Urteil

Neun Jahre Haft für Kidnapper von Kleinmachnow

Nach der Entführung eines vierjährigen Mädchens ist der Täter Carsten W. wegen erpresserischen Menschenraubes und schwerer räuberischer Erpressung zu neun Jahren Gefängnis verurteilt worden. Für das schnelle Geld nahm der Kidnapper das Leid einer Familie in Kauf und zerstörte zugleich die eigene endgültig.

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Das Motiv des Entführers blieb dem Gericht unverständlich. „Diese Situation hätten sie aufgrund Ihrer Intelligenz anders lösen müssen“, betonte Richter Andreas Dielitz. Neun Jahre muss der Entführer einer Vierjährigen aus Kleinmachnow (Potsdam-Mittelmark) ins Gefängnis. Mit diesem Urteil folgte das Landgericht Potsdam am Freitag dem Antrag des Staatsanwalts. Es hätte härter ausfallen können, betonte Dielitz. Der 45-Jährige habe ein junges, hilfloses Kind ausgewählt, weil von diesem wenig Gegenwehr zu erwarten war. „Sie haben der Familie großes Leid zugefügt.“

Dem Angeklagten scheint dies bewusst zu sein. Vor Gericht hatte er tiefe Reue gezeigt und die Eltern des Kindes um Entschuldigung gebeten. „Dafür gibt es keine Entschuldigung“, hielten ihm jedoch der Vater (52) und auch Staatsanwalt Jörg Möbius entgegen. Zu spät kam auch die Einsicht, was die Tat für seine eigenen drei Kinder im Alter von sechs, sieben und neun Jahren bedeutet. „Ich habe zwei Familien zum Opfer gemacht“, sagte der Berliner Unternehmer im Schlusswort.

Im Prozess hatte seine Ex-Frau (36) geschildert, die Kinder wüssten, was ihr Vater getan habe. Trotz Scheidung hatten die Eltern ein gutes Verhältnis zueinander. Seit der Tat ist der Kontakt gestört, er besteht nach Angaben von Verteidiger Karsten Beckmann nur noch schriftlich. Ob sein Mandant das Urteil akzeptiert, ist noch offen. „Wir müssen es erstmal sacken lassen“, so Beckmann. Er hatte sechseinhalb Jahren Haft gefordert.

Der Angeklagte hatte gestanden, das Mädchen am 10. Februar entführt und die Mutter mit einer Sichel bedroht zu haben. Erst nach Zahlung von 60 000 Euro Lösegeld und nach etwa 13 Stunden hatte er das Kind freigelassen. Das Gericht bewertete die Tat als erpresserischen Menschenraub und schwere räuberische Erpressung.

Entführung eines Kindes als einziger Ausweg

Als Motiv hatte der Unternehmer 36.000 Euro Schulden genannt. Tierfutterhandlung und Confiserie liefen nicht gut, der Gerichtsvollzieher hatte sich angekündigt. Einst erfolgreicher Golf-Manager und -Spieler in einem noblen Berliner Club war der Familienvater in den Monaten vor der Tat abgerutscht. Nach der Trennung von seiner Frau hatte er keinen eigenen Wohnsitz mehr; lebte erst bei einer Freundin, zuletzt in einer Gartenlaube.

Die Erpressung von Lösegeld erschien dem gelernten Juristen mit Einser-Abitur die einzige Möglichkeit, schnell an Geld zu kommen. Gezielt suchte er sich eine Familie in der Neubausiedlung der Gemeinde am südlichen Stadtrand von Berlin aus, weil diese allgemein als wohlhabend gilt: Schickes Haus, zwei Autos vor der Tür, sie Steuerberaterin, er Sportlehrer. „Das Erschreckende ist, dass die Entführung jeden anderen in Kleinmachnow hätte treffen können, der in ähnlichen Verhältnissen lebt“, meinte Richter Dielitz.

Das Gericht sah wenig Gründe für eine Strafmilderung. So sei der 45-Jährige voll schuldfähig und seine Tat zeuge von krimineller Energie. Das glimpfliche Ende der Entführung sei vor allem der Polizei und der Mutter zu verdanken, die vorbildlich mitgearbeitet habe. Die 42-Jährige hatte das Lösegeld bei ihrem Arbeitgeber organisiert und zum Übergabeort gebracht. Dem Geständnis des Mannes maß das Gericht angesichts der erdrückenden Indizien wenig Bedeutung bei. Schließlich sei der Täter unmittelbar nach der Freilassung des Mädchens in der Nähe des Tatorts mit dem Geld im Auto gefasst worden.

Zugunsten des Berliners werteten die Richter, dass dem Kind während der Entführung kein weiteres Leid zugefügt wurde. Die langfristigen Folgen seien aber nicht absehbar. „Was bleibt, ist ein vierjähriges Kind, das eine Last hat“, so Dielitz.