riesigen Big Backs auf das Loch im Deich bei Fischbeck werfen. Ein wenig, so heißt es am Dienstagmorgen, sei die Flut schon gestoppt. Doch das Wasser fließt dennoch weiter, es fließt schnell, über die Weiden, es drückt von den Havelpoldern auch von der anderen Seite in die Niederung. Und es flutet die Straßen, auf denen außer den Kolonnen der Feuerwehr, Militär, technischem Hilfswerk und anderen Helfern kein Privatfahrzeug mehr unterwegs ist.

An der Straßenkreuzung südlich von Hohengöhren steht ein Mann mit seinen zwei Hunden auf einer winzigen Grasinsel im Wasser und lehnt an einem Straßenschild. Die Hunde setzen vorsichtig Pfoten ins fließende nass. Gerhard Wohllaub redet ihnen zu. „Es sind Rettungshunde “, sagt er, „sie kennen zwar die Elbe, aber fließendes Gewässer ist ihnen nicht geheuer“.

Die Hunde schütteln sich und suchen den letzten trockenen Fleck im Gras. Ireen und Wanko haben schon Menschen gesucht und gefunden, die eine ist in der Fläche ausgebildet, der andere kann Spuren suchen. Wohllaub betreut sie ehrenamtlich für das Rote Kreuz. Beim Hochwasser sind sie bisher noch nicht zum Einsatz gekommen, sagt Wohllaub. „Zum Glück. Aber wer weiß, was noch kommt“. Dann macht er, dass er von der Insel kommt, über die inzwischen das Wasser fließt.

Zwei Helfer bringen Schafe ins Trockene

Ein Transporter mit Pferdeanhänger hält an der Kreuzung, zwei junge Leute öffnen den Anhänger. Sie bringen im Wortsinn Schafe ins Trockene, ziemlich panische Schafe. Ein verschwitzter Helfer lacht und zeigt sein zerrissenes T-Shirt. Einmal noch, sagen sie, werden sie die Tour über die überschwemmte B107 wagen, auf der sie seit Montag Menschen und Tiere retten. Auf den Feldern stehen Feldhasen und Rehe. Die lassen sie stehen. Ziel ist der Aussiedlerhof eines Fischers ein paar Kilometer weiter.

Gernot Quaschny und seine Frau Sandra stehen in Wathosen in der Einfahrt von dem, was bis zu diesem sonnigen Morgen ihr Leben gewesen ist. Sie haben eine Fischzucht und Fischerei, „Aale, Hecht, Zander, Karpfen, Forellen“ steht auf ihrem Ladenschild, die lustigen blauen Wasserwellen darunter wirken jetzt wie Hohn. „Das Haus wird bald bis zum Dach im Wasser stehen“, sagt Quaschny, „wir retten, was noch zu retten ist“. Viel ist es nicht. Immerhin, die Tiere haben sie auf den nahen Damm gebracht, „zwölf Hunde, vier Pferde, vier Esel“, einen Kühlschrank und ein paar Möbel verladen sie noch in einen Hänger.

Am Morgen waren alle Nachbarn da, um zu helfen. Das Fischerhaus ist das niedrigste im Dorf. Aber wie soll man eine Fischzucht retten? „Die Fische sind natürlich alle abgehauen“, sagt Quaschny. Das Haus seiner Eltern, das gesamte Arbeitsgerät, seine gesamte Existenz: „Das ist alles vernichtet.“ Ab jetzt, sagt er, würden sie im Wohnwagen auf dem Damm wohnen, bei den Tieren. Quaschny schüttelt den Kopf. Er dreht er sich um, um seiner Frau eine letzte Tüte mit Hab und Gut aus den Händen zu nehmen. Über die Straße fließt jetzt das Wasser wie ein reißender Strom.

Wittenberge bangt weiter

Das bange Warten hat auch in Wittenberge noch immer kein Ende. Dort scheint es, als sei die Zeit stehen geblieben – eingefroren wie der Stand der Elbe, die seit dem Morgen bei etwa 7,75 Metern verharrt. Die Altstadt ist eine Geisterstadt durch die leere Linienbusse fahren. Drei Schulen sind geschlossen, die Läden, Ärzte, selbst die „Tafel“ hat zu. Laut Speiseplan hätte es am Dienstag Kasseler mit Gemüse gegeben. Stattdessen hängt davor ein Schild: „Sammelpunkt Evakuierung“. Es steht niemand da. Nur der Glockenschlag der Kirche hallt durch die alten Gassen wie eine Erinnerung: Die Zeit läuft.

Das Wasser steht an den Deichen und Spundwänden von Wittenberge rund fünf Meter höher als normal. Keiner weiß, wie lange sie dem Druck standhalten. Die Höhe soll auch die kommenden zwei bis drei Tage so bleiben“, sagt Bodo Schwiegk vom Landesumweltamt. Es habe sich eine Art Hochwasser-Plateau ausgebildet, unter anderem auch mit wegen der Havelpolder-Flutung am Sonntag. Doch die war nötig. „Wenn kein Elbewasser in die Havel abgelassen worden wäre, hätten wir am Pegel Wittenberge mit Sicherheit über acht Meter gehabt“, so Schwiegk. In der Nacht zu Dienstag wurde das Wehr Neuwerben wieder geschlossen.

Altstadtbewohner wollen nicht weg

Ganz leer ist die Altstadt jedoch nicht. In den Häusern hört man es rumoren, viele Menschen sind trotz der Warnungen geblieben. Weil sie nicht glauben wollen, dass das Wasser sich auch Wittenberge nimmt. Oder weil sie, wie Herbert Schroller, sagen: „Mir bleibt doch gar nichts anderes übrig.“ Schroller ist 67 und betreibt eine Pension mit 80 Zimmern. Sein Lebenswerk, das er nach der Wende aufgebaut hat. „Was soll ich denn auch tun? Ich bin nicht versichert und verdiene nur Geld, solange ich Gäste habe.“ Er habe lange verdrängt, was es bedeute, wenn das Wasser doch kommt.

Im Hinterraum steht seine neueste Anschaffung – teure Waschmaschinen für die Wäsche aus seiner Pension. „Die kann man weder hochheben noch wegbringen.“ Und dann sei da noch etwas: „Meine Mitarbeiter – die brauchen ihre Arbeit doch auch.“ Das Warten zehrt an den Kräften. Der Wirt spricht aus, was alle empfinden: „Da ist eine Anspannung, die man erst gar nicht wahrgenommen hat. Man hat doch Angst. Es erscheint einem nur so seltsam, wenn draußen die Sonne scheint und die Vögel zwitschern, als wenn nichts wäre.“

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