Wenn es in Deutschland sechs Uhr früh ist, ist es auf Kreta durch die Zeitverschiebung schon eine Stunde später. Dennoch, im Urlaub schon um diese Zeit aufzustehen, da muss man ja schön doof sein, werden einige von Ihnen denken. Aber ich mag die Ruhe am Morgen, die Stimmung, das Licht. Langsam werden die Nacht und die Morgendämmerung verdrängt, der Tag bricht an, die ersten Sonnenstrahlen wärmen bald. Der liebe Gott beschenkt mich wieder: Wenn Sie diese Zeilen lesen, werde ich wieder in der kleinen Pension in Pitsidia auf Kreta sein, wie seit über 30 Jahren.
Meine Tochter Lavinia war damals drei, ihre Mutter und ich waren 1992 schon längst getrennt. „Nimm du sie mal im Urlaub, damit ich auch mal Zeit für mich habe“, waren Violas Worte. Wir kümmerten uns in Berlin aber beide fürsorglich um unsere Tochter. Ein Abenteuer begann! Nicht, weil der Urlaub so abenteuerlich war. Der wurde dann einfach schön. Es war eine Herausforderung für mich, das erste Mal und allein mit Lavinia zu verreisen. Sie war ihrer Mutter seh nah, die Bindung war prima und tief.
Ich selbst spielte damals die zweite Geige. Wenn Lavinia mal fiel und sich das Knie verletzte, nie hätte sie da „Papa“ gerufen, es musste schon die Mutter sein. Eifersucht bei mir? Etwas, gestehe ich. Auch wenn ich als Vater wusste, so richtig würde meine Zeit erst später kommen.
Wir, die Katzen und ich, pflegen unsere Beziehungen
Zeit zum Nachdenken: Erinnern ist schön. Auch dafür ist Platz um Urlaub. Gerade um kurz nach sieben Uhr bei der ersten Tasse Kaffee. Die Katzen auf dem Hof sind dann übrigens bereits versorgt, auch die aus der Nachbarschaft gesellen sich dazu. Dann sind es schon mal locker 15 liebreizende Wesen. Wir, die Katzen und ich, pflegen unsere Beziehungen. Sie warten vor meiner Zimmertür und jeden Morgen muss ich aufpassen, nicht über sie zu stolpern. Ich habe in Berlin übrigens regelmäßig von ihnen geträumt.
Zu Georgia, meiner Vermieterin: Ich habe schon öfter von ihr geschrieben, einige von Ihnen haben nach ihr gefragt: Sie lebt! Das ist die gute Nachricht! Wie alt sie ist, da gehen die Zahlen auseinander, auch ihre eigenen Angaben. Georgia ist seit Jahren leider dement. Das nimmt leider zu. Richtig laufen kann sie nicht mehr, zweimal am Tag kommt eine freundliche Bulgarin, um sie zu waschen, pflegen, ihr das Essen zu machen.
Fachkräftemangel gibt es auch in Griechenland, zumindest stark auf Kreta. Landflucht gibt es auch, viele Junge haben keine Lust mehr auf die Insel. Athen lockt oder Thessaloniki oder gar das Ausland. Und so wurde Georgia bereits von einer Frau aus Polen gepflegt, eine andere war wohl Albanerin. Wir können uns übrigens noch unterhalten, Erinnerungen austauschen, soweit das unsere Sprachkenntnisse zulassen und auch Georgias Tagesform. Oft aber ist sie in sich gefangen.
„Alleinreisende Frauen und homosexuelle Männer frequentieren oft Pitsidia“
Lavinia und ich saßen 1992 also im Flieger, Kreta kannte ich leidlich. 1985 war ich mit meinem Freund mal Karl-Joseph in einem Ort namens Matala gewesen. Ich war aufgeregt und etwas ängstlich, freute mich aber auch sehr auf die gemeinsame Zeit mit meiner Tochter. Flieger, Gepäck, das ganze Buddelzeug dabei und ein kleines Kind unterm Arm, das waren auch Herausforderungen.
Allein verreise ich eher mit schmalem Gepäck. Einen richtigen Plan hatte ich nicht. „Alleinreisende Frauen und homosexuelle Männer frequentieren oft Pitsidia“, das stand damals wirklich in meinem Reiseführer. Pitsidia liegt nur zwei Kilometer von Matala entfernt. Eine zumindest etwas vertraute Gegend also. Das mit den alleinreisenden Müttern fand ich interessant, etwas Angst hatte ich nämlich vor lauter Familien. Die sich eher abschotten, war zumindest meine Befürchtung.
Um es kurz zu machen: Es wurde damals ein besonderer Urlaub. Und so wird, hoffe ich, die vor mir liegende Zeit. Sie werden noch davon hören – ich mache jetzt erstmal weiter Ferien. Machen Sie es sich bis kommende Woche auch gemütlich!


