In meiner ersten Zeit als Neu-Berlinerin stieß ich fast täglich auf Rätsel. Warum gab es in Berlin eine U- und eine S-Bahn? Warum fuhr mit der S-Bahn kein Mensch? Und wieso wurden die Hausnummern teilweise nach geraden und ungeraden Zahlen gezählt, andere fortlaufend? Einen meiner ersten Freunde brachte ich komplett aus der Fassung, als ich wissen wollte, was denn „Herthaner“ seien. Ich dachte, glaube ich, an Gebäck, schließlich gab es hier auch „Kameruner“. Er lachte sich tot. Und klar, auch beim Bäcker tappte ich in die „Berliner“- und „Brötchen“-Falle.

Meine erste Zeit in Berlin war eine Wanderung durch alle Fettnäpfchen dieser Stadt. Bis dahin war ich genau dreimal hier gewesen. Mit meinen Eltern, mit der Schule und bei einer Party, zu der wir an einem Tag nach Berlin trampten und am nächsten zurück. In meiner hessischen Kleinstadt genügte zur Orientierung die Kenntnis von drei Buslinien. In Berlin übte ich im ersten Semester das richtige Auf- und Zufalten des Falk-Plans. Erinnern Sie sich? Schrecklich! Eine längst verlorene Kulturtechnik.

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Auf Anraten eines Spandauer Freundes schaffte ich mir außerdem den „Kaupert“ an (damals noch ohne „-s“ am Ende). Hatte man das System einmal verstanden, navigierte einen das Straßenverzeichnis zuverlässig durch die damals noch halbe Stadt. Das blaue Buch enthielt sämtliche Infos zu allen Straßen, erschien im Taschenformat und mit robustem, abwaschbarem Einband.

„Kaupert“ und Robben & Wientjes: So organisierten sich die Berliner früher

Dazu buchte man kein Umzugsunternehmen, sondern rief ein paar Freunde an. Als ich das erste Mal umzog, riet mir ein Kommilitone: „Nimm dir ’ne Robbe.“ Bitte was? Gemeint war das Mietwagenunternehmen Robben & Wientjes, das auf einem Grundstück in Kreuzberg seine Transporter verlieh. Das Büro wirkte wie eine Mischung aus Asta-Zentrale und Kneipe. Die Autos waren oft verbeult. Als studentische Taxifahrerin lernte ich die „Fahrkünste“ der alternativen Hobby-Lastwagenfahrer zu fürchten.

Kundgebung gegen die Schließung des Flughafens Tegel
Als der Flughafen Tegel 2012 geschlossen werden sollte, war die Empörung groß. Viele Berliner wollten den letzten innerstädtischen Flughafen behalten. © picture alliance / dpa | Florian Schuh

Was mich zum Staunen brachte, war die Vehemenz, mit der man für oder wider etwas sein konnte. Auch die Objekte der Leidenschaft verwunderten mich. Beim Fußball gab es natürlich kaum eine Alternative. Beim Bier musste man sich zwischen Schultheiss und Kindl entscheiden, „Engelhardt“ galt als Notlösung. ICC und der „Bierpinsel“ waren Must-haves. Und wehe, man sagte etwas gegen den 70er-Jahre-„Charme“ der Wilmersdorfer Straße!

Auch bei Flughäfen gab es Fraktionen. War man für Tegel oder Tempelhof? Oder am Ende für Schönefeld, wo man damals für wenig Geld nach Jugoslawien flog? Das wurde als Verrat gewertet, ebenso die Nutzung der S-Bahn. Beide gehörten zur DDR. Die S-Bahn war erst 1984 von der BVG übernommen worden, viele Strecken waren stillgelegt.

West-Berlin – trotziger Stolz als Lebensgefühl

Den leisen Trotz, der bei allem Stolz oft mitschwang, verstand ich erst später. West-Berlin war aus unserer bundesdeutschen Perspektive die „Mauerstadt“ mit der dunklen Nazi-Vergangenheit. Wie es sich anfühlte, selbst hier zu leben, vielleicht mit Verwandten hinter der Mauer, mit Flucht- und Verfolgungsgeschichten in der eigenen Familie – das interessierte die Westdeutschen wenig. Man sprach auch lieber nicht darüber. Fragen stellte man nicht.

Durch die Mauer erklärten sich, natürlich, die Flughäfen als Herzensorte. Ebenso der Bahnhof Zoo, wo damals die Fernzüge in die freie Welt abfuhren. Es gab noch mehr Gründe, auf Berlin stolz zu sein. Einer war die trotz Blockade und Mauer verbliebene Industrie. Neukölln, wo ich damals lebte, roch oft durchdringend nach Hopfen wegen der Kindl-Brauerei im Rollbergviertel. Es duftete nach dem Kaffee der Jacobs-Rösterei in Britz. Und nach Bahlsen-Keksen aus Tempelhof. Als ich als Reporterin einmal einen Turbinentransport von Siemens begleitete, erlebte ich begeisterte Menschen am Straßenrand, die mir erzählten, was ihre Familien mit Siemens verband. Manche waren als Kind mit der Schule bei Werksbesichtigungen gewesen. Oder sie fanden einfach die gigantische Technik toll. „Made in Berlin“ eben.

Daran musste ich denken, als vergangene Woche wieder eine Turbine durch Berlin rollte. Demnächst jährt sich der Mauerbau zum 65. Mal. Manchmal würde ich mir etwas mehr Bewusstsein für dieses besondere Berliner Lebensgefühl wünschen. Dafür, was hinter dieser Stadt liegt. Was sie kann, auch in Krisen. Und was ihre Menschen ausmacht.

Die Kolumne „Stadtflucht“: Hier schreibt Morgenpost-Redakteurin Uta Keseling über die Merkwürdigkeiten des Alltags in Berlin und manchmal auch auf dem Land.