Nicht wenige Politiker sagen, dass Wahlplakate vorrangig eine Botschaft verbreiten sollen, egal was draufsteht: Es finden Wahlen statt. Wenn alle Laternen mit Plakaten behängt sind, weiß man: Bald ist die Wahl in der Stadt. Oder der Zirkus. Oder auch der Wahlzirkus.
Dabei kann digitale Wahlwerbung Zielgruppen viel genauer erreichen. „Mehr Parkplätze für Autofahrer“ für Leute, die im Auto unterwegs sind. „Weniger Autos“ für Radfahrer. Und beides gleichzeitig für Menschen, deren politische Überzeugung der Algorithmus noch nicht zweifelsfrei erkannt hat.
Berlin-Wahl 2026: Volt startet Wahlkampf mit unkonventionellen Kreideaktionen
Vor Ort hat man hingegen die größere Zielgruppe, muss aber mehr Aufmerksamkeit erregen. Die Partei Volt eröffnete den Wahlkampf schon vor dem regulären Wahlkampf mit dem Schriftzug „unf*ck Berlin“, der plötzlich auf Gehwegen auftauchte. Die Kreide war wasserlöslich und verschwand mit dem Regen, erklärte die Partei auf Nachfrage.

Doch Berlin und Deutschland sind vom durchdigitalisierten Leben weiter entfernt als Rudow von Rathaus Spandau. Auch gewählt wird weiterhin analog. Mit Stift, Wahlzettel und echten Menschen, die am Ende zählen. Angesichts erfolgreicher Hackerangriffe auf die Berliner Verwaltung ist das vielleicht auch beruhigend, weil man sechs Papierakte nicht so leicht absaugen kann wie 5,8 Gigabyte Daten oder die Stimmen von 2,5 Millionen Wahlberechtigten.
CDU-Kandidat Förster hinterlässt politische Botschaft am Türknauf
Und analog ist manchmal eindrucksvoller. Meine Kollegin H. entdeckte nach Feierabend einen Zettel an ihrer Wohnungstür. Er hing an ihrem Türknauf wie das „Bitte nicht stören“-Schild eines Hotels. Nur hatte jemand genau das Gegenteil beabsichtigt. Wohlerzogen stellte sich der Störenfried auf dem Schild vor: „Mein Name ist Christopher Förster von der CDU. Ich bin 40 Jahre alt, Neuköllner (…). Ich habe bei Ihnen geklingelt. Leider konnten wir uns heute nicht persönlich kennenlernen.“ Eine Nachricht ganz im Stil von „Ich kaufe Ihr Auto – Barzahlung sofort“. Aber die Nachricht war kein finanzielles Angebot, sondern ein politisches Programm: „Bessere Bildung mit mehr Deutsch, Lesen, Schreiben und Rechnen statt Gendern.“

Die Deutschlehrerin des kleinen Christopher hätte ziemlich sicher den Korrekturstift gezückt. Denn diese Konstruktion suggeriert, dass Bildung und gendergerechte Sprache unvereinbare Gegensätze wären. „Mehr Deutsch“ lässt zudem offen, ob mehr Unterricht, bessere Sprachkenntnisse oder weniger andere Sprachen gewünscht sind. Und während Deutsch ein Fach oder eine Sprache bezeichnet, sind Lesen, Schreiben und Rechnen Fähigkeiten. Aber gut: Ein Slogan ist kein Aufsatz. Er musste in diesem Fall auf einen Türanhänger passen. Außerdem fordert Förster mehr Sicherheit „mit starker Polizei“ und mehr Sauberkeit „mit einer starken BSR“. Fehlt nur stärkerer Datenschutz.
Hausbesuche im Wahlkampf: SPD kündigt Klingelaktion online an
Wahlkampf an der Tür erfordert Fingerspitzengefühl. Gerade in Zeiten, da eine Generation schon schreckhaft auf unangemeldete Anrufe reagiert. Und dann erst die Türklingel! Die SPD kündigte deshalb auch ihre Hausbesuche vorsichtshalber auf Social Media an mit „Wir klingeln“. Nicht, dass jemand die Stimmensammler für Spendensammler oder Enkeltrickbetrüger hält.
Ist diese Form des Wahlkampfes noch zeitgemäß? Wahrscheinlich ist sie es gerade in Zeiten der zunehmenden Digitalität. In einer Welt personalisierter Digital-Dauererregung macht ein echter Mensch vor der Tür mehr Eindruck als jede Push-Nachricht auf dem Schirm.
Analog-Abstimmung macht den Wahl-O-Mat in Friedrichshain erlebbar
Analog wirkt heute oft auch exotisch-anziehender als digital. Das zeigt sogar der Wahl-O-Mat, eigentlich das digitale Wahl-Orientierungs-Werkzeug schlechthin. In der Landeszentrale für politische Bildung in Friedrichshain gibt es ihn gewissermaßen als Klebeaufgabe: 38 Fragen, Klebepunkte und die Fragen auf Stellwänden. Auf der Lkw-Plane stimmt man mit Aufklebern für alle sichtbar ab. Danach lässt man den restlichen Klebezettel automatisch einlesen und bekommt das Ergebnis.

Bei einem Besuch in der vergangenen Woche in der Friedrichshainer Niederlassung der Landeszentrale für politische Bildung konnte man eine hundertprozentige Einigkeit gegen die Abschaffung des Mietendeckels erkennen: Das sollte auch im Sinne der Politik sein. Damit sie auch morgen noch irgendwo kraftvoll klingeln kann.



