Das mit Adolf Hitler wäre ihm nicht passiert. Niemals, sagt Roman Kaupert. Im Januar hatte der amerikanische Internetriese Google den Berliner Theodor-Heuss-Platz in die Nazizeit zurückgebeamt, zumindest dem Namen nach. „Adolf-Hitler-Platz“ stand da plötzlich auf dem Stadtplan zwischen RBB, Messegelände und „Block House“. Hohn, Spott und Empörung folgten prompt. Einige Stunden später war der „Fehler“ behoben und der erste bundesdeutsche Präsident wieder an seinem Platz.

Roman Kaupert kann darüber nur grinsen. Der 37-Jährige ist gewissermaßen die Personifizierung der Berliner Street-Credibility. Er trägt einen großen Namen. Nämlich den seines Großvaters, der 1946 „Kauperts Straßenführer durch Berlin“ erfand. Bis heute stellt das Werk in der Hauptstadt so etwas dar wie die Bibel des Straßenwesens. Jahrzehntelang stand das blaue Buch auf den Schreibtischen in allen Berliner Behörden, gehörte zur Grundausstattung von Anwälten und Lieferfirmen, Taxis, Feuerwehr- und Polizeiautos. Es sei vorgekommen, sagt Roman Kaupert, dass er bei Polizeikontrollen einfach weiterwinkt wurde. „Ach, der sind Sie?“ – „Ja, also eigentlich der Enkel ...“ – „Na, denn! Fahrnse weiter!“

Quasi ein Gesetz

Was im Kaupert stand, ist quasi Gesetz. Das gilt auch für Adolf Hitler, der sich in der ersten „Kaupert“-Ausgabe von 1946 tatsächlich auch findet, an gleicher Stelle wie auch bei Google, allerdings mit dem Zusatz: „Umbenannt in Reichskanzlerplatz“. Ab Ausgabe 1947 war Hitler weg – und blieb es auch. Wer heute den Theodor-Heuss-Platz mit dem Zusatz „kauperts“ googelt, bekommt die ganze Geschichte des Platzes korrekt erzählt. Auf kauperts.de, dem Ort, an den Roman Kaupert das legendäre Werk seines Großvaters fortsetzt.

Denn als Buch wird das Straßenverzeichnis nicht mehr erscheinen. „Papier hat sich überlebt“, sagt Roman Kaupert trocken. Er ist im Hauptberuf nicht Verleger, sondern betreibt eine Werbeagentur. Weil immer weniger Kunden den jährlich neu aufgelegten Band vorbestellt hatten, habe sich der Druck nicht mehr gelohnt. Zum einen lassen sich im Internet Adressen längst auf unterschiedlichsten Plattformen recherchieren: „Aber ein Grund für die Abbestellungen war auch der Sparzwang in den Behörden.“ Von rund 30.000 verkauften „Kaupert“-Exemplaren direkt nach der Wende war die verkaufte Auflage zuletzt auf nur noch 3000 Stück gesunken. Kaupert blieb auf 7000 gedruckten Exemplaren sitzen.

Ganz Berlin in einem Buch

Zumindest sah es bis vor Kurzem so aus. Doch seit der RBB im Fernsehen über das Ende der Berliner Straßen-Legende berichtete, stapeln sich in Kauperts Werbeagentur doch wieder versandfertige Pakete mit blauen Büchern. Wie das? „Vielleicht ist den Berlinern nun doch wieder eingefallen, dass so ein Straßenverzeichnis als Buch ganz praktisch ist“, sagt Kaupert. „Oder sie hoffen, dass eine Letztausgabe irgendwann antiquarischen Wert hat.“ Vielleicht ist es auch einfach Sentimentalität. Denn so spröde der gedruckte „Kaupert“ mit seinen Listen und Abkürzungen auf ortsunkundige Benutzer wirkt – nur Eingeweihte können sich an Angaben wie „AG Schbg, Pol 43“ erfreuen – er war eben immer auch das: ganz Berlin in einem Buch. Jede Straße ist darin verzeichnet, und jede Straße ist eine Geschichte. Und auch die Geschichte des Straßenverzeichnisses selbst ist spannend wie ein Buch.

