Es ist ein verregneter Nachmittag mitten in der Woche. Die letzten Markthändler bauen ihre Stände auf dem Hermann-Ehlers-Platz in Steglitz ab. Jasmin steht hinter dem Süßkartoffel-Imbiss und telefoniert gerade. Auf die Frage, ob sie Tanja kennt und wo sie ist, reagiert sie sofort überaus freundlich. Klar kenne sie Tanja. „Sie ist meine Freundin“, sagt die junge Frau. Sie läuft sofort los in Richtung Bushaltestelle und zeigt auf das Wartehäuschen. „Dort sitzt sie.“
Dreimal in der Woche gibt es ein Mittagessen bei der „Aktion Warmes Essen“
Tanja Kiehne-Weber hat sich dort mit einigen aus ihrer Gruppe untergestellt, um Schutz vor Kälte und Nässe zu finden. Die 47-Jährige war kürzlich auf der Festveranstaltung zur Feier von „33 Jahre Warmes Essen“ im Gemeindehaus der Paulus-Gemeinde in Zehlendorf. Sie ist „Hartz-IV-Empfängerin“, wie sie immer noch sagt, bedürftig genug, um dreimal in der Woche eine kostenlose Mahlzeit auf dem Kirchengelände zu bekommen. Seit Jahren kennt sie Schwester Heike, die sich mit der milaa gGmbH vom evangelischen Diakonieverein um die Betreuung der Gäste kümmert. Deshalb war sie auch zu der Jubiläumsfeier ins Gemeindehaus gekommen.

Zunächst hörte sie sich die Debatte auf dem Podium ruhig an. Es ging um fehlende Duschen und fehlende Toiletten für die Ärmsten und Obdachlosen. Und natürlich um fehlendes Geld. Als die Bezirksbürgermeisterin Maren Schellenberg (Grüne) davon sprach, dass man Aufenthalte in Räumen finden müsste, die kein Geld kosten, denn es dürfe nicht sein, dass Kinder Angst bekommen an der Schloßstraße, weil so viele Drogen konsumiert werden, sprang Tanja Kiehne-Weber wütend auf.

Junge Menschen haben Jugendfreizeitheime, ältere Leute Seniorenfreizeitstätten, an die „Sandwich-Generation“ zwischen 30 und 50 hat keiner gedacht.
Tanja Kiehne-Weber
Sie machte sich zum Anwalt der Menschen vom Hermann-Ehlers-Platz, die sich jeden Tag treffen, bei jedem Wetter. Sie wollen dort nicht rumhängen und angepöbelt werden, sagt sie. „Gebt uns einen Ort, wo wir uns treffen können“, forderte sie. Junge Menschen hätten Jugendfreizeitheime, ältere Leute Seniorenfreizeitstätten. An die „Sandwich-Generation“ zwischen 30 und 50 habe keiner gedacht. Das Thema „Hermann-Ehlers-Platz“ hat in der Veranstaltung zwar die Gemüter erhitzt. Aber außer dem Spruch vom Podium, man müsse einen Konsens und öffentliche Räume für alle finden, kam nichts.

Wie sieht es nun wirklich auf dem Platz aus, den viele nur an Markttagen nutzen oder, um von der S-Bahn und U-Bahn in Busse umzusteigen? „Wir sind zwischen 20 und 25 Leute, die meisten arbeitslos, einige wohnen in Obdachlosenheimen“, erzählt Tanja im Wartehäuschen. Etwa sechs Frauen gehörten dazu. Ja, sie fühlten sich ausgegrenzt, würden als Assis und Penner beschimpft werden. Dabei gehe es ihnen nur um eins: der Einsamkeit entfliehen, in Gesellschaft sein, Hilfe und Austausch finden. Jeden Tag würden sie sich an ihrem Stammplatz gegenüber von Edeka neben dem Trinkbrunnen treffen, vom späten Nachmittag bis in die Nacht.
Sie waren Landschaftsgärtner, Bauarbeiter, Kellnerin
Und ja, es wird Alkohol getrunken, mal ein Joint geraucht. „Aber wir sind keine Junkies, nehmen keine Spritzen.“ Langsam füllt sich das Wartehäuschen, Passanten, die auf den Bus warten, schauen schon genervt. Oli kommt heran und verteilt Zigaretten. Er sei ein ganz Lieber, sagt Tanja. Oli ist 42 Jahre, Lackierer, Tapezierer, arbeitslos, wohnungslos. Er lebt in einem Übergangshaus. Er komme gern her, weil es ihm allein zu langweilig sei, sagt Oli.
Sie alle haben mal gearbeitet: als Landschaftsgärtner, Bauarbeiter, Kellnerin, Pflege- und Sozialhelferin. Doch ohne Job und ohne Wohnung fühlten sie sich ausgegrenzt, sagt Tanja, die selbst einen Zwei-Euro-Job als Mobilitätshelferin bei der Diakonie hat. Sie seien alles „arme Seelen“, die sich gegenseitig Halt, Rat und Unterstützung geben, weil sie weder Familie noch Freunde haben. „Eigentlich sind wir die Selbsthilfegruppe vom Hermann-Ehlers-Platz“, sagt sie.
Der Traum von einem Raum mit Kicker, Dart und Billardtisch für Erwachsene
Letztens war sie im Mehrgenerationenhaus Phönix in Zehlendorf, das ausgestattet ist mit Kicker, Dart und Billardtisch. „Das würden wir auch gern spielen, warum haben wir nicht solche Räume?“ Gern in Steglitz, das wäre schön. Bier würden sie schon gern trinken wollen, „in der Kneipe trinken ja auch alle Bier“, aber sie würden alles wieder sauber und ordentlich hinterlassen, verspricht sie.
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Das Problem könnte sich zuspitzen, denn der Platz soll saniert und umgebaut werden. Wohin dann? Sozialstadtrat Tim Richter (CDU) sagt, er könne den Wunsch nach Gesellschaft und einem warmen Ort nachvollziehen. „Wir alle brauchen Begegnung und Zugehörigkeit – unabhängig davon, ob wir eine Wohnung oder Arbeit haben und mit einer Suchterkrankung leben“, so der Stadtrat. Er verweist zunächst auf schon bestehende Anlaufstellen und mobile Angebote im Bezirk, wie den Obdachbus oder die Wohnungsnotfallhilfe.
Doch Richter sieht es realistisch: „Diese Hilfen ersetzen aber keinen gemeinsamen Treffpunkt.“ Deswegen habe er prüfen lassen, ob das Amt einen Begegnungsort in Steglitz direkt anbieten könnte. Das Ergebnis ist ernüchternd. „Leider ist dies aus den Bezirksmitteln heraus nicht möglich“, so Richter. Zudem gebe es weder Räume noch eine verlässliche Trägerstruktur.
Es fängt wieder stärker an zu regnen, alle stellen sich unter die Bäume. Jasmin hilft mit, den Süßkartoffel-Stand abzubauen. Sie würden viel Unterstützung von den Marktleuten erfahren, erzählen Jasmin und Tanja. Mal bekommen sie die übrig gebliebenen Brötchen, mal sogar Smoothies. Der Winter naht, die Gruppe weiß, was das heißt. Auch wenn der Suppenbus wieder unterwegs ist. Sie hätten es gern warm und sie hätten gern ein Dach über dem Kopf.



