Rätselhafter Teigknochen

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Jörg Niendorf

Auf handgeschriebenen Tafeln taucht der Name oft im Stadtbild auf: Kameruner. Nicht alle großen Ketten haben die Verwandten vom Berliner Pfannkuchen im Angebot, aber die kleinen, die alteingesessenen Backstuben.

Auf handgeschriebenen Tafeln taucht der Name oft im Stadtbild auf: Kameruner. Nicht alle großen Ketten haben die Verwandten vom Berliner Pfannkuchen im Angebot, aber die kleinen, die alteingesessenen Backstuben. "Kameruner 50 Cent" steht dann da, wie gemalt mit Kreide oder grellem Eddingstift, in Schönschrift vom Bäckerei-Azubi. Oder "Kameruner 2 Stck. 80 Cent". Oder gar: "3 Kameruner 1 EUR". Das Gebäck macht offenbar erfinderisch.

In der Auslage am Tresen, zwischen Schweineohren, Quarkkeulchen und Streuselschnecken, macht der Kameruner aber nicht allzu viel her. Er ist ein Fettgebäck wie der runde, formschöne Pfannkuchen. Allerdings sieht er aus, als hätte man solch einen Pfannkuchen angepiekst und ihm das Fell über die Ohren gezogen. Irgendwie wirkt der Kameruner gebeutelt, mutwillig aus der Form gebracht. Da hilft auch die Puderung aus Zucker nichts. Er ist halt der Billig-Berliner. Ein verwegenes, urtümliches Gewächs von nebenan. Doch das ist er durch und durch. Kameruner kommen wirklich nur in Berlin vor. Allenfalls in Umlandbäckereien findet man sie noch.

Warum das so ist und warum der unprätentiöse schmalzgebackene Teigknochen ausgerechnet Kameruner heißt, das findet sich allerdings nirgends. Auch das macht ihn zu einem echten Unikum. Es gibt nichts schwarz auf weiß, was seinen Ursprung belegt. Ganz im Gegensatz zu all den anderen fritierten Vertretern aus der großen Hefeteigfamilie: den Pfannkuchen, Berlinern, Krapfen, Kreppeln, Prilleken und Fastnachtsküchel, über die es landauf landab Tausende Legenden, aber eben auch nachweisbare kulturgeschichtliche Quellen gibt. Je nach Region.

Über den Kameruner jedoch schweigt die Fachliteratur der Berliner Bäckerinnung beharrlich, ebenso die des Zentralverbands des deutschen Bäckerhandwerks. Weder bei der Bundesfachschule der Bäcker in Weinheim ist etwas zu erfahren noch beim Museum der Brotkultur in Ulm. Fehlanzeige. Als sicher kann allein gelten, daß der Begriff aus der Zeit zwischen 1884 und 1916 stammt, als das zentralafrikanische Kamerun eine Kolonie des Deutschen Kaiserreichs war. Seither taucht der Name auf, immerhin so viel weiß man. Außerdem folgendes: Früher nahm man zum Hefeteig auch noch Mürbeteiganteile hinzu, die sogen schön viel Fritierfett auf.

Das machte das Gebäck triefend und besonders nahrhaft. Vieles spricht dafür, daß es damit eine gute Wegzehrung für deutsche Soldaten im Grasland von Kamerun gewesen ist. Daß es womöglich von Köchen der Kolonialmacht in Afrika entwickelt wurde und danach als deutscher Reimport nach Berlin gelangte. Andererseits könnte seinerzeit der Name als Anspielung auf die Landesbewohner Kameruns entstanden sein, weil das Teigstück einigen Überlieferungen zufolge früher auch einmal eine dunkle Glasur mit Krokantstreuseln hatte. Doch all das ist hochsensibles Terrain, haarscharf an der Grenze zum Politisch-Unkorrekten. Da paßt es vielen wohl um so besser, daß es keine Belege gibt. So bleibt der Name unbehelligt. Alte wie neue Konditorenlehrbücher behandeln lediglich die Rezeptur für das "typische Berliner Gebäck". Es ist von schlichter Machart und immer ohne Füllung. Sein Aussehen wird nüchtern als "sehr traditionell" beschrieben. Kein Berliner Bäckermeister ist bereit, darüber hinaus zu deuteln. Keiner will sich dem Vorwurf aussetzen, dem unpolitischen Teigteilchen womöglich einen rassistischen Beigeschmack zu geben.

Es ist gar nicht so lange her, da hielt ausgerechnet die "antiimperialistische DDR" dem Billig-Pfannkuchen aus der deutschen Kolonialzeit besonders fest die Treue. Das ist ein guter Treppenwitz der Geschichte. Kameruner waren immer ein fester Bestandteil im Ostberliner Backwarensortiment, sie durften auch immer so heißen. Schließlich waren sie praktisch, denn man brauchte keine Marmeladenfüllung. Sie sind optimale Lückenfüller. Damals wie heute. Etwa in Zeiten des Mangels, sei es an Zutaten oder an Kaufkraft. Derzeit haben sie Konjunktur, weil sie preiswert sind. "An dem Namen störte sich noch nie jemand", sagt der Köpenicker Bäckermeister Ingo Felka. Jeden Tag im Morgengrauen stanzt auch er in einen Teil seiner Pfannkuchenteige ein Loch. So werden Kameruner daraus: Wie eine Schlaufe zieht Felka eine Teigecke durch die Öffnung. "Das haben wir zu Ostzeiten in der Ausbildung gelernt", sagt er. Dann wird das Gebilde noch einmal lang gezogen, in Fett gebacken und gezuckert. Fertig.

Der Vergleichstest ergibt: Genauso stellt auch ein Westberliner Bäckermeister seinen Kameruner her, zum Beispiel Kurt Berning, Firmenchef mehrerer Geschäfte in Schöneberg. Er hegt keine große Leidenschaft für das schlichte ungefüllte Gebäck, kennt aber auch dessen Vorzüge: "Auf Empfängen mag das gut sein, wenn es einmal nicht kleckern darf. Oder für Kindertagesstätten", sagt er. In Neuköllner, Tempelhofer und Weddinger Läden hat der billige Kameruner dagegen einen besseren Stand. Zwar produzieren ihn hier die meisten Bäcker nur alle paar Tage, doch immerhin. Wieder sind es aber gerade die Ostberliner Bäckereien, die am stärksten an dem robusten Traditionsgebäck festhalten. Zwischen Weißensee und Köpenick sind Kameruner jeden Tag der Renner. Ein bißchen ist es wie beim Berlinern: Je weiter vom Zentrum entfernt, desto doller.