Ich bin 1957 in Altenholz bei Kiel geboren, einem kleinen Dorf mit vielleicht 400 Einwohnern. Es gab Bauernhöfe, den Schmied, eine Schlachterei, den kleinen Lebensmittelladen und eine Traktorenwerkstatt. Und es gab die Flüchtlinge. Meine Eltern gehörten dazu, ihre Wiegen hatten einst in Ostpreußen und Posen gestanden. Krieg, Flucht und Vertreibung hatten sie hier stranden lassen.
Außerdem gab es die Knechte. Mägde sah man damals, zumindest in meiner Erinnerung, kaum. Die Knechte arbeiteten, wohnten auf den Höfen, aßen mit den Bauern. Sie bekamen wenig Geld, dafür Kost und Logis, manchmal auch eine Altersversorgung, selten mehr als ein Taschengeld. Manche waren einfache Leute, arbeiteten hart, manche tranken viel. Ihr Leben war karg: wenig Geld, wenig Freiheit, große Abhängigkeit. Aber sie hatten einen Platz im Leben. Sie wussten morgens, wohin sie gehörten. Sie hatten eine Aufgabe, ein Bett, einen Platz am Tisch. Wenn einer nicht zur Arbeit erschien, fiel es auf.
An diese Männer denke ich heute oft. Mehr als 30 Jahre arbeitete ich in Berlin in der Obdachlosenhilfe: Ich leitete die Bahnhofsmission am Zoo und arbeitete 13 Jahre in einem Wohnprojekt am Chamissoplatz in Kreuzberg. Meine Kollegin und ich vermittelten Wohnungen, Therapie- und manchmal Arbeitsplätze. Wir wollten Menschen eine faire Chance auf den Weg zurück geben. Doch nicht immer gelang es.
Einsamkeit in der neuen Wohnung zwingt Jenny zurück an den Zoo
Jenny, eine frühere Klientin vom Bahnhof Zoo, bekam von uns eine Wohnung in Wedding. 14 Tage später stand sie wieder vor uns und gab die Schlüssel zurück. „Ich halte die Einsamkeit in der Parterrewohnung nicht aus“, sagte sie. „Komme lieber zurück an den Zoo, hier ist mein Platz im Leben.“ Wir hatten ihr eine Wohnung verschafft, aber nicht, was sie brauchte: Zugehörigkeit und vertraute Gesichter.
Auch Felix fällt mir ein. Anderthalb Jahre hatte ich mit ihm am Chamissoplatz gearbeitet. Wir kamen nicht aus den Pötten, unsere Wege trennten sich, Felix zog aus. Jahre später traf ich ihn in der Wilmersdorfer Straße wieder. Er arbeitete dort bei einem kleinen Jahrmarktsbetrieb und versorgte die Pferde.
„Ich arbeite und wohne hier, bekomme sogar Mittagessen und abends sehe ich mit den Besitzern fern.“ Dann lächelte er versöhnlich: „Das hast du mir als Sozialarbeiter nicht geboten.“ Ich musste ihm recht geben. Felix hatte Arbeit, ein Dach, Mahlzeiten und Menschen für den Abend; kein Hilfekonzept, aber einen funktionierenden Alltag. Einen Grund, morgens aufzustehen.
Vielleicht ist genau das der Punkt. Wir sprechen viel über Wohnungsnot, Therapie und die Rückkehr in den Arbeitsmarkt. Alles wichtig. Aber was nützt eine Wohnung, wenn hinter der Tür die Einsamkeit wartet? Was soll jemanden morgens um 6 aus dem Bett holen, wenn niemand auf ihn wartet und der Tag nichts verspricht außer dem Zeiger auf der Uhr. Viele einfache Tätigkeiten sind verschwunden; andere verlangen Kenntnisse und Selbstständigkeit, die nicht jeder mitbringt. Beziehungen sind unverbindlicher geworden. Wer allein lebt, kann unsichtbar bleiben.
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Vielleicht verkläre ich meine Kindheit. Die Knechte waren keine glücklichen Menschen, nur weil sie einen Platz auf dem Hof hatten. Aber Arbeit, Wohnen und Alltag gehörten zusammen. Man wurde gebraucht, man gehörte dazu. Heute heißen diese Beschäftigten anders, und das ist gut so. Niemand soll für Bett und Mahlzeit abhängig sein müssen. Doch Menschen leben nicht allein von Selbstständigkeit, sondern auch von Verbindlichkeit und Gemeinschaft.
Schaffen wir Orte, an denen Menschen nicht nur wohnen, sondern dazugehören, gebraucht werden und den Alltag teilen? Nicht jeder kann allein wohnen. Mancher braucht eine Aufgabe, ein gemeinsames Essen und jemanden, der abends fragt, wie es war.
Jenny gab uns die Wohnungsschlüssel zurück. Felix fand seinen Platz bei den Pferden eines kleinen Jahrmarktsbetriebs. Beide haben mir gezeigt: Ein Dach über dem Kopf ist unverzichtbar. Aber es beantwortet nicht, wofür es sich lohnt, morgens aufzustehen. Vielleicht beginnt ein Platz im Leben dort, wo jemand auf uns wartet.
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