Roman Kaupert sitzt am blankgeputzen Konferenztisch seiner Werbeagentur zwischen Bücherstapeln und Fotoalben. Seit die Nachricht vom Ende des gedruckten „Kaupert“ in der Welt ist, hat er auch er wieder angefangen, Fragen zu stellen. Wie kam sein Großvater überhaupt auf die Idee, etwas so Selbstverständliches wie Straßenlisten zu vermarkten? Warum wurde aus der schlichten Idee dieser Bestseller? Seinen Großvater selbst konnte der Enkel nie befragen. „Opa ist 21 Jahre vor meiner Geburt gestorben.“

Verbürgt ist: Schon der Urgroßvater des heutigen Werbefachmanns war Verleger. In Freudenstadt im Schwarzwald besaß Oskar Kaupert im 19. Jahrhundert eine Druckerei und gab eine Tageszeitung heraus. 1933 musste er sie an die Nationalsozialisten abgeben, kurz vor Kriegsende 1945 wurde sie samt dem Wohnhaus der Familie durch Artilleriebeschuss zerstört. Ein Jahr später machte sich Sohn Walter Kaupert im zerstörten Berlin mit einer Sisyphos-Aufgabe selbstständig. An der Friedrichstraße (West) begann er mit der Erfassung sämtlicher Firmen für das erste Branchenbuch Berlins nach dem Krieg. Das Nebenprodukt war, wenn man so will, jenes Straßenverzeichnis, das es heute noch gibt. Vielleicht, weil der Volksmund damals das Wort „Straßenführer“ nicht mochte, oder auch, weil „Kaupert“ so groß auf dem Titel stand – bis heute ist in Berlin „Kaupert“ das Synonym für das Straßenverzeichnis.

„Eine spontane Idee“

Nach dem Tod des Großvaters 1956 übernahmen den Verlag Erben in Bayern. Sohn Thomas Kaupert wurde Handwerker in Berlin. Erst Enkel Roman kaufte den Verlag 2008 zurück. Keine Sehnsuchtsentscheidung war das, sagt er, „eher eine eine spontane Idee.“ Die kam ihm nach einem Artikel in der Berliner Morgenpost. Da hatte er 2006 gelesen: Mit dem „Kaupert“ verbinde ihn, den Enkel, eigentlich nur noch der Name. Aber immerhin imponiere ihm das das unternehmerische Geschick seines Großvaters. „Er hat genau gewusst, was er wollte, und er ließ sich nicht beirren“, wurde er damals zitiert. Und jetzt? Einfach mal so das Erbe des Großvaters beerdigen?

Roman Kaupert schüttelt den Kopf und blättert ein Fotoalbum auf. Es zeigt Schwarz-weiß-Bilder eines Herrn im Büro, der ihm sehr ähnlich sieht, nicht nur wegen des korrekten Anzugs. 1950 hatten die Verlagsmitarbeiter ihrem Chef dieses Album zusammengestellt. Es erzählt vom Spaß an der Arbeit zwischen Aktenordnern und Papierstapeln. Nicht ganz unähnlich geht es auch heute beim Roma Kaupert zu, der mit seinen 15 Mitarbeitern an der Heerstraße in Charlottenburg arbeitet. Nur dass bei ihm, ganz modern, leere Tische und Wände das Bild beherrschen. Und wo der Senior stolz ein Werbeplakat in die Kamera hält: „Kauperts Straßenführer für Berlin“, zückt Roman Kaupert eine Fernbedienung.

Plötzlich leuchtet eine Wand raumhoch auf. Ein Stadtplan, per Beamer aus dem Internet an die Wand geworfen. Dies ist die Geschichte von Kaupert 2.0, wenn man so will. Kaupert erklärt, wie er die Zukunft sieht. Es hat mit seinem eigenen Beruf zu tun. Denn Verleger wollte er ja nie werden. Lehrer hatten seine Eltern gemeint, das sei doch ein krisensicherer Beruf. Also wurde er Student der Politologie an der FU, langweilte sich ein bisschen bei der Germanistik und bekam 2002 gemeinsam mit Kommilitonen den Auftrag, den Wahl-O-Mat zu entwickeln. Ein frühes Internet-Spielzeug mit ernster Absicht und großem Erfolg. Mit dem Wahl-O-Mat kann den Benutzer vor Wahlen seine politischen Vorstellungen mit denen der wichtigsten Parteien abgleichen. Millionen Wähler machen inzwischen davon Gebrauch.

Das Erbe des Großvaters

2007 fuhr Kaupert nach Bayern, um das zurückgekaufte „Erbe“ seines Großvaters zurück nach Berlin zu holen. „Da saß ich dann mit diesen ganzen Verzeichnissen und Büchern, und mir war klar: das ist ein Schatz, der virtuell gehoben werden muss.“ Während der Digitalisierung und Aktualisierung der Daten hatte er eine zweite Idee: Jede Straße hat eine Geschichte, warum sie nicht einfach erzählen? Im Internet gibt es schließlich keine Platzbeschränkung wie im Buch. Wieder war es fast ein Zufall, der ihm in die Hände spielte. Über Jahre hatte der Luisenstädtische Bildungsverein über die Geschichte von Berlins Straßen geforscht, Ende 2008 wurde ihm das Fördergeld gestrichen. Heute kommt das historische Wissen jedem Kauperts.de-Nutzer im Internet zugute. Für alle der gut 11.000 Berliner Straßen und Plätze gibt es zusätzliche Informationen.

Kaupert hat jetzt eine kabellose Tastatur zwischen den Bücherstapeln herausgezogen und beginnt, auf der Homepage an der Wand herumzuklicken. „Kennen Sie das? Ich wette nicht“, sagt er und gibt im „Suche“-Feld Begriffe ein. Wer Adressen und Postleitzahlen eingibt, erhält punktgenau die Ortsangabe auf dem Stadtplan – das ist gut, aber wenig überraschend. Auch Restaurants und Behörden sind zu finden. Was aber, wenn man gar keinen Namen oder Adresse zur Hand hat, sondern nur, sagen wir, ein dringendes Bedürfnis? Kaupert gibt „Umkreissuche“ ein und: „Pinkeln“. Und schon erfährt der geneigte Leser die Standorte der nächstgelegenen öffentlichen Toiletten.

„Verbessertes Suchgefühl“

Kaupert grinst. Er spricht vom „verbesserten Suchgefühl“, führt die Smartphone-App vor, er kann sich richtig hineinsteigern in sein Berlin-Spielzeug. Einen Moment klingt er wie die junger Start-up-Gründer. Er wird wieder ernst. Nein, sagt er, um den Kaupert online konkurrenzfähig zu machen, bräuchte es theoretisch tatsächlich eine große Investition. Eine Weile hat er entsprechende Gespräche geführt. „Aber wenn dann wurde ich immer nur gefragt: Wie, mit einem Verlag aus dem vorigen Jahrhundert?“ Er schüttelt den Kopf. „Für den Start-up-Boom waren wir mit unserer Idee zu früh, jetzt bin ich mit meiner Agentur ausgelastet.“ Zepter und Krone, seine Werbeagentur, bewirbt große Marken im Internet und im richtigen Leben, machte zwei Millionen Euro Umsatz im vergangenen Jahr. Der „Kaupert“, sagt Kaupert, sei für ihn inzwischen vor allem noch Pflege von Tradition. Richtig traurig klingt er nicht.

Im Berlin der neuen Gründerzeit, so sieht es aus, werden zurzeit viele Schätze gehoben, nur nicht die eigenen. Roman Kaupert blättert in einem der alten Bände, es ist die Ausgabe von 1961, dem Jahr des Mauerbaus, ein Zeitdokument. Im „Kaupert“ blieb Berlin auch nach der Teilung vereint. Während der Todesstreifen Ost und West trennte, blieben Karl-Marx-Allee und Karl-Marx-Straße im Verzeichnis Brüder im Alphabet – nur gekennzeichnet, einem Seufzer gleich, mit den Buchstaben (O) und (W).

„Freiheit“ wirft Fragen auf

Ein Straßenverzeichnis ist ja an sich keine Literatur, die zum zwanglosen Blättern anregt. Dennoch tut man es unwillkürlich. Ähnlich wie Wörter- oder Telefonbücher beginnt auch der „Kaupert“ mit seinem Leser zu sprechen. Straßennamen wie „Freiheit“ werfen Fragen auf, oder auch Plätze, die nur einen Buchstaben als Namen tragen. Und dann ist da die verlockende Lyrik der Liste:

Einhornstraße, Einödshofweg,

Einsiedelring und Einsteinstraße

Einsteinufer, Eintrachtstraße.

Ja, sagt Roman Kaupert, es gab viele Fans. Menschen, die sich in Straßennamen verliebten. Andere, die jeden Druckfehler entdeckten. Auch wenn es nie solche Schnitzer gab wie mit dem Hitler-Platz – einmal fehlten im „Kaupert“ gleich ganze sechs Seiten. „Katastrophe!“ Sie wurden nachträglich eingelegt.

Doch noch eine Buchausgabe?

Die meisten Leser mochten „ihren“ Kaupert wohl einfach als Alltagsding. Handlich, blau und abwaschbar in Gummi gebunden. Mit Anzeigen auf dem Umschlag, die vom wirklichen Leben erzählten. Immobilienmakler, Taxifirmen und Bestatter rahmten den Titel ein, der bis zur letzten Ausgabe gleich blieb: „Stadtführer durch Berlin“. Im Archiv des Verlags fand Roman Kaupert das Tagebuch eines Mannes, der diesen Auftrag wörtlich nahm. Ganz Berlin hat er zu Fuß abgeschritten, jede Straße vermessen und alle Ergebnisse handschriftlich notiert.

Vielleicht, sagt Kaupert, der Enkel, könne man ja doch noch über eine allerletzte Buchausgabe nachdenken. 2016, zum 70. Jahrestag des ersten Erscheinens. So würde, immerhin, Berlin die einzige Stadt Deutschlands bleiben, deren Straßen in einem Stück echter Literatur gewürdigt sind. Auf Papier, wie es sich gehört.