Sonderlich gemütlich war die kleine Raucherecke nicht. Raucherecken sind das ja im Regelfall nie, schon gar nicht aber in Krankenhäusern. Es war abends um halb elf, wir waren im Rudolf-Virchow-Krankenhaus im Wedding, es war der Heilige Abend im Jahr 1994. Ich erinnere genau an den Beistelltisch in der Nische des Treppenhauses: Darauf lagen ein paar Mandarinen, etwas Lametta und eine rote Kerze.

Unsere Kinder lagen in ihren Betten, sie schliefen. Krebs, so lautete ihre Diagnose. Tage, Wochen, Monate – die Krankheitsgeschichten dauerten unterschiedlich lang. Wer aber in diesen Tagen irgendwie nach Hause konnte, den hatte man über die Feiertage entlassen. Denn Weihnachten im Krankenhaus, das war ein Albtraum. Die Umkehrung lautete: Wer hier war, dem ging es echt mies.

Wir vier Eltern (genauer: Elternteile) saßen beieinander und irgendjemand zauberte eine Flasche Rotkäppchen aus der Tasche. Wir rückten zusammen, nahmen uns kurz in den Arm. „Gesegnete Weihnachten“, vermutlich hatte da nicht nur ich einen Kloß im Hals. Die drei Krankenschwestern, die kurz Zeit fanden, um sich zu uns zu gesellen, blieben professionell und tranken Orangensaft. Aber immerhin fünf Minuten saßen wir in dieser Schicksalsgemeinschaft alle in einem Boot.

Ich mochte den Gedanken gar nicht zu Ende denken

Trösten, zuhören, streicheln, vorlesen, Mut machen, organisieren, beten, koordinieren, im Arm halten – den ganzen Tag hatten wir Eltern mit unseren Kindern zu tun! Sehr gerne! Wir hätten wohl alles und mehr gegeben.

Diese wenigen Minuten nun hatten aber fast etwas von einer Auszeit. Dann gingen wir wieder zu unseren Kindern in die Zimmer. Neben deren Betten standen unsere Beistelliegen. „Rooming In“.

Jesus wird geboren. Und bringt Hoffnung in die Welt. Ach, Leute – das war damals gar nicht so leicht mit der Hoffnung im Krankenhaus. Jeder Schritt wurde an diesem Ort statistisch erfasst, protokolliert, in Zahlen gefasst. Weil das so war, wussten wir auch, dass die Überlebenschance unserer Tochter Lavinia bei dieser Form von Leukämie bei zwei Prozent lagen. Eine Überlebenswahrscheinlichkeit von zwei Prozent standen diesen anderen 98 Prozent gegenüber. Ich mochte den Gedanken gar nicht zu Ende denken.

Und dann ging es mit Vollgas zurück ins Krankenhaus

Wir durften nachmittags mit unserer Tochter zum Gottesdienst nach Schöneberg. Das war durchaus heikel, sie hatte doch keinerlei Immunsystem. Das Krippenspiel verfolgten wir von der Empore der Kirche. Die hatten wir für uns, gut so, waren allein. Etwas Normalität tat allen gut. Und dann ging es mit Vollgas zurück ins Krankenhaus, das Fieber war stark gestiegen.

Svenja war zwei Wochen zuvor gestorben, Thorben und Nils auch, Joschka hatte einen Rückfall erlitten. Die Mädchen sind zäher, sie überleben eher, das war meine private Statistik, die Auswertung. Das war meine Hoffnung.
Jesus und ich hatten über Jahre Sendepause gehabt. Unsere Beziehung war recht angeschlagen, wie ein älteres Ehepaar saßen wir oft beieinander und schwiegen uns an. Die Zeit im Krankenhaus damals war aber die Zeit in der wir anfingen, wieder miteinander zu reden.

„Eine faire Chance“

Zwei Prozent Überlebenschance, die Zahl ging mir nicht aus dem Kopf. Wie er sie denn bewerte, hatte ich vormittags den Stationsarzt Herrn Dr. Fengler gefragt. „Eine faire Chance“, war seine knappe Antwort. Eine faire Chance, das klang Wochen nach. Wieder im Zimmer, deckte ich meine Tochter zu, freute mich, wir waren einen weiteren Tag am Leben.

Lavinia ist nun 34 Jahre jung und feiert übermorgen mit ihren Töchtern Weihnachten. Mila und Luna sind jetzt acht und sechs. Wie jedes Weihnachtsfest werde ich eine Flasche Rotkäppchen öffnen: Zwei Prozent Hoffnung, Vertrauen und viel Dankbarkeit. Das Leben ist schön.