Wir waren Landeier. Es war um 1970 und bedeutete, dass wir ziemlich genau wussten, was wir nach den Hausaufgaben zu tun hatten: verschwinden. Im Sommer: Ferien, keine Schule, viel Zeit und eine Gegend, die uns gehörte. Jedenfalls glaubten wir das. Wälder, Koppeln, Teiche, Knicks und Bauernhöfe waren unser Abenteuerspielplatz.

Zwischen Klausdorf und Dänischenhagen (Schleswig-Holstein) stand mitten in einem riesigen Feld eine Scheune. Darin lagerten Strohballen. Für einen Landwirt waren sie Futter oder Einstreu, für uns zehn Kinder und Jugendliche etwas ganz anderes. Wir bauten Höhlen, kletterten bis unters Dach, bewarfen uns mit Stroh, träumten und verliebten uns. Einige knutschten. Ich auch. Meine Freundin hieß, glaube ich, Susanne. Die Halbwertzeit solcher Beziehungen war überschaubar.

Immerhin waren wir nicht völlig bescheuert. Niemand rauchte, niemand spielte mit Feuer. Aber wir zerstörten Strohballen. Etliche. Wir zogen sie auseinander und dachten nicht daran, dass jemand das Stroh gepresst hatte und wieder abtransportieren musste. Unser Spielmaterial war für andere Arbeit und Geld.

Landarbeiter entdeckten mein Versteck

Eines Tages war Schluss. Wir bemerkten die Männer erst, als es zu spät war. Mehr als zehn Landarbeiter und der Verwalter des Gutes hatten die Feldscheune umstellt. Wir versteckten uns im Stroh, hinter Ballen, in irgendwelchen Winkeln. Ich wählte ein besonders raffiniertes Versteck: einen leeren Wasserwagen. Und natürlich fanden sie mich.

Einige Arbeiter hatten Humor; jedenfalls hielten sie das vermutlich dafür. Sie schlugen mit Knüppeln gegen den Wagen. Peng, peng! Wer in einem großen Metallbehälter sitzt, während von außen darauf eingeschlagen wird, weiß, wie das dröhnt. Dann kuppelten sie den Wagen an einen Trecker und fuhren über den Acker. Ich flog in dem Tank herum, konnte mich nirgendwo festhalten und fand das bald überhaupt nicht mehr lustig.

Wir wurden ungefähr anderthalb Stunden festgehalten. Ich war wütend und traurig. Wir hatten Mist gebaut. Aber ich empfand auch, dass Erwachsene ihre Macht gegen Kinder ausspielten. Mir fehlten nur die Worte dafür.

Vater übernimmt Verantwortung und bietet Schadenersatz an

Abends erzählte ich meinem Vater davon. Mein Vater, Jahrgang 1921, hatte in Posen vier Jahre die Volksschule besucht. Dann musste er als ältester Sohn auf dem kleinen Bauernhof mitarbeiten. Später wurde er Rohrschlosser und arbeitete viel, damit es uns gut ging. Ein stiller Mann. Kein Lautsprecher. Er hörte sich meine Geschichte an. Und er war keineswegs auf meiner Seite. Jedenfalls zunächst. Er erklärte mir ernst, was wir angerichtet hatten: Die Ballen waren nicht für unsere Höhlen gepresst worden. Wir hatten fremdes Eigentum beschädigt.

Später rief der Verwalter an. Mein Vater blieb freundlich. Er entschuldigte sich für meinen Blödsinn, sagte, er habe sich mich bereits vorgenommen, und bot an, den Schaden zu bezahlen. Ich war erstaunt, wie ruhig dieses Gespräch verlief.

Fast war es vorbei. Da sagte mein Vater noch etwas. Niemand Fremdes, erklärte er dem Verwalter, bestrafe seinen Sohn. Er sprach von Freiheitsberaubung. Von Nötigung. Sogar von Körperverletzung. Wörter, die ich von meinem Vater kaum kannte. Ebenso ruhig wie zuvor sagte er, er werde einen Rechtsanwalt einschalten.

Das Wort „Loyalität“ kannte ich mit 13 vermutlich, seine Bedeutung verstand ich noch nicht

Was aus der Sache wurde, weiß ich nicht mehr. Aber ich weiß noch, was damals mit mir geschah. Mein Vater hatte mir nicht eingeredet, ich hätte nichts falsch gemacht. Im Gegenteil. Er war bereit, für den Schaden einzustehen, den ich angerichtet hatte. Aber er war nicht bereit, mich deshalb anderen auszuliefern. Das Wort „Loyalität“ kannte ich mit 13 vermutlich, seine Bedeutung verstand ich noch nicht. Ich wusste nur: Da war einer, der sagte mir, wenn ich Mist gebaut hatte. Und derselbe Mann stellte sich vor mich.

Heute bin ich 69. Mein Vater ist lange tot. An die Feldscheune erinnere ich mich, an den dröhnenden Wasserwagen, Stroh und Staub und wohl auch ein wenig an Susanne. Vor allem aber erinnere ich mich an einen stillen Rohrschlosser mit vier Jahren Volksschule. Damals war ich stolz auf ihn. Heute weiß ich auch, warum.

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