Es ist noch dunkel auf dem Flur des Landgerichts in Potsdam. 6.30 Uhr, und der erste Reporter ist schon da. In knapp drei Stunden soll der Betrugsprozess gegen Axel Hilpert, den Betreiber der Luxushotelanlage „Resort Schwielowsee“ in Petzow, eröffnet werden. Der Andrang ist, wie erwartet, riesig: Als um fünf Minuten vor neun Uhr ein weißer gepanzerter Kastenwagen auf der Rückseite des Justizzentrums an der Jägerallee in die Tiefgarage fährt, hat sich bereits eine lange Schlange von Journalisten, Kameraleuten und weiteren Prozessinteressierten gebildet.

Gerichtssaal 8 ist bis auf den letzten Platz gefüllt, gegen 9.20 Uhr ist es dann so weit: Axel Hilpert wird hereingeführt. Ein älterer, korpulenter Mann mit weißem, kurz geschnittenem Haar und Stoppelbart. Während die Kameralichter blitzen, grinst er für einen kleinen Moment; es ist ein schelmisches Grinsen – so als würde er sagen wollen: Ja, da habt ihr mich nun. Aber wartet es ab!

Draußen, vor der Einlasskontrolle, hat soeben ein Begleiter von Juliane Hilpert einem Journalisten wütend zugerufen: „Sie sind doch Herr Wangemann, der immer so viel Sch… schreibt!“ Der Reporter der „Märkischen Allgemeinen“ hat für seine hartnäckige Recherche zu den Vorwürfen gegen Axel Hilpert einen Journalisten-Preis bekommen. Mit seinem Handy macht der Mann gleich noch ein Foto von dem Reporter. Im Gerichtssaal wird auch Hilperts Tochter mehr als einmal den Journalisten einen bösen Blick zuwerfen.

Mit den Hilperts legte sich bislang so leicht niemand an. Vielleicht erklärt sich damit auch dieses Schweigen, das selbst sieben Monate nach der Verhaftung des heute 64-Jährigen andauert. Kaum einer will sich zu Axel Hilpert und seinen Geschäften äußern; dabei gäbe es viel zu sagen. Auch die Prozessbesucher wollen ihren Namen nicht nennen. „Wir sind interessierte Öffentlichkeit“, sagt eine blonde Dame im pelzbesetzten Mantel.

Ein schillerndes Leben

Der Mann steht wegen des Verdachts des Subventionsbetrugs, der Steuerhinterziehung und Untreue vor Gericht. Das allein rechtfertigt aber nicht das große Medieninteresse. Es ist sein schillerndes Leben, das ihn so interessant wie umstritten macht: Einst war Axel Hilpert Kunst- und Antiquitätenhändler bei DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski, Ehrenoberst der kubanischen Armee und inoffizieller Mitarbeiter der Stasi als IM „Monika“.

Nach dem Ende der DDR setzte er vor allem auf das Immobiliengeschäft – und pflegte die neuen Kontakte ebenso sorgfältig wie die alten. Im Jahr 2005 eröffnete er zusammen mit dem Medienmanager Hans-Hermann Tiedje am Schwielowsee die Luxus-Hotelanlage „Resort Schwielowsee“. Und um die geht es auch: In der 102-Seiten-Anklage wirft die Staatsanwaltschaft Potsdam Hilpert vor, die Landesinvestitionsbank Brandenburg (ILB) getäuscht zu haben und damit Fördergeld von etwa 9,2 Millionen Euro zu Unrecht erhalten zu haben.

Sollte sich der Hauptvorwurf bestätigen, wäre dies schwerer Betrug. Darauf droht Gefängnis bis zu zehn Jahren. Außerdem soll er als Geschäftsführer einer GmbH 35.000 Euro entnommen und etwa 15.000 Euro Umsatzsteuer hinterzogen haben. Sein ehemaliger Anwalt Robert Unger hatte all das im Sommer zurückgewiesen. Hilpert habe keine Straftaten begangen, sagte er. Seine drei jetzigen Anwälte Heide Sandkuhl, Enrico Klingbeil aus Potsdam sowie Stefan König aus Berlin halten sich bedeckt.

Axel Hilpert bleibt ein langer erster Prozesstag erspart. Kaum hat der Vorsitzende Richter Andreas Dielitz vor der 4. Großen Strafkammer die Hauptverhandlung eröffnet, wird sie schon unterbrochen. Zunächst für zwei Stunden. Dann nach nur wenigen Minuten für mehrere Wochen – bis zum 25. Januar.

Verteidiger Stefan König hat zu Beginn der Verhandlung die Besetzung des Gerichts gerügt. Er kritisiert, dass es am Potsdamer Landgericht zwei Kammern für Wirtschaftsstraftaten gibt. Das Gesetz lasse nur dann eine zweite Wirtschaftskammer zu, wenn die erste die Verfahren nicht bewältigen könne. Das sei laut der Statistiken aber nicht der Fall. Der Geschäftsverteilungsplan eröffne die Möglichkeit zur Manipulation. Für die Staatsanwaltschaft sei je nach Zeitpunkt der Anklage klar, welche Kammer den Fall zugewiesen bekommt.

Der Anwalt hat die Rüge eigenen Aussagen zufolge schon am Donnerstag, 21.57 Uhr, ans Gericht gefaxt. Doch offenbar landete das Papier mit der Aufschrift „Eilt!“ in einer Ablage. Erst am Morgen des Prozesstages wurde es dem Vorsitzenden Richter vorgelegt. Der will nun auf Nummer Sicher gehn. Zu groß ist die Gefahr, dass der Bundesgerichtshof das spätere Urteil kassiert. Dielitz will Gerichtspräsident Christian Gaude befragen, womöglich eine Stellungnahme des achtköpfigen Präsidiums einholen. „Eine derartige Rüge habe ich in 20 Jahren nicht gehabt“, sagt Dielitz.

So werden nicht einmal, wie geplant, die ersten Seiten der Anklageschrift verlesen. Axel Hilpert hätte an dem ersten Prozesstag ohnehin nichts gesagt. Gehört werden sollten aber die beiden Kriminalbeamten, die Hilpert nach der Verhaftung vernahmen. Weist das Gericht die Rüge ab, könnte der Prozess in gut zwei Wochen fortgesetzt werden. Dann will auch die Verteidigung eine Erklärung abgeben. „Wir haben gute Argumente“, sagt König. „Das Kernproblem ist die ILB.“ Die Bank war für die Genehmigung der Fördermittel beim Bau des Resorts zuständig.

Flucht- und Verdunkelungsgefahr

Ursprünglich war das Urteil für den 16. März vorgesehen. Verzögert sich der Prozess, bedeutet dies eine noch längere Untersuchungshaft. Alle Versuche Hilperts freizukommen, sind wegen Verdunkelungs- und Fluchtgefahr gescheitert. Die Anwälte könnten aber Gesundheitsprobleme ihres Mandanten ins Feld führen.

Als Axel Hilpert sich erhebt, lässt er sich seinen Gemütszustand nicht anmerken. Sein Gesicht ist blass und zugleich von einer leichten Röte überzogen. Axel Hilpert hatte vor Jahren einen Herzinfarkt und leidet an Diabetes. Er muss nun erst mal zurück in seine Acht-Quadratmeter-Einzelzelle.