Warum Loyalität so wichtig ist

Die Frage, ob er jemanden einstellt oder nicht, entscheidet Nicolai Kranz nach einer Art Formel, der mehr als zehn Jahre Berufserfahrung in Personalabteilungen zugrunde liegen.

Die Frage, ob er jemanden einstellt oder nicht, entscheidet Nicolai Kranz nach einer Art Formel, der mehr als zehn Jahre Berufserfahrung in Personalabteilungen zugrunde liegen. "Im oberen Management zählt zu 20 Prozent die fachliche Qualifikation, die man ja ohnehin voraussetzt", sagt der Leiter Personal und Recht der Uniklinik Köln. "Zu 40 Prozent gibt den Ausschlag, ob die Chemie zwischen dem Bewerber und mir stimmt, zu weiteren 40 Prozent, ob ich ihn gegenüber seinen Vorgesetzten, dem Vorstand und auch mir gegenüber für loyal halte."

Loyalität ist der Kitt, der Unternehmen zusammenhält. Sie kann Teams zusammenschweißen und Vorgesetzten den Rücken stärken. Es ist eine Art ungeschriebener Vertrag zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. "Im Führungsalltag ist es für uns alle hier oberstes Gebot, dass man sich seinem Chef gegenüber loyal verhält. Das gleiche erwarte ich auch von den Führungskräften, die mir untergeordnet sind", sagt Kranz.

Nur wenige stehen hinter ihrem Chef

Doch insbesondere mit der Loyalität gegenüber dem direkten Vorgesetzten scheint sich der Durchschnittsarbeitnehmer aktuell schwer zu tun. Auf die Frage "Wem gegenüber sind Sie bei der Arbeit am loyalsten?" antworteten bei einer Umfrage des Internet-Stellenportals monster.de nur zehn Prozent mit "meinem Chef". Ungefähr 19 Prozent fühlten sich "meinem Unternehmen" verpflichtet und 32 Prozent "meinem Team". Die höchste Prozentzahl erreichte mit 33 Prozent die Antwort: "Mir selbst".

Die Umfrage macht deutlich, dass sich am Arbeitsplatz jeder selbst der Nächste ist. Loyal gegenüber seiner Firma zu sein, bedeutet, dass man sich und aufrichtig und fair gegenüber seinen Vorgesetzten und Kollegen verhält - und eigene Ziele nur verfolgt, wenn sie den Zielen des Unternehmens nicht widersprechen. In letzter Konsequenz bedeutet das, dass jeder, der während der Arbeitszeit im Internet Reisen bucht oder nach einer neuen Wohnung sucht, bereits ein klein wenig illoyal ist.

"Jedes Unternehmen hat seine spezifische Kultur und seine eigenen spezifischen Regeln, Werte und Normen. Mitarbeiter, die diese vereinbarten Regeln und Werte einhalten, verhalten sich loyal", sagt Gerold Frick, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Personalführung. "Wenn ein Unternehmen beispielsweise kommuniziert hat, dass Mitarbeiter in einem angemessenen Rahmen privat telefonieren dürfen, dann ist solch ein Verhalten erlaubt und angemessen."

Wird man tatsächlich zum unehrenhaften Mitarbeiter, wenn man eine Rolle Tesa-Film mitgehen lässt, Privatkorrespondenzen am Arbeitsplatz erledigt und den Chef gegenüber Dritten, einen Deppen nennt? "Illoyales Verhalten ist keine Sache des materiellen Wertes. Es ist egal, ob sich jemand einen Computer für 1000 Euro in die Tasche schiebt oder einen Stapel Druckerpapier für 1,99 Euro mitgehen lässt", findet Frick.

Das Problem sei, dass viele Firmen nicht klar kommunizieren, welche Regeln für den Betriebsalltag gelten. "Unternehmen tun gut daran, Werte und Grundsätze klar zu definieren und transparent zu machen, so dass sie für die tägliche Handlungspraxis herangezogen werden können. Der Interpretationsspielraum sollte dabei für alle Akteure so klein wie möglich sein."

Einen Brief auf Firmenkosten abzusenden, ist nach Ansicht des Psychologen Jens Hoffmann von der Arbeitsstelle für Forensische Psychologie der Uni Darmstadt dagegen noch eine verzeihliche Sünde - und kein Zeichen für grundsätzliche Unehrlichkeit. Der Leiter der Forschungsgruppe "Team Psychologie & Sicherheit" war maßgeblich beteiligt an der Entwicklung eines Persönlichkeitstests, mit dem sich die Integrität von Mitarbeitern untersuchen lässt. "Integrität ist ein messbarer Persönlichkeitsfaktor", so Hoffmann. "Wenn jemand zu narzisstischem Verhalten neigt und Sonderrechte für sich einfordert, dann ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass der Mensch sich in bestimmten Situationen illoyal verhält."

Psychologischer Test

Nach Angaben Hoffmanns wird der Test bereits von 200 deutschen Unternehmen eingesetzt. "Unsere Untersuchungen zeigen, dass sämtliche Faktoren, die die Bereiche Ehrlichkeit und Integrität betreffen, sehr eng zusammenhängen. Mitarbeiter, die wenig Arbeitsbereitschaft zeigen, gucken auch, wie sie sich ansonsten durchs Leben schummeln können. Solche Personen neigen eher dazu, sich aggressiv gegenüber ihren Kollegen zu verhalten und sind eher bereit, andere in schwierige Situationen reinzureiten."

Die Versicherungsbranche redet von einem "Vertrauensschaden", wenn am Arbeitsplatz Dinge verschwinden und Geld von Firmenkonten unterschlagen wird. Die Spannbreite zwischen nicht ganz korrektem Verhalten bis hin zur Kriminalität ist gewaltig und scheint vor keiner Position halt zu machen. Auf drei Milliarden jährlich schätzt die Kripo die Sachschäden, die Unternehmen durch die Betrügereien ihrer eigenen Mitarbeiter entstehen.

Die Hermes Kreditversicherungs-AG untersuchte 9000 der von ihnen versicherten Vertrauensschäden. "Die höchste Dichte von Veruntreuungen liegt in den ersten zwei Jahren der Betriebszugehörigkeit, während sie ab 20jähriger Beschäftigung im gleichen Unternehmen minimal ist. Je länger die Betriebszugehörigkeit, desto seltener die Veruntreuung", so der Bericht.

Auch Firma muss loyal sein

"Es gibt auch situative Faktoren", sagt Jens Hoffmann "Firmen können von ihren Mitarbeitern nur dann Loyalität erwarten, wenn sie sich ihnen gegenüber auch loyal verhalten." Fusionen, verschlankte Abteilungen und befristete Arbeitsverträge tun ihr Übriges, um Angestellte zu verunsichern. Wer erfahren hat, dass langjährige Kollegen plötzlich wegrationalisiert werden, dem fällt es verständlicherweise schwer, voll hinter der Firma zu stehen. Auch deshalb ist die lebenslange Treue zu einer Firma vielerorts reine Illusion